Eine kleine Adventsgeschichte

In der Adventszeit dürfen wir sie wieder über uns ergehen lassen, wahlweise uns an ihnen erfreuen: Geschichten mit viel Licht und Dunkelheit, mit armen Menschen und seligem Zuckerschmalz. Vorgelesen auf der vierunddrölfzigsten Adventsfeier bei Kerzenschein mit Butterplätzchen und Glühwein, eingerahmt in traute, glückliche Gesänge von Frieden und lieblichem Kind im Stall. Gestern, beim Genuss einer besonders sinnfreien Geschichte, dachte ich mir: Das kann ich auch. Doch ich muss gestehen: Mehr Schmalz und weniger Sinn als in der unten stehenden Erzählung habe ich nicht zustande gebracht. Darum: Für die die einen ist es eine wunderschöne Adventsgeschichte, für die anderen ist es die treffendste Parodie der Welt...

(Ob es jemand schafft, eine „adventigere“ Geschichte zu schreiben? Einfach als Kommentar hier posten. Dem Gewinner schicke ich einen selbstgebackenen Keks. Ehrlich. Falls meine Kinder sie nicht vorher alle aufessen.)


Ein eiskalter Wind heulte zwischen den Bäumen und fegte nassen Schnee über die beinahe menschenleere Straße. Eine einzelne verbogene Straßenlaterne tat ihr Bestes, um die tiefe Dunkelheit um sie her zu erhellen, doch konnte ihr armseliger Schein das dichte Schneetreiben kaum durchdringen. Einsam und verloren stand ein kleines Mädchen da, neben einer verfallenen Steinbruchmauer, die das angrenzende Grundstück von der Straße abgrenzte. Ihr Kleid starrte vor Schmutz. Es war an vielen Stellen zerrissen und außerdem viel zu dünn für die Jahreszeit. Die Schuhe des Mädchens waren tropfnass und fast zu Eisklumpen gefroren. Bibbernd von der eisigen Kälte trat das Mädchen von einem Fuß auf den anderen, doch sie bewegte sich nicht vom Fleck, als wartete sie auf etwas Bestimmtes. 

Plötzlich kam der alte mürrische Müller vorbei. Seine energischen Schritte knirschten auf dem unberührten Schnee. Seine Mundwinkel schienen dem Mädchen noch tiefer herabgezogen als sonst. Der alte Müller blieb laut schnaufend stehen, betrachtete das Mädchen eine Weile missbilligend und blaffte sie dann an: „Was machst du denn hier draußen bei dem Wetter? Solltest du nicht längst im Bett sein? Und überhaupt, du wirst dich fürchterlich erkälten. Geh heim!“

„Ich warte“ antwortete das Mädchen. Sonst nichts. Doch es lächelte den alten Griesgram dabei so freundlich und hoffnungsfroh an, dass das Lächeln sein seit so langer Zeit versteinertes Herz ein klein wenig erweichte. Er wusste selbst nicht, wie ihm geschah, doch auf einmal hörte er sich sagen: „Gut, dann warte ich mit dir. Aber nimm wenigstens meinen Mantel, ich friere nicht so schnell wie du.“ So stellte sich der alte Müller neben das Mädchen, das sich in den warmen Mantel des Müllers kuschelte. Schweigend standen beide in der tiefdunklen Nacht, frierend und erwartungsvoll.

Es dauerte nicht lange, da hörten sie ein leises Wimmern, wie von einem Baby. Es wurde immer lauter. Und tatsächlich: Aus dem Schneetreiben schälte sich der Umriss einer jungen Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm. Die Mutter wirkte völlig entkräftet, als hätte sie einen weiten Weg hinter sich mit ihrem Kind. Ihre Hände, die das Baby hielten, waren blau vor Frost. Das Baby aber war hungrig und schrie nun aus Leibeskräften.

„Komm zu uns und warte mit uns“, sagte das Mädchen. „Du kannst den Mantel vom Müller haben.“ Die Frau hüllte sich dankbar in den warmen Mantel und setzte sich auf die alte Mauer, um ihr Kind zu stillen. So saßen und standen sie nun und warteten in der kalten Nacht, ohne wirklich zu wissen worauf. Satt und zufrieden schlief das Baby schließlich ein. Stille breitete sich wieder aus, nur das Heulen des Windes in den Bäumen war zu hören. Keiner sprach, alle waren sie gespannt, was da kommen würde.

Da: Ein Klopfen. Tock-tock-tock. Und nach einer Pause wieder: Tock-tock-tock. Was das wohl sein konnte? Gebannt starrten sie in das Schneetreiben hinaus. Kündigte sich nun das an, worauf sie die ganze Zeit gewartet und gehofft hatten? Doch nein: Es war die alte Käthe, gebeugt vom hohen Alter, gestützt auf ihren Stock. Langsam, Schritt für Schritt, quälte sie sich durch die Dunkelheit.

„Komm, setz dich zu uns und warte mit uns“, sagte das Mädchen wieder. Und die junge Frau lud die alte Käthe ein, mit ihr und dem Baby die Wärme des Mantels zu teilen. Seufzend ließ sich die alte Käthe auf der Mauer nieder. Sie legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Nachbarin und war sofort eingeschlafen.

Plötzlich hörten die Wartenden in der Ferne ein seltsames Klingen, wie von vielen kleinen Glöckchen. Voller Erwartung starrte die kleine Gemeinschaft in die Dunkelheit hinaus. Schien es dort nicht ein wenig heller zu werden? Und ja, tatsächlich: Ein Licht kam auf sie zu. Ein warmer Schein wie von einer Sommersonne kam ihnen entgegen. Es schien ihnen, als hörte selbst der Wind auf zu pfeifen vor lauter Bewunderung für dieses strahlende Licht. Ganz hell wurde es um sie herum, ohne sie jedoch zu blenden, und alle Kälte in den Gliedern und in den Herzen schien auf einmal von ihnen abzufallen wie durch ein Wunder. 

Doch was war das? Etwas bewegte sich in dem gleißenden Licht, das sie umgab. Sie meinten einen großen Schlitten zu erkennen. Eine leuchtende Gestalt saß vorne und lenkte die Zugtiere. Die Flügel der Gestalt glänzten wie von purem Gold. Ohne ein einziges Wort winkte die Gestalt der armseligen Gruppe, einzusteigen. Das arme Mädchen, der mürrische Müller, die Mutter mit ihrem Kind, die alte Käthe: Alle gingen sie wie verzaubert auf diesen Schlitten zu und stiegen ein. Das letzte, was man von ihnen hörte, waren die Worte des Müllers. Er meinte: „So hat sich das Warten also doch gelohnt.“

Dann war der Schlitten wieder verschwunden und mit ihm das goldene Licht und die Wärme. Der eiskalte Wind heulte wieder zwischen den Bäumen und fegte nassen Schnee über die nun vollends menschenleere Straße. Die alte Straßenlaterne tat ihr Bestes, um die tiefe Dunkelheit um sie her zu erhellen, doch konnte ihr armseliger Schein das dichte Schneetreiben kaum durchdringen. Auf der verfallenen Steinbruchmauer aber lag ein alter, verschlissener Mantel. Der einzige Zeuge des Wunders, das hier geschehen war.