Klagelied an meinen Gott

geistvoll in die Woche
Klagelied an meinen Gott
Du sollst Dir kein Bildnis von Gott machen - aber Gedanken machen darfst Du Dir schon... Vor allem, wenn Dein Leben aus dem Ruder läuft und Du Dich fragst: Wer steuert eigentlich gerade in diese völlig bescheuerte Richtung? Und wem kann ich mein Leid klagen?

Manchmal treffe ich auf Menschen, die sich Gott so zurechtlegen, dass sich alle Widersprüche in Wohlgefallen auflösen. Der Gott dieser Menschen ist einfach nur knuffig, immer voll Liebe, aber vollkommen machtlos. Philosophen wie Hans Jonas zum Beispiel zählen da dazu. Jonas, der nach Auschwitz Gottes Allmacht einschränkte, um Gottes Güte zu retten. Sein Gott kann nach dem Schöpfungsakt nicht mehr handelnd eingreifen. Bei diesem Gott gibt es keinen Grund für Klagelieder, weil: er kann nichts dafür. Ein Bittgebet ist also vollkommen wirkungslos auf Gott, es hilft höchstens dem Menschen.


Andere Menschen hingegen haben sich einen Gott erschaffen, der alles steuert. Nichts geschieht gegen seinen Willen, alles ist von ihm so geplant und gedacht. Gottes Allmacht kontrolliert jeden Moment lückenlos. Das Leid ist entweder eine Illusion der menschlichen Perspektive (zum Beispiel bei Spinoza) oder Teil eines geheimen göttlichen Plans (zum Beispiel bei Calvin), Es ist jedenfalls nichts, worüber man sich ernsthaft beschweren kann. Bei diesem Gott gibt es ebenfalls keinen Grund für Klagelieder, denn alles hat seine Ordnung. Wer hier betet, der tut es nur, um den eigenen Willen Gottes unbegreiflichem Plan zu unterwerfen. 

Und dann gibt es Menschen wie Joshua Abraham Heschel, der eine Beziehung zu Gott sucht, ohne ihn zu entmachten, aber auch ohne ihm alles in die Schuhe zu schieben. Ein Gott mit Ecken und Kanten. Mit Gefühl - ein Gott mit viel Sehnsucht nach einer guten Welt - für deren Umsetzung und Erhalt er auf uns Menschen angewiesen ist.

Heschel lehnt die Vorherbestimmung strikt ab. Wenn alles determiniert wäre, gäbe es keine echte menschliche Verantwortung und keine echte Antwort des Menschen auf Gottes Ruf. Der Rabbiner, der tief in der biblischen Prophetie verwurzelt ist, lehnt deswegen aber auch die Idee eines ohnmächtigen Gottes ab. Für ihn ist das Schweigen Gottes ein zutiefst spirituelles, tragisches Beziehungsphänomen

Das Konzept Hester Panim (הֶסְתֵר פָּנִים) bedeutet wörtlich „Das Verbergen des Angesichts“. Es stammt aus der hebräischen Bibel und bezeichnet Phasen in der Geschichte, in denen Gott absolut abwesend, stumm und unsichtbar scheint, sodass Katastrophen ungehindert geschehen.

Für Heschel ist Gott kein Despot, der willkürlich wegschaut. Und auch keine handlungsunfähige Puppe, die nur betroffen zuschaut.

Hester Panim ist die direkte, tragische Konsequenz der menschlichen Freiheit. Wenn der Mensch sich entscheidet, grausam, ungerecht und gleichgültig gegenüber dem Leid anderer zu sein, baut er eine Barriere zwischen sich und Gott. In seinem Buch "Gott sucht den Menschen" erzählt Heschel von einem Gott, der - ähnlich wie ein Mensch - tiefe Gefühle empfindet. Wenn Gott sich im Zustand des Hester Panim verbirgt, dann tut er das nicht wie ein stolzer Herrscher, der schmollt, sondern wie ein Liebender, dessen Liebe zurückgewiesen wurde. Gott verbirgt sich und weint im Verborgenen, weil der Mensch aufgehört hat, ihn zu suchen. Das Schweigen Gottes in dunklen Zeiten ist kein Zeichen von Abwesenheit, sondern das stumme Weinen eines Gottes, der vom Menschen im Stich gelassen wurde. Aber: Gott ist berührbar und sehnt sich nach dem Dialog. Er will wieder zusammen mit uns Geschichte gestalten. Und er ist da und uns zugewendet - er lauscht seinen Geschöpfen. 
Bei diesem Gott machen Klagelieder und Bittgebete Sinn. 
Gott ist berührbar und sehnt sich nach dem Dialog. 
Er hört uns und ist da, auch wenn es nicht so aussieht. 
Es ist dieser Gott, mein Gott, dem ich Klagelieder singe, auf den ich weiter hoffe und dem ich helfen will, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. So ein Gott hilft mir - und so einem Gott will ich helfen. 
Und Du? 

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