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Heilige Momente

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Heilige Momente
Tau hören, Fische hören - und Gott als Gegenwart. Das gibt es. Jedenfalls im Kloster St. Ottilien.

Es gibt Menschen, die hören das Gras wachsen. Die Redewendung geht auf eine skandinavische Götter- und Heldensage aus dem 13. Jahrhundert zurück. Danach hatte Heimdall, der Wächter der Götter, so gute Ohren, dass er "das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen" wachsen hören konnte. Früher kannte man auch noch andere Redewendungen. Zum Beispiel, dass jemand "die Krebse nießen" oder "die Spinnen weben hören" kann. Die gibt es nicht mehr. Leider. Ich mag die alten Redensarten.

Übrig blieb das Gras. Wenn jemand das Gras wachsen hört, bedeutet das allerdings in der Regel nichts Gutes. Wer das Gras wachsen hört, ist kein Wächter, sondern ängstlich. Der hütet nicht die Anderen, sondern macht sich Gedanken über sich selbst. Überflüssige Gedanken. Heißt es. Warum eigentlich? - Ich würde gern Gras wachsen hören können. Kann ich aber nicht. Dafür kann ich Tau hören. Und hören, wie Fische an Pilzen knabbern. Jedenfalls in St. Ottilien, einem Benediktinerkloster. Dort war ich gerade. Zu Schweigeexerzitien.

Für Benediktiner ist Schweigen ein hohes Gut. Die erste Regel der Benediktiner spricht aber nicht vom Schweigen, sondern vom Hören. Neige dein Ohr und höre, lautet sie. Denn Schweigen ist nicht nur Nichts-sagen. Schweigen ist auch nicht einfach Still-sein. Schweigen ist Sich-öffnen. Schweigen ist: Hören.

Also machte ich mich auf den Weg, fünf Tage lang. Schweigend und hörend. Und hörte Fische, Tau und die Stille. Und jedes Mal, wenn ich etwas hörte, was man sonst nicht hören kann, empfand ich eine tiefe Freiheit. Und ich hatte auf einmal Platz. Platz für Gott. Es waren heilige Momente, allesamt.

Einmal, als mir das Hören partout nicht gelingen wollte, weil mein Herz schwer wurde und wegwanderte aus dem Kloster, hin zu dem, was hier nicht hingehört, zum Alltag und den Sorgen, erklangen plötzlich die Glocken. Mitten am späten Abend. Lauter und immer lauter. Als würde Jesus sagen: Hier spielt die Musik, Dong! Hier spielt die Musik, Dong! Ich bin die Musik, Dong! Ich bin da, Dong. Und auf einmal war Gott gegenwärtig. Auf einmal war Gott Gegenwart.

Gegenwart ist eigentlich ein seltsames Wort. Als sei die Gegenwart ein Zustand, der gegen etwas gerichtet sei. Gegen das Jetzt, gegen das Leben. Das ist Unsinn. In der Gegenwart zu leben, ist die einzig mögliche Form, überhaupt zu leben. Ich kann weder im Gestern noch im Morgen leben, sondern nur im Jetzt, in diesem Augenblick, der schon wieder vorbei ist, bevor ich das Wort "Augenblick" zu Ende geschrieben habe. Gegenwart ist nicht gegen, sondern für etwas. Für das Jetzt. Für das Leben.

Vielleicht bedeutet Gegenwart ja in Wahrheit etwas ganz anderes. Etwa, dass da jemand ist, der gegen etwas schützt. Ein Wart, ein Wächter, ein Hüter: ein Gegenwart. Einer, der schützt vor dem, was ablenkt. Der das Herz bewacht, zum Beispiel. Und die Gegenwart. Vielleicht ist ja Gott dieser Gegenwart. Der Gegenwart der Gegenwart …

Eines weiß ich jedenfalls ganz gewiss seit meiner Zeit in St. Ottilien: Gott kann das Gras wachsen hören wie einst Heimdall, der Wächter der Götter. Nur dass Gott nicht über die Götter wacht.

Sondern über mich.

 

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