Sie sind so berechenbar

Dem inzwischen ehemaligen Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen lässt sich vieles vorwerfen. Dass er nicht mit den Medien umzugehen verstünde, eher nicht ...

Zurzeit bereiten viele Medien ihre Jahresrückblicke vor. Wer erst am Jahresende damit kommt, ist im schnellen Nachrichten-Geschäft ja eher spät dran. Gewiss eine große Rolle spielen dürfte der inzwischen ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen. Schließlich gilt ihm derzeit die bereits zweite große Aufregungs-Schleife des Jahres – mit Recht. Sein Bemerkung über "linksradikale Kräfte in der SPD" spottet nicht nur jeder Beschreibung und ist daher ein Fest für die große Kabarett/ Comedy-Branche.

Sie verdient auch wegen der Deutungsmacht, die gerade der Verfassungsschutz über Radikalität ja besitzt, besorgte Aufmerksamkeit.

Maaßens Mitte Oktober in Warschau gehaltene Rede war und ist "im Wortlaut" zu lesen unter halbdüsterem Hingucker-Foto bei tagesschau.de sowie bei sueddeutsche.de. Schließlich lag das "Manuskript ... 'Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR vor". Über einen "Whistleblower, der offenbar Mitarbeiter des Bundesamtes ist" und sich an den Grünen Konstantin von Notz als Vertreter des Parlamentarischen Kontrollgremiums wandte, sei es aber auch bekannt geworden, berichtete das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" der Madsack-Medien, das die Rede natürlich auch veröffentlichte. Sie lag also "am Montagvormittag mehreren Medien im Wortlaut vor", wie faz.net schreibt, das sie ebenfalls veröffentlichte. Spiegel Online brachte sie, und eigentlich jedes Nachrichtenportal. Schon weil sie zum dpa-Angebot gehörte.

Das ist absolut richtig, einerseits, schon weil das dem gern geschürten Eindruck entgegenwirkt, dass Rede-Bestandteile aus einem größeren Kontext gerissen wurden. "Der Fehlende Part" heißt etwa eine online verbreitete Sendung des staatlich russisch finanzierten Portals RT Deutsch, das in den Meinungskämpfen mitmischt. Andererseits ist dem Beamten Maaßen damit etwas gelungen, was vielen Politikern nicht gelingt (worüber sie sich nicht immer zu Unrecht beklagen): eben überall ausführlich im Kontext zitiert zu werden.

Roter Teppich für Selbststilisierung?

Gewiss lässt sich die Meinung vertreten, dass Maaßen für sein Amt ungeeignet war (wie der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil früh sagte). Vielleicht auch die, dass er überfordert war, auch wenn dieser Begriff lieber mit Maaßens Dienstherr Horst Seehofer verknüpft wird (dessen Rücktritt nun auch wieder – keineswegs zum ersten Mal in diesem Jahr – viele fordern). Doch falls Maaßen seine lange Zeit erfolgreiche Behörden-Karriere in grober Verkennung der deutschen Medienlandschaft gemacht haben sollte, müssten allerspätestens die Reaktionen auf sein Interview mit der "Bild"-Zeitung im September ihn gelehrt haben, wie die Medien ticken. Das war die erste große Aufregungs-Schleife um ihn, und dass er danach nicht entlassen wurde (und Anfang November noch immer im Amt war), die Basis der zweiten.

Insofern: Spricht nicht vieles dafür, dass Maaßen genau wusste, dass die im Intranet seiner nicht sehr kleinen Behörde veröffentlichte Rede an diese Medien, die ihn sowieso auf dem Kieker haben, gelangen würde und sie genau so reagieren würden? Beweisen lässt es sich nicht, aber auch nicht ausschließen. Bloß in der Berichterstattung kommt diese Möglichkeit praktisch nicht vor. Eher wird wie so oft ein bisschen gewetteifert, wer erster war, oder der Eindruck erweckt, Maaßen habe sich übertölpeln lassen.

"Man könnte seine Rede als Bewerbung für ein Amt in der AfD lesen. Vor allem aber kommt sie einem Brandsatz gleich",

heißt es in einem der schärfsten neuen Kommentare gegen Maaßen (bei zeit.de, unter der guten Überschrift "Im Felde unbesiegt"; Reden-Text übrigens inklusive). Wird so ein "Brandsatz" entschäft, indem sämtliche Nachrichtenmedien ihn vollinhaltlich veröffentlichen? Oder bereiten die Medien damit der Selbststilisierung den roten Teppich aus?

Alle melden, was alle melden

Keinem einzigen der Nachrichtenmedien lässt sich ein Vorwurf machen. Sie stehen alle in mehreren heftigen Konkurrenzkämpfen. Die aktuelle "epd medien"-Ausgabe (von der nur die Einleitung frei online steht) enthält einen Text der sueddeutsche.de-Chefredakteurin Julia Bönisch, der auf einem Vortrag in der Evangelischen Akademie Tutzing basiert und unter der Überschrift "Wir optimieren permanent" die Arbeit der Nachrichtenportale schildert. Ein wesentlicher Aspekt ist die permanente Messbarkeit des Klick-Erfolgs jedes Artikels:

"Diese Messbarkeit hat natürlich eine Auswirkung auf die Arbeit in Onlineredaktionen. Texte, die beim Leser 'nicht funktionieren', haben oft keine große Sendezeit. Wenn uns ein Thema trotzdem am Herzen liegt, gehen wir an die Verkaufe: Funktioniert eine andere Zeile besser? Finden wir ein knackigeres Bild?"

"Sendezeit" bedeutet die Zeit, die neue Artikel bekommen, um viel geklickt zu werden, bevor sie vielleicht neue, mehr Klickanreize bietende Vorspänne bekommen oder gleich weiter unten verschwinden. Die Konkurrenz besteht darin, dass im Netz "das nächste Angebot ... immer nur einen Klick entfernt" ist, also alle Nachrichtenportale laufend um dieselben Nutzer rivalisieren, sowie in "Drittplattformen", nämlich "Angeboten, deren Betreiber zwischen den Medienunternehmen und dem User stehen – und die eigene kommerzielle Interessen verfolgen". Das sind Google und Facebook, die am deutschen Online-Werbemarkt längst den größten Anteil haben und die Einnahmemöglichkeiten aller anderen minimieren.

Konkurrenzbeobachtung gehört natürlich auch zum harten Geschäft der kommerziellen Onlineredaktionen – und kann sich darauf verlassen, dass überall nur solche Artikel länger oben stehen, die funktionieren. Wenn die neue Maaßen-Aufregung bei denen gut läuft, die sie vielleicht als erste hatten, ist es aus Sicht der Mitbewerber doof, darauf zu verzichten. Kurzfristig hilft das sicher oft im Kampf um die Aufmerksamkeit und die damit verbundenen Einnahmen.

Noch mal: Keiner einzelnen Redaktion lässt sich ein Vorwurf machen. Bloß mittel- und langfristig haben die herrschenden Mechanismen Kollateralfolgen. Erstens führen sie zum Eindruck, dass alle auf sehr ähnliche Weise melden, was alle melden, und die Vielfalt der Medien nur scheinbar ist. Das wird bekanntlich von weit rechts und aus anderen, echt radikalen Richtungen instrumentalisiert. Zweitens macht die Mechanik die Medien verdammt berechenbar. Wer seine Positionen unterbringen möchte, braucht einen (Partei- oder Eigen-) Namen, mit dem die Medien und ihre Nutzer schon etwas anfangen können, und ein paar bewährte Reizworte in einer unverbrauchten Wendung – oder einer Hinguck-Aufhorch-Kombination à la SPD und "linksradikal". Wer beides aufweisen kann, wird in aller Länge und Breite rauf und runter zitiert. Das hat Hans-Georg Maaßen eindrucksvoll bewiesen.

Natürlich ist das leicht gesagt (zumal auf einem nichtkommerziellen Portal wie evangelisch.de), aber gegen Instrumentalisierung aller Art – durch Algorithmen und Bots wie durch Parteien oder Prominente – als auch im publizistischen Wettbewerb hülfe den Nachrichtenmedien, etwas unberechenbarer zu sein. Auch mal Themen setzen zu wollen, die andere nicht setzen, und dabei zu bleiben, wenn sie nicht durchdringen. Oder nicht jede Aufregung in immer mehr, neuen Meldungen inklusive all dessen, was weitere Personen gesagt oder getwittert haben, um auch noch zitiert zu werden, weiterzuverbreiten.

Dass die meisten solcher Meldungen von vielen Nutzern gar nicht im Detail gelesen – beziehungsweise: auch nur angeklickt – werden, sondern bloß als Vorspann oder Teaser voller suchmaschinenoptimierter Reiz- und Schlüsselwörter an ihnen vorbeiziehen, gehört schließlich auch zum harten Geschäft.