Fast schon eine Ikone der Pressefreiheit

Natürlich ist gar nichts gut daran, dass Deniz Yücel seit über einem Jahr in türkischen Gefängnissen sitzt. Bloß wenn er endlich wieder frei ist, wird es außer für den Journalismus auch für den abstrakten Wert der Pressefreiheit gut sein.

Ob die "Hoffnung" auf Deniz Yücels Freilassung, die der türkische Ministerpräsident Yildirim aktuell selbst im "Tagesthemen"-Interview äußerte, sich nun erfüllt oder wieder nicht, ist so unklar wie die Lage des früheren "taz"- und aktuellen "Welt"-Journalist seit inzwischen über einem Jahr. Der türkische Politiker, der am heutigen Donnerstag zum Staatsbesuch im Berlin ist, wollte eben den Eindruck in den deutschen Nachrichtenstrom einspeisen, dass es sich bei seinem Land um einen Rechtsstaat handele, in dem es eine unabhängige Justiz gebe und Politiker solche Entscheidungen gar nicht treffen können.

Zuletzt gingen ähnliche Freilassungs-Hoffnungen Anfang Januar durch die Nachrichtenmedien, als Außenminister Sigmar Gabriel unter großem Medien-Hallo in Goslar seinen türkischen Kollegen empfing und es schien, Yücel könne im Austausch gegen deutsche Rüstungsexports-Zugeständnisse freigelassen werden. Seither ist schon wieder sehr viel passiert – unter anderem ist die Türkei in einen Krieg in benachbarten Bürgerkriegsstaat Syrien gezogen (der im deutschen Nachrichtenstrom, der offizielle Verlautbarungen gerne übernimmt, selten so genannt wird). Und über alles, was Sigmar Gabriel seither zugestoßen ist und er angerichtet hat, ließe sich ein Roman schreiben.

Viele aktuelle Yücel-Fotos gibt es nicht

Erfreulich sehr viel wurde seit einem Jahr auch über Deniz Yücel geschrieben. Gerade erschien das Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", über dessen abenteuerliche Entstehungsbedingungen ebenfalls bereits allerhand geschrieben wurde. "Da trifft Victor Hugo auf die Olsen-Bande", fasste Juliane Wiedemeier im Altpapier zusammen. In Deutschland wurde viel demonstriert, nicht zuletzt in der Erscheinungsform der Autokorsos (an die viele Zeitgenossen kaum mehr ohne Yücel-Bezug denken können werden). Und viele Yücel-Fotos wurden, oft in stilisierter Form, sehr bekannt. Beziehungsweise genauer genommen: Es sind umständehalber sehr wenige, aber umso öfter geteilte und verbreitete Yücel-Fotos.

Das ist mit das eigentlich Phänomenale. Gerade weil Yücel – anders als nahezu jeder andere Zeitgenosse – nicht immerzu fotografiert werden (oder sich selbst fotografieren) kann und nicht für Interviews zur Verfügung steht, sondern sogar seine Sätze aus der engen Zelle nur mittelbar an die Öffentlichkeit bringen kann, ist er zur Ikone der Pressefreiheit geworden, wie es zumindest in diesem Jahrhundert in Deutschland noch keine gab. Das hat er natürlich nicht angestrebt; würde jemand so etwas anstreben, könnte es gar nicht gelingen. Und es hängt mit vielen Faktoren zusammen: mit dem Engagement seines Freundeskreises, mit der ziemlich großen Medienkoalition von "Welt" bis "taz", und mit dem sogar nach eigenen Maßstäben unrechtmäßigen Gebaren der türkischen Justiz, die nach einem Jahr noch nicht mal eine Anklage gegen ihn formuliert hat. Sowie mit Yücels Haltung, die auf schwierigen Umwegen umso bekannter wird. Fast seltsam, dass bei all den Umfragen, die immerzu angestellt werden, noch niemand herausfinden wollte, wie bekannt Yücel anhand seines Fotos inzwischen ist. Vielleicht noch nicht auf Che-Guevara-, aber auf James-Dean-Niveau sollten die Yücel-Bilder sich im Inland schon bewegen.

Wer auch mit zur Ikonisierung beiträgt: weiter rechts stehende Kreise, die bekanntlich gut darin sind, die sogenannten sozialen Medien für ihre Zwecke zu nutzen, und daher auch die häufig trendenden Yücel-Hashtags wie vor allem #FreeDeniz benutzen, um Freude über seine Haft zu äußern. Von ihrer Seite werden Zeilen wie "Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite" gerne zitiert. Er stammt, entkontextualisiert, aus dieser "taz"-Kolumne von 2011.

"Zauber-Dörfer" und "das N-Wort"

Yücel war (und ist hoffentlich sehr bald wieder in größerem Ausmaß) ein streitbarer und umstrittener Autor, der mehrere große Schritte unternommen hat: den von der linken, kleinen "taz" zum großen, jedenfalls nicht-linken Springer-Verlag (und vorher den von der noch kleineren und linkeren "Jungle World" zur "taz"), sowie den vom so provokanten wie guten Kolumnisten zum politischen Korrespondenten.

In der "taz" schrieb er beispielsweise auch, in einer Ausgabe der Fußball-WM-Kolumne "Vuvuzuela" 2010, vom "Sexy-Chilly-Funky-Punky-Trendy-Super-Duper-Knuddel-Wahnsinns-Märchen-Zauber-Deutschland" und von "unseren Zauber-Städten und Zauber-Dörfern", im Rückblick aufs Viertelfinale, das Deutschland gegen Argentinien gewann. Sowie von "Gurkdeutschen", im Rückblick auf die anschließende Halbfinal-Niederlage. Yücel verstand es (und versteht es weiterhin, wie seine wenigen, seinen Anwälten diktierten neueren Veröffentlichungen und ihre Überschriften belegen), sich Tonfälle aus allen Milieus und allen vielen Formen öffentlicher Medien- und Meinungsäußerungen anzuverwandeln, um sie produktiv zu persiflieren. Wie Yücel an sämtliche Grenzen der nie genau definierten, aber ähnlich oft eingeforderten wie als verletzt betrachteten politischen Korrektheit ging (und hoffentlich bald wieder geht), zeigte auch "Der Eklat um das N-Wort" auf fem "taz"-Kongress 2013. In der Kolumne "Nein, du darfst nicht", die im neuen Buch enthalten ist und auf der Buchpremiere gestern abend (hier zu sehen) von Mark Waschke vorgelesen wurde, thematisierte er auf die gleiche, deutliche Weise islamischen Antisemitismus, der in vielen deutschen Medien auch 2018 noch sehr, sehr vorsichtig angesprochen wird – im Juli 2014. Für Springers "Welt" wurde er dann zum nicht-ironisch berichtenden Türkei-Korrespondenten, der zum Beispiel Ende 2016, kurz vor seiner Verhaftung, mit bekannt machte, dass Imame der vom türkischen Regime gesteuerten Ditib in Deutschland spionieren.

Kurzum: Yücel beherrschte und beherrscht ganz unterschiedliche Stil- und Spielarten des Journalismus. Er ging auch als Reporter dortin, wo es weh tut, auch ihm selbst. Aus seinen Texten kann sich jeder Belegstellen rausziehen und für jedes beliebige Interesse verwenden, auch gegen Yücel. Das ist ein Phänomen der Medien-Gegenwart, von dem er schon immer wusste und mit dem er spielte. Inzwischen weiß er es vermutlich besser als irgendein anderer lebender deutscher Journalist.

An den Fall Yücel, der in der Türkei ja nur ein Fall von tausenden ist, ließen sich noch jede Menge große Fragen anknüpfen. Wie stimmig das Konzept des "Westens" und der NATO überhaupt noch ist, nun, da das wichtige NATO-Mitglied Türkei auch mit deutschen Waffen in den Krieg in Syrien einsteigt und dort Verbündete anderer NATO-Staaten bekriegt, darunter der NATO-Führungsmacht (über deren aktuellen Präsidenten ja ohne hin viel gestritten wird ...). Oder wie stimmig das deutsche Konzept der doppelten Staatsbürgerschaft aus dem Jahr 2000 ist. Dem Doppelstaatsbürger Deniz Yücel hat es in der Türkei jedenfalls nicht geholfen. Eher half es der Türkei, ihn als prominente "politische Geisel" (Reporter ohne Grenzen) zu identifizieren. Andererseits: Ohne dieses Konzept wäre Yücel vermutlich nicht zu dem Deutschen geworden, der den hierzulande zum Glück ziemlich abstrakten Wert der Pressefreiheit inzwischen fast idealtypisch verkörpert.

Über all das und noch viel mehr könnte und sollte diskutiert werden – am besten natürlich mit Leuten, die über solche Eloquenz, Erfahrungen und Glaubwürdigkeit verfügen wie Deniz Yücel.