Sünde – eine unanständige Annäherung

Sünde – eine unanständige Annäherung
Bibel mit Regenbogenlicht
Getty Images/iStockphoto/D-Keine
Es ist Pride Month. Nicht nur Zeit der Paraden, sondern auch queer-feindlicher Narrative. "Das ist Sünde" ist eines der gängigsten Zerrbilder gegenüber queeren Lebensweisen. Was sagen eigentlich queer-theologische Entwürfe zu dem sperrigen Konzept "Sünde"? Darum soll es in dieser Woche gehen.

Der Juni hat begonnen und mit ihm der LGBTQIA* Pride Month. Dass es genau dieser Monat ist, hängt mit den Morgenstunden des 28. Juni 1969 zusammen. Damals führte die Polizei eine ihrer üblichen schikanierenden Razzien in der queeren Bar Stonewall Inn durch. An jenem Morgen war der Kipppunkt erreicht. Die Community hatte genug. Es folgte Widerstand in Form von sechstägigen Aufständen und Demonstrationen. Bis heute feiern wir ihn, den Christopher Street Day, für queere Sichtbarkeit, für gleiche Rechte, gegen Diskriminierung und gegen Entwürdigung. 

Ein entwürdigendes und toxisches Narrativ, dem sich die queere Community seit den Anfängen wehren muss, ist ein christliches. Es lautet heruntergebrochen: sexuelle Vielfalt ist sündig und Geschlechterdiversität entspricht nicht einer gottgefälligen Schöpfungsordnung. Diese theologischen Figuren tauchen in unterschiedlichen Gewändern auf, haben aber immer eine Grundrichtung: queer sein (in welcher Form auch immer) ist Sünde. Leider ist dies kein verstaubtes Relikt aus schweren Kirchengeschichtsbüchern. Man muss nur einmal in die Kommentarspalten von queeren Content Creator*innen auf Facebook oder Instagram schauen oder zu lange nach Luft schnappen in den konservativen Christfluencer-Bubbeln. Dann nimmt man wahr, wie regelmäßig dieses Narratives bemüßigt wird (als wäre das Herausfinden, welche sexuellen Akte zwischen welchen Geschlechtern wie erlaubt sind, der zentrale Punkt des Christentums). Sicherlich ist dies kein Kavaliersdelikt. Wer das Privileg hat, die verheerenden Auswirkungen toxischer Theologien nicht zu kennen, sollte wenigstens etwas Zeit auf die Recherche von sogenannten Konversionstherapien verwenden, queeren Aktivist*innen zuhören oder gleich das Buch „Bad Theology Kills” von Kevin M. Garcia lesen.

"Ein beschädigter Code"

Zum Thema Sünde selbst lässt sich theologisch viel (und viel Wichtiges) sagen. Ich kenne allerdings kaum eine gegenwärtige Abhandlung aus der wissenschaftlichen Community, die nicht erst einmal mit einer Problemanzeige einsteigen muss: über ein sperrig gewordenes Konzept, einen Begriff, der kaum mehr sprachlich zu brauchbar scheint, oder schlicht einen "beschädigten Code" (Thorsten Dietz). Viel zu lange und häufig wurde Sünde in moralisierenden Kurzschlüssen und Missverständnissen verwendet, als umfassende Abwertung der ganzen Person oder ganzer Personengruppen. Die LGBTQIA* Community ist hier lebendiges Zeugnis für diesen grenzüberschreitenden und Integrität absprechenden Gebrauch. Es gibt natürlich durchaus anregendes zum Thema: Entwürfe, die Sünde im Horizont der Selbsterkenntnis zur Sprache bringen. Sünde aus der Ich-Perspektive in meinen Welt- und Gottesbezügen. Und das eben nicht als moralisierende Fremddeutung, sondern in einer lebensförderlichen Art, die einer Selbstannahme nicht im Wege steht. Im Gegenteil, in einer Weise, die sprachfähig macht über alle Facetten des Mensch-Seins und dabei Schuld, Scham und destruktive bzw. Lebens-negierenden Kräfte nicht ausblendet, ohne sie zu bestimmten Taten-Sphären oder Emotionen kurzzuschließen. Nicht in der Abwertung Einzelner, sondern in Sinn des geflügelten Wortes "nichts Menschliches ist mir fremd".

Sünde queer gelesen

Mich interessiert in dieser Woche also dies: Wie gehen queer-theologische Entwürfe mit dem sperrigen Thema Sünde um? Was macht die Community, die gegen das Joch toxischer Theologie aufsteht, eigentlich mit dem Konzept? Wenn ich mich umschaue, erkenne ich zwei unterschiedliche Zugänge. Auf der einen Seite stehen apologetische Strategien. Sie stellen sich dem Phänomen, dass Bibelpassagen aus dem Kontext genommen und herangezogen werden für die Stigmatisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Apologien versuchen dann solche – für die Community mittlerweile zu "texts of terror" (Phyllis Trible) gewordenen – Bibelzitate zu entkräften. Sie rekontextualisieren diese Passagen und zeigen, warum Christ*in sein und queer sein sich nicht ausschließt. Im Gegenteil, man kann Bibelgeschichten auch queer lesen und hier Resonanzräume für queere Lebenserfahrung finden. Eine zweite Variante innerhalb der apologetischen Strategien ist es auszuweisen, warum das Christentum eigentlich schon immer queer war bzw. richtig verstanden ein queeres Unterfangen ist (so bspw. Patrick Cheng in seiner Einleitung "Radical Love"). Das machen die einen. 

Auf der anderen Seite steht eine queere Theologie, die sich nicht verteidigen will, noch muss. Eine queere Theologie, die sowieso schon an unanständigen Orten betrieben wird: mit dem Rosenkranz im Dark Room oder ohne Unterwäsche auf Barhockern queerer Kneipen oder bei geteilter Zigarette auf der Treppe des Clubs. Theologie als Verkörperung in den Räumen, die gesellschaftlich anstößig sind bzw. von ihr "verunanständigt" werden. Was raunt man sich hier zu, auf der schwarzen Ledercouch zum Thema Sünde? Vielleicht dies: Was hätten wir heute für eine Theologie, wenn Karl Barth den Zustand seiner Ehe und die begehrlichen Blicke im Arbeitszimmer zu Charlotte von Kirschbaum ehrlich reflektiert hätte, anstatt in seiner Dogmatik die Unterordnung der Frau unter den Mann zu zementieren (Althaus-Reid 2000, 49.120)? Was hätten wir heute für eine Theologie, wenn nicht Hanna Tillich in ihren Memoiren, sondern Paul Tillich sich selbst ehrlich gemacht hätte über seine sadomasochistischen Sehnsüchte und gelebten Bondage Praxen (Althaus-Reid 2000, 88f)? Welche theologischen Spuren wären hier jenseits abstrakter Konzepte entstanden? Was wäre, wenn queere Theologie nicht damit beschäftigt wäre, Homosexualität in die Kategorie "erlaubt" einzuordnen? Was ist, wenn Sünde nicht eine neue Trennung von Ingroup und Outgroup kreieren würde? Sondern Solidarität untereinander stiften könnte, eben in genau dem Doppelstatus aus Kreatur und Sünder*in? Kein neues Verteilungssystem, sondern eine Sodomite Theology (Tonstadt 2016, 123f). Was wäre, wenn nicht die Dark Rooms oder Gay Bars anstößig wären, sondern die "Verurteilung des Bösen des Anderen [als] ein perverses Vergnügen" erkannt werden würde? (Tonstad 2016, 127, Übersetzung ST). Im schwummrigen Licht der Szenekneipen lässt sich viel entdecken. Über Gott und mich. In diesem Sinne flüstere ich weiter – ob auf der Straße oder in den Hinterzimmern, habt einen unanständigen, einen widerständigen Pride Month! 

Und wer lieber in Café sitzt und weiterdenken möchte, hier nochmal die oben genannten Lesetipps:

  • Marcella Althaus-Reid, Indecent Theology. Theological Perversions in Sex, Gender and Politics, London/New York 2000. (Mittlerweile auch in deutscher Übersetzung erhältlich)

  • Patrick Cheng, Radical Love. An Introduction to Queer Theology, New York 2011. 

  • Linn M. Tonstad, Everything Queer, Nothing Radical, Svensk Teologisk Kvartalskrift 92 (2016). 

  • Kevin M. Garcia, Bad Theology Kills. Undoing Toxic Belief and Reclaiming Spiritual Authority, Atlanta 2020.

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