Im Labyrinth der Kleinstadt

Foto/Montage: Rainer Hörmann; Buchcover: Querverlag
Queere Literatur
Im Labyrinth der Kleinstadt
Ein mysteriöser Todesfall, das Mauern der Einheimischen und eine latente Homophobie begegnen einer lesbischen Pastorin bei ihrer Ankunft in einer ostdeutschen Kleinstadt. Aus der Großstadt bringt sie zudem ihre persönlichen Konflikte mit. Beste Zutaten für den Debütroman „In Hinterräumen“ von Katharina Scholz.

Gleich zu Beginn beschleicht die Pastorin Kalli Krause das Gefühl, „in den Dreh einer Inspector-Barnaby-Folge gestolpert zu sein. Ich rechne die ganze Zeit damit, eine Leiche im Glockenturm oder unter der Kaffeetafel vorzufinden. Oder in der kleinen Kammer, die an mein Büro grenzt.“ Die Leiche wird es geben, wenn auch an ganz anderer Stelle. Und mit der fiktiven südenglischen Grafschaft Midsomer, in der Barnaby ermittelt, hat der fiktive Ort Moorstede gemeinsam, dass auch hier alle sehr bemüht sind, trotz allerlei seltsamer Vorgänge die Fassade der Wohlanständigkeit zu wahren. Doch was in Göttin Namen hat die Pastorin, Mitte dreißig, bewogen, sich aus Schwerin in diese Kleinstadt in der mecklenburgischen Provinz, man könnte auch Pampa sagen, versetzen zu lassen? Was ist in ihrer Wahlfamilie mit zwei anderen Frauen und dem Kind Merle vorgefallen, dass sie das Weite bzw. die Enge Moorstedes sucht?

Kaum angekommen, gehört zu ihren ersten Amtshandlungen die Beerdigung von Luisa, der jüngsten Tochter der in der Region angesehenen und einflussreichen Unternehmerfamilie Stuvemann. Die Trauerfeier wird von dem Mädchen Agnieszka (Agi) gestört. Sie hatte, das wird schnell offensichtlich, wenn auch nicht offen gesagt, eine Beziehung zur 17-jährigen Luisa. Durch diesen und weitere Vorfälle beginnt Kalli sich für Luisas frühen Tod und dessen Umstände zu interessieren, doch bei den Einheimischen stößt sie fast überall auf Mauern des Schweigens. Und von der den Ort dominierenden Familie Stuvemann kommt die unverhohlene Drohung: „Behalten Sie Ihren Lebensstil für sich, wenn Sie hierbleiben wollen.“ Selbst als eine Spur zur Beratungsstelle Buntes Morstedt führt, bei der Luisa und Agi Hilfe suchten, wird ihr vom schwulen Mitarbeiter Bernd geraten, sich nicht einzumischen. Und im Kirchgemeinderat setzt sich der dubiose Arzt Dr. Plessner mit dem Vorhaben durch, für einen Vortrag eine Rednerin einzuladen, die für ihre homophoben Ansichten bekannt ist. 

Während sich diese Dinge zuspitzen, muss sich Kalli in das Gemeindeleben einarbeiten und auch mit ihren privaten Konflikten zurechtkommen. Hilfe sucht sie bei ihrem Vorgänger Pastor Fuchs. Er nimmt ihr die Beichte ab – bei einem Wandel durch eine labyrinthische Anlage auf dessen Gut Cauben. Was ihr dieser dabei über Labyrinthe und Irrgärten erzählt, darüber, welches der richtige Weg ist inmitten von Seitenpfaden, Biegungen und Sackgassen, das lässt sich als Folie für die Suche nach dem christlichen Glauben wie für das Lösen von Kriminalfällen lesen und ist zugleich auf spannende Weise Teil der Lösung. Die zu finden wird dringlicher, als Kalli nach einer recht unrühmlich durchzechten Nacht eine Leiche findet und selbst als Täterin ins Visier der ihr – Überraschung! – nicht ganz unbekannten Kriminalhauptkommissarin Kirsten Mathiesen gerät.

Auf 400 Seiten entfaltet Autorin Katharina Scholz, aufgewachsen im ländlichen Sachsen-Anhalt, ein vielfältiges, ebenso amüsantes wie spannend-mysteriöses Tableau der Bewohnerinnen und Bewohner von Moorstede und gibt einen Einblick in das Leben einer lesbischen Pastorin und ihrer Versuche, sich in einer Kleinstadt und deren Gemeinde zurechtzufinden. Dazu gehören nicht zuletzt die Gemeindehelferinnen und Zwillingsschwestern Britta und Brigitte Schmied, die zunächst recht tüdelig wirken, es aber faustdick hinter den Ohren haben. Doch was für den Roman und dessen Hauptfigur einnimmt, ist, dass Kalli Krause alles andere als die gute, gütige Vorzeige-Christin ist. Wenn es etwa um die Geschehnisse geht, die zu ihrer Flucht aus Schwerin führten, erweist sich ihr Verhalten in dem privaten Konflikt alles andere als sensibel (um es nett zu sagen). In Ansätzen ist sie sogar, bei aller Sympathie und allem Verständnis, mit ihren Panikattacken, ihrem Alkoholkonsum eine Antiheldin. Und passt gerade in ihren Widersprüchlichkeiten zu den Menschen der ostdeutschen Kleinstadt, die ebenfalls nicht als eindimensionale Stereotype gezeichnet werden. Alle haben ihre eigenen Geschichten, ihre eigenen Wunden, Geheimnisse und manche eben auch Leichen im Keller. Und alle versuchen, mit den Bedingungen, die sie vorfinden, zurechtzukommen. Die einen redlich, die anderen kriminell. 

An einer Stelle des Romans reflektiert Kalli darüber, wie sie zum Glauben fand und was er ihr bei allem Zweifel heute noch bedeutet. In einem Interview hatte sie einst gesagt, dass er für sie ein Versprechen wäre, Heimat zu finden. Ein Versprechen, von dem man nach der Lektüre des Romans ein wenig hofft, dass Moorstede der richtige Platz zu dessen Erfüllung werden möge.

Buchinfo: Katharina Scholz: In Hinterräumen. Roman, Querverlag 2024, 408 Seiten, 18 €, ISBN 978-3-89656-341-5.

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