Ich komme aus Bielefeld. Ich bin dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. Wir Bielefelder:innen teilen wohl ein Schicksal jenseits der Stadtgrenze: Es gibt wohl keine Vorstellungsrunde, kein Partygespräch, in dem nicht mindestens einmal der Satz fällt "Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht!" Ich nehme es mit Humor. Etwas anderes gehört auch zu meiner Biografie: Ich bin nicht-binär. Auch diese Auskunft ruft zuweilen die Reaktion "Gibt's das denn?" hervor. Eine nicht-binäre Person aus Bielefeld. Das gibt es! Aber was bedeutet nicht-binär eigentlich?
Nicht-binär-Sein hat zunächst etwas mit dem eigenen Selbstverhältnis zu tun, und zwar schlicht mit dem Phänomen, dass man sich mit dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht nicht identifizieren kann. Dabei ist Geschlechtszuschreibung kein einmaliger Akt, sondern eine tagtägliche, normierende Wiederholung. Und da man sich diese Zuschreibung nicht in versöhnender und/oder emanzipativer Weise für mein Selbstverhältnis aneignen kann, bleibt ein ständiges Unpassenheits- und Irritationsempfinden zurück. Und weil unsere Gesellschaft nun mal so geschlechtlich strukturiert ist, wie sie ist, ist diese Irritation ein dauerhafter Stressor. Ich habe viele Mitstreiterinnen und Genossinnen, die ein empowerndes Verhältnis zu ihrer Weiblichkeit beziehungsweise ihrer Zuschreibung von Frau-Sein gefunden haben und von hier aus emanzipatorische Kämpfe führen. Und auch ich habe Zeit und Muße darauf verwendet, die geschlechtlichen Konstruktionen und Wertungen zu dekonstruieren und zu reflektieren. Das löst den oben beschriebenen Stress und die Irritation im Selbstverhältnis aber nicht auf. Damit fällt nicht-binär-Sein auf das Spektrum der trans* Geschlechtlichkeit. Und auch hier geht es um Sichtbarkeit und Anerkennung.
Wenn ich mit "Frau Thomaier" angesprochen werde, bereitet mir das Unbehagen, und zwar nicht, weil ich Weiblichkeit per se abwerte (oder das nicht angemessen feministisch reflektiert hätte). Wenn ich mit "Frau Thomaier" angesprochen werde, ist das beste Bild, was ich dafür habe, ein Paar zu enge Schuhe, in denen man zwar irgendwie laufen gelernt hat, die aber schmerzlich nicht passen wollen. Und das lässt sich auch nicht zurechtreflektieren. Die Bezeichnung als nicht-binär hilft also erst einmal Luft zu holen im Selbstverhältnis, weil es einen Freiraum schaff. Und wenn ich hier von "es fühlt sich nicht richtig an" oder "es bereitet mir Unbehagen" spreche, dann meine ich jene komplexe Mischung aus Emotion, Reflexion und sprachlicher Konfiguration, die ich oben versucht habe anzudeuten. Darum ist die höhnische Behauptung, dass sich demnächst jede*r so identifizieren könne, wie 'man sich fühlt' – als Kühlschrank oder Sofa beispielsweise – so falsch wie schädlich.
Wenn ich mich als nicht-binär vorstelle, passiert aber noch etwas anderes. Ich verkörpere eine Irritation. In der Regel erkennt man das entweder an Fragen (Was heißt das denn: nicht-binär? Wie gehe ich jetzt damit um? Was ich darf ich sagen und was nicht? Wie spreche ich dich jetzt korrekt an?) oder es begegnet mir in empörten Äußerungen (Aber biologische Geschlechter, die gibt es halt doch!). Während sich die Fragen zumindest gut im Dialog ausloten lassen, liegt in der ausgelösten Irritation aber auch eine Pointe. Nicht-binär, das gehört zum weiten Feld queerer Praxis. Und queering ist in ihrer besten Form an sich eine kritische, eine anstößige, eine riskante Praxis. Sie destabilisiert das Normale und gut Sortierte in unseren Gender- und Körperschubladen. Sie legt offen, welche Körper an was und wie teilhaben (dürfen) und welche nicht. Sie deckt auf, wer hinter verschlossenen Türen die unbezahlte Arbeit macht, wer Arbeit gegen Lohn tauschen muss und wer von beidem profitiert. Und das alles ist – im besten Fall – nicht der Zielpunkt eines queeren Ansatzes, sondern der Ausgangspunkt der Frage, wie wir zukünftiges Zusammenleben und die notwendigen sozialen Transformationen gestalten wollen und können.
Darauf habe ich Lust, in meinen Blogbeiträgen weiter nachzudenken. Ich kann nicht versprechen, dass man Bielefeld dadurch besser kennen lernen wird, aber dafür erlebt man vielleicht den ein oder anderen produktiv irritierenden "Das gibt’s doch nicht!"-Moment.





