Als queeres Paar in Lateinamerika

Unterwegs in Cali

Wolfgang Schürger

Als queeres Paar in Lateinamerika
Einige Länder Lateinamerikas sind erstaunlich offen gegenüber queeren Paaren - obwohl sie alle von einer starken römisch-katholischen Tradition geprägt sind. Über einen kirchlichen Relevanzverlust mit durchaus unterschiedlichen Folgen...

"Ich bin Kolumbianer - und das ist mein Ehemann.", mit diesen klaren Worten versuchte mein Mann an der Kasse des Tayrona-Nationalparks den deutlich ermäßigten Eintritt für Einheimische zu bezahlen. Erfolglos zwar, weil ausländische Ehepartner (egal welcher sexuellen Orientierung) zugleich ihren Wohnsitz in Kolumbien haben müssen, doch ich war überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit Manuel uns immer wieder als Ehepaar präsentierte. Es war meine erste Reise nach Kolumbien, meine eigene Biographie ist "nur" von einigen Jahren in Brasilien geprägt. Und dort wäre ich mit so einem deutlich Auftreten nach wie vor wesentlich vorsichtiger, auch wenn Brasilien seit 2013 die "Homo-Ehe" eingeführt hat. Während der 14-tägigen Reise durch Kolumbien wurde mir aber immer wieder deutlich, dass es in diesem Land zumindest in den Städten und den touristischer Teilen des Landes keinen Grund gibt, sich als gleichgeschlechtliches (Ehe-)Paar zu verstecken. Und das, obwohl die römisch-katholische Kirche in Kolumbien noch deutlich stärker präsent und prägend ist als in Brasilien.

Was ist da also los in Lateinamerika? Mein Eindruck ist, dass sich Kultur und Lebensgefühl auf der einen und religiöse Sexualmoral auf der anderen Seite inzwischen so voneinander entfremdet haben, dass letztere schlicht und einfach nicht mehr ernst genommen wird. Das mag uns Queers in diesem Fall zunächst einmal glücklich machen, hat aber unter Umständen gravierende Folgen für die Werte-Orientierung der lateinamerikanischen Gesellschaften.

Natürlich gibt es nicht "die" lateinamerikanische Kultur, dafür ist der Subkontinent viel zu groß. Doch Emotionalität, Lebensfreude und ein unglaubliches Improvisationsgeschick, um auch widrige Lebensumstände zu meistern, verbinden zweifelsohne diese unterschiedlichen Kulturen. Restriktive Moralvorstellungen sind in so einem Kontext schwer zu vermitteln. Und doch habe ich erlebt, dass sie Menschen helfen, von den Exzessen der Emotionalität und Lebensfreude weg zu kommen: Einer dieser Exzesse besteht im ausgiebigen Genuss von Alkohol zu allen möglichen Gelegenheiten. Viele Familien geraten in wirtschaftliche Not, weil der Hauptverdiener einen großen Teil des Einkommens bei allen nur denkbaren Möglichkeiten wieder vertrinkt. Ich habe im Freundeskreis selber erlebt, wie Pfingstkirchen mit ihrem rigiden Ablehnung jeglichen Alkoholgenusses hier eine heilende, erlösende Wirkung haben können.

Was queere Lebensgemeinschaften angeht, so scheint sich aber in immer mehr Ländern Lateinamerikas die Überzeugung durchzusetzen, dass moralische Ablehnung allein aufgrund der sexuellen Orientierung ungerechtfertig ist und der Staat vielmehr dafür Sorge tragen muss, ein verantwortliches und gegenseitig verantwortetes Miteinander jeglicher Form zu ermöglichen. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrichte in Costa Rica, dessen Urteil für 20 Staaten Lateinamerikas rechtlich verbindlich sind, hat Anfang 2018 ein wegweisendes Urteil gesprochen, in dem er die Staaten verpflichtet, homosexuellen Paaren Zugang zu ermöglichen zu allen "Haushaltsformen" und den mit ihnen verbundenen Rechten.

Lediglich fünf der 20 Vertragsstaaten hatten bis dahin die "Ehe für alle" oder ähnliche umfassende rechtliche Formen ermöglicht. Vorreiter war im Jahr 2010 Argentinien. Nach der Gesetzesverabschiedung demonstrierte die Opposition unter dem Motto "Die Kinder haben ein Recht auf eine Mutter und einen Vater". Schätzungen zufolge versammelten sich um die 50.000 Demonstranten in Buenos Aires - römisch-katholische und pfingstkirchliche Kreise waren wesentliche Organisatoren dieses Widerstandes. Die lateinamerikanische Bischofskonferenz CELAM veröffentlicht noch 2015 ein Buch mit dem Titel "Matrimonio y Familia", in dem es als im Naturrecht begründete Aufgabe der Menschheit verstanden wird, die Weitergabe des Lebens in der heterosexuellen Familie zu schützen - und entsprechend gegen Abtreibung und Ehe für alle zu kämpfen.

In Brasilien und Uruguay gibt es die Ehe für alle seit 2013, in Kolumbien seit 2016. Brasilien allerdings zeigt sich als Land mit zwei Seiten: Während auf der einen Seite der Gay Pride in São Paulo mit seinen über 3 Millionen Teilnehmenden zu einem der größten der Welt gehört, ist das Land auf der anderen Seite weltweiter Spitzenreiter bei den Hassverbrechen gegen Queers - nahezu eine Person pro Tag kommt durch ein hate crime ums Leben! Die Pfingstkirchen sind daran sicherlich nicht ganz unschuldig, denn sie verstehen es, alles, was nicht ihrer rigiden Moralvorstellung entspricht, als "satanisch" darzustellen, als das Böse also, das von den wahren Gläubigen zu bekämpfen und auszumerzen ist. Der Katholizismus dagegen hat es schon immer verstanden, Wege zu finden, um die eigenen rigorosen Moralvorstellungen zu relativieren... Daher vermutlich die ungleich größere Offenheit für queere Paare, die ich in Kolumbien erleben konnte.

Diese Abkehr von der (religiösen) Moral führt aber in Lateinamerika leider allzu oft in einen kapitalistischen beziehungsweise materialistischen Individualismus, durch den der soziale Zusammenhalt und die soziale Verantwortung mehr und mehr verloren gehen. In einem anderen Naturpark hatten die Verantwortlichen daher einen Ameisenstaat nachgebaut. Die entscheidende Botschaft der Parkführerin: "Diese Tausende Ameisen hier setzen sich alle für das Wohlergehen der Gemeinschaft ein. Jede trägt ihren Teil dazu bei, damit es dem Volk gut geht. Wir sollten von ihnen lernen, denn wir sind heute alle nur noch Egoisten..."

Als Volk Gottes sind wir eine weltweite Gemeinschaft - und haben so viele Werte, die das Leben lebenswert für alle machen können. Wir sollten nicht zulassen, dass fundamentalistische Kreise diese Werte so in Misskredit bringen, dass es die Ameisen als Vorbild für Gemeinsinn braucht. Dann wäre Jesus umsonst gestorben und auferstanden...

Weblinks:

Zur Ehe für alle in Lateinamerika: https://www.nzz.ch/international/durchbruch-fuer-die-homo-ehe-in-lateinamerika-ld.1346482

Zur Rechtslage in Kolumbien: https://www.queer.de/detail.php?article_id=26033

Zur Menschenrechtslage von Queers in Lateinamerika (brasilianische Webseite): https://calle2.com/quais-sao-os-direitos-dos-homossexuais-na-america-latina/

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