Ihre Fragen, unsere Antworten - Folge 30: Darf man Autos anzünden?

Ihre Fragen, unsere Antworten - Folge 30: Darf man Autos anzünden?
Nein, natürlich nicht. Aber es passiert trotzdem. Radikalisiert sich der Dialog? Und ist es dann überhaupt noch ein Dialog?

Liebe evangelisch.de-Nutzerinnen und -Nutzer,

ich bin ein Freund klarer Positionen. Das lesen Sie hier und in meinen redaktionellen Kommentaren immer wieder - sei es in der aktuellen Debatte um Flüchtlinge, aber auch in der Frage der Gleichstellung der Homo-Ehe oder bei der Frage, wie hoch Hartz 4 sein soll. Auf der Basis des Gebots der Nächstenliebe und den Gleichnissen Jesu haben wir als Gesellschaft eine große Verantwortung, alle unsere Mitmenschen zu wertschätzen.

Das bedeutet aber nicht - wie es oft missverstanden wird - dass jede beliebige Meinung unwidersprochen stehen darf. Meinungsfreiheit bedeutet nicht die Freiheit von Widerspruch, sonst kämen wir nie zu einem Konsens, sondern immer nur zu Parallelpositionen. Und es gibt Debatten, in denen man sich gerade mit Blick auf das Evangelium nicht einigen kann. Zum Beispiel einen Zaun um Deutschland zu ziehen, um alle Fremden auszuschließen, wie es eine kleine angeblich christliche Partei dieser Tage fordert.

Es erschreckt und betrübt mich aber jedes Mal, wenn dieser Widerspruch in physische Gewalt umschlägt. Eine Meinung, mit der man nicht einverstanden ist, auf der Straße mit einer Gegendemo niederzupfeifen, ist vielleicht nicht die feine Art, aber grundsätzlich legitim. Ganz und gar nicht legitim ist es dagegen, Autos oder Häuser anzuzünden oder Menschen anzugreifen.

In diesem Jahr gab es schon mehr als 500 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Der Tagesspiegel-Autor Helmut Schümann wurde auf der Straße angegriffen, vermutlich von einem Rechtsextremen. In London flogen bei einer Anti-Kapitalismus-Demo Flaschen und Feuerwerk, im März in Frankfurt bei den Anti-EZB-Protesten war es noch krasser. Ende Oktober ist ein Brandsatz auf ein Firmengebäude von Josef von Beverfoerde geworfen worden, der das Gebäude schwer beschädigte und einen VW-Bus zerstörte (siehe das sonst nicht verlinkte Blog der Familie Kelle).

Warum gerade dort? Nun, Hedwig von Beverfoerde ist eine der Organisatorinnen der "Demo für alle", die sich in Stuttgart gegen den Bildungsplan der Landesregierung richtet. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich finde die Idee, sexuelle Vielfalt schon in der Schule als normal zu behandeln, sympathisch und gut. Das Gerede von der "echten Familie" aus Vater, Mütter und Kindern und der Ehe, die nur zwischen Mann und Frau existieren kann, halte ich für kurzsichtig, unchristlich und wenig zukunftsträchtig. Darüber streite ich gern.

Den Streit mit Worten nicht durch Straßenschlachten ersetzen

Aber mit Brandsätzen werfen? Das ist der Sache nicht angemessen, und außerdem in den friedlichen Zeiten, in denen wir leben, grundsätzlich nicht. Wir reden hier nicht über Tyrannenmord, sondern über einen ganz normalen demokratischen Meinungsaustausch. In diesem Meinungsaustausch gelten bestimmte Regeln - und die erste Grundregel ist, dass jeder ohne Gefahr für Leib und Leben seine Meinung sagen kann (selbst wenn sie niedergepfiffen wird). Nicht immer, und nicht überall, aber immer ohne Angst um die eigene Gesundheit. Das macht den Dialog oder den Streit darüber erst möglich. (Dafür gibt es Grenzen, die im Gesetz festgelegt sind - Stichwort Volksverhetzung -, aber die Strafe für die Verletzung dieses gesellschaftlichen Konsens ist auch nicht Gewalt.)

Gewalt, egal ob mit Brandsätzen oder Baseball-Schlägern, zielt aber darauf ab, den Streit im Kern zu ersticken, das Gespräch gar nicht erst zuzulassen, das gefühlte Problem direkt auszulöschen. Dadurch gerät unsere grundsätzliche Kultur des Ideenstreits in Gefahr. Nennen wir es Disputation, These - Antithese - Synthese, Flugblatt, Talkshow oder Blogosphäre: Wenn wir das durch Straßenschlachten ersetzen, fallen wir in eine ideologisch verhärtete Zeit, in der selbst das Evangelium Jesu Christi zur Betonsäule wird und dann unter die Räder kommt.

Deswegen macht mir die Gewalt von allen Seiten am Rande der vielen Demonstrationen von "Pegida" bis zur "Demo für alle" große Sorge. Ich hoffe, Ihnen auch.

Ich wünsche euch und Ihnen trotzdem ein schönes und gewaltfreies Wochenende!


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