Drei Prinzipien, wie Digitalisierung die ganze Kirche verändert

Kirche viel sichtbarer machen, Menschen zum Ausprobieren ermutigen und befähigen und die Ergebnisse möglichst transparent zur Verfügung stellen - so wird Digitalisierung die ganze Kirche verändern.

Es sind noch ziemlich genau zwei Monate bis zur nächsten EKD-Synode, die am 11. November 2018 in Würzburg mit ihren Tagungen beginnt. Offizielles Thema ist "Jugend", aber für die Menschen, die das Hashtag #digitalekirche auf Twitter genauer mitlesen, wird der nächste Schritt im Projekt "Kirche im digitalen Wandel" das Highlight sein. Am vergangenen Montag war ich beim zweiten Treffen der Arbeitsgruppe "Kommunikation und Kultur". Das Teilprojekt ist eines von dreien. Schon im ersten "Scoping Workshop" im Frühjahr wurde das Gesamtprojekt in drei Teilprojekte aufgeteilt: Theologie und Ethik, Kommunikation und Kultur sowie Technik und Verwaltung. Alle drei Teilprojekte tragen ihren Teil dazu bei, der EKD-Synode einen Gesamtvorschlag zu machen, wie sich Kirche in der digitalisierten Gesellschaft verändern sollte.

Die Herausforderung dabei ist, nicht nur Symptome zu behandeln. Jeder Mensch, der sich für Kirche interessiert, hat eigene Ansprüche daran, wie Kirche sein soll und wie sie sich präsentieren soll, sowohl digital als auch kohlenstofflich. Eine Kirche in der digitalen Welt muss sich in vielen Dingen verändern. Sie muss die Entgrenztheit digitaler Welten berücksichtigen, den Komfort digitaler Verwaltung ermöglichen und kann ihren Mitgliedern mehr Eigeninitiative zutrauen. Sie muss gleichzeitig dafür sorgen, dass sie auch von den Menschen gesehen wird, die nicht kirchlich sozialisiert sind.

In einer "Pull"-Medienwelt, in der sich die Nutzer*innen selbst zusammensuchen, welche Informationen sie bekommen wollen, und viel aktiver auf der Suche sind, muss deswegen auch eine Kirche möglichst viele Anschlusspunkte bieten, an denen sich Menschen einklinken können. Und dahinter müssen dann wiederum Menschen stehen, die ansprechbar sind und von Glauben und Kirche erzählen können.

Ein solcher Mensch ist D.J. Soto. Er ist Pastor und Prediger in den USA. Seine Vision: Predigen dort, wo Kirche sonst nicht hinkommt. Auf dem Weg dahin hat er Virtual Reality entdeckt, seine Familie - sich selbst, seine Frau, vier Kinder - in ein riesiges Wohnmobil verlegt und ist seitdem unterwegs, um in Virtual Reality zu predigen. Sein Alltag, den Wired in einer ausführlichen Reportage beschrieben hat (englisch, aber lesen lohnt sich), wirkt wie aus Ready Player One: In der Kohlenstoffwelt wohnt er in einem kargen Wohncontainer, in Virtual Reality verdient er sein Geld - und findet sein Publikum. Soto predigt vor allem in der VR-App "AltSpace VR", in der man sich übrigens auch ohne VR-Brille auf dem Smartphone bewegen kann.

Ein VR-Pastor war auch eine der Ideen, die auf der Liste dessen stand, was wir im Teilprojekt diskutiert haben. Die Idee ist gut - aber daran lässt sich gut illustrieren, was ich mit "Symptombehandlung" meine. Es bringt uns wenig, wenn die EKD einen Sonderpastor für Virtual Reality erfindet. Viel besser wäre, wenn wir jede*r Pfarrperson einen ausreichend starken PC und eine gute VR-Brille zur Verfügung stellten. Die Aufgabe dazu ist dann, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen mitbekommen, wenn jemand was cooles damit veranstaltet.

Kirche online und digital viel sichtbarer machen, dabei Menschen ermutigen und befähigen, mehr auszuprobieren, und die Ergebnisse möglichst transparent zur Verfügung stellen - das wird der Kern dessen sein, wie sich Kirche dauerhaft verändert. Das kann digital seinen Anfang nehmen, aber das Prinzip wird sich auf die ganze Kirche auswirken, digital oder kohlenstofflich. Nach dem, was ich derzeit weiß, wird der Vorschlag für die Synode 2018 dafür ein guter Anfang sein, mit sofort umsetzbaren Plänen und mittelfristigen Möglichmachen.


Vielen Dank für's Lesen & Mitdenken!

Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Leser*innen haben mich darauf hingewiesen, dass "Digitalis" auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel "Confessio Digitalis" natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs so - nehmt es als Präparat!