Keine Verkannten

Keine Verkannten

Jahrestage und Jubiläen im Fokus: 70 Jahre Fritz Wepper, 50 Jahre Mauerbau und die Folgen (zu denen am Ende ja auch der MDR gehört).Jahrestage können auch Jubiläen sein, müssen es aber nicht. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August sagte die besonders linke Tageszeitung Junge Welt (das "Stabsorgan für alte und junge Stalinisten", wie die FAZ-Medienseite sie gestern in einer 37-zeiligen Glosse nannte) "einfach mal: Danke" - also nicht für den viel späteren Fall, sondern für den Bau der Berliner Mauer. Und z.B. für "28 Jahre Hohenschönhausen [ehemaliges Stasigefängnis, d. Red.] ohne Hubertus Knabe", wie die TAZ zitiert.

Jetzt erregt diese Aktion nicht nur die betont konservative Presse (erneut auch Springers Welt), sondern ebenfalls die Partei Die Linke, die die Junge Welt bisher unterstützt. Das berichtet die TAZ, wobei sie sich offenbar vor allem auf den etwa von der Bundestagsabgeordneten und früheren Hessischer Rundfunk-Chefredakteurin Luc Jochimsen unterstützten Aufruf "Keine Kooperation mit der Jungen Welt!" bezieht. Der steht unter der Adresse freiheit-und-sozialismus.de online.

Und gleich noch eine DDR-Medien-Geschichte, eine jüngere, erzählt die TAZ. Darin geht es um den Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung aus Frankfurt (dem an der Oder also), Frank Mangelsdorf. Den hatte die Bild-Zeitung in ihrer Brandenburger Regionalausgabe (nicht aber online) kürzlich als "Stasi-Helfer" tituliert. Dagegen hatte sich Mangelsdorf per Interview in der eigenen Zeitung gewehrt ("Der Eindruck täuscht. Ich habe zu keiner Zeit für die Staatssicherheit gearbeitet, geschweige denn mündlich oder schriftlich für die Staatssicherheit Berichte geliefert. Im Gegenteil, es wurden über mich Berichte durch die Stasi erstellt...")Diese verzwickte Story, zu deren Facetten die Frage zählt, warum die Bild-Zeitung "den Stasi-Aspekt in Mangelsdorfs Vergangenheit ...ausgerechnet jetzt" zum Thema machte, obwohl sie das schon vor fünf Jahren hätte tun können, schreibt also Anna Stommel für taz.de auf. Wer tiefer einsteigen oder sich rasch überzeugen möchte, wie lebendig das Thema ist: Bei moz.de, dem Internetauftritt der Oderzeitung, gibt es ein "angesichts der leider oftmals unsachlichen Diskussion" inzwischen geschlossenes Kommentarforum.

Sozusagen auch eine Spätfolge des Baus der Mauer, wenn man ihren Fall als die zentrale Spätfolge betrachtet, ist der MDR als Nachfolger größerer Teile des DDR-Fernsehens. Wie nahezu täglich, so kommen auch heute wieder Berichte dazu herein. "Beim Mitteldeutschen Rundfunk spielen sie jetzt die coole Nummer durch", schreibt Joachim Huber im Tagesspiegel cool herunter und bezweifelt, ob die Intendantenwahl in der "Dreiländeranstalt, in der sich die Sachsen gerne als Leitfiguren für Sachsen-Anhaltiner und Thüringer aufspielen", tatsächlich wie geplant am 26. September steigen kann, während "die Affärenaufarbeitung parallel läuft".

In der Süddeutschen (S. 9) dagegen rückt Christiane Kohl die Dimensionen des aktuellen Skandals (immer noch der um Udo Foht, es gab also verblüffend lange keinen neuen MDR-Skandal mehr) zurecht:

"Indes scheint bei näherer Betrachtung der Vorwürfe das System Foht weitgehend konform mit dem System MDR funktioniert zu haben. So war beispielsweise ein Beratervertrag mit dem MDR-Fernsehballett über 600 Euro im Monat keineswegs heimlich, sondern vom ehemaligen MDR-Fernsehdirektor Henning Röhl persönlich mit Foht geschlossen worden. Eine angebliche Schadensersatzforderung in Millionenhöhe schrumpfte auf einen Streitwert von rund 120.000 Euro zusammen - um diese Summe kämpft der Sender mit einer Produktionsfirma. ... Auch die Lohnpfändung scheint weniger dramatisch als zunächst in einigen Presseorganen berichtet, es geht um einige Hundert Euro an monatlichen Mietschulden."

Die Zahlen dazu gab's teils auch bei SPON und gibt's heute (in anderer, sarkastischerer Aufbereitung) bei der TAZ-Kriegsreporterin.

Damit jetzt aber ins wohlige Unterhaltungs-Gefilde, in denen der MDR programmlich daheim ist: zum Preisträger der Goldenen Henne 2010, dem heutigen Geburtstagskind Fritz Wepper. Zum 70. gratulieren praktisch alle Medienseiten außer der TAZ. Und alle gehen dabei auf den Geburtstagsfilm "Lindburgs Fall" ein, den die ARD-Filmfirma Degeto Wepper spendierte und am Freitag ausstrahlen wird. Das ist schon daher praktisch, weil es leichter ist, nette Worte über Wepper zu finden als über die mit "Derrick"-Anspielungen aufgemotzte Krimikomödie.

[listbox:title=Artikel des Tages[TAZ über Junge Welt/ Linke-Ärger##taz.de über Springer/ MOZ-Ärger##Fritz Wepper über Fritz Wepper (Tsp.)##Oliver Welke u.a. über social media (Ksta)##Typisch Lütgert (SZ)]]

"Auf so einem Sendeplatz hat echte Satire keine Chance. Den Machern von 'Lindburgs Fall' fehlte dazu leider auch der Mut, Fritz Wepper hätte ihn garantiert gehabt", behilft sich Henning Peitsmeier in der FAZ (S. 33) mit dem Standard-Baustein einer jeden Degetofilm-Besprechung (weniger schlecht/ einfältig/ mutlos als der Film sind die Schauspieler allemal). Und daneben in der FAZ holt natürlich Dieter Bartetzko zu den großen Gesten aus, für die man ihn schätzt: "Von einer so hinreißenden Lockerheit, verhaltenen Komik und unterschwelligen Melancholie, wie man sie seinerzeit allenfalls einem Dustin Hoffman oder Mathieu Carrière zugetraut hätte", so spielte Wepper anno 1972 neben Liza Minelli in "Cabaret".Wie Wepper die ihm gerechterweise offenstehende Hollywood-Karriere dann aus deutschem Fernsehkommissars-Pflichtbewusstsein (exakter: Fernsehkommissarsassistenten-Pflichtbewusstsein) sausen ließ, berichtet die Bild-Zeitung in ihrer Würdigung ("Er lebt gern, liebt gern, lacht gern, jagt gern – und ihn lieben die Kameras, die Fans und die Frauen") nicht, schreibt Klaudia Wick aber in der Berliner Zeitung auf. Und erzählt Wepper selbst im Tagesspiegel-Interview. Dessen eindrucksvollste Passage kreist um einen Aschenbecher

"... Den Abschied muss man nicht spielen. Und die Wehmut auch nicht. Wir waren ein Vierteljahrhundert zusammen. Natürlich kann ich mich an Tapperts letzten Geburtstag erinnern: Da hat er einen Aschenbecher rausgeholt, den ich ihm vor Jahren geschenkt hatte. 'Fritz, den habe ich noch nie benutzt. Heute ist der besondere Tag.' Da haben wir beide den Aschenbecher benutzt, den ich ihm geschenkt hatte. Das war für mich unvergesslich."

Bliebe noch zu erwähnen, dass die ARD Wepper schon einmal "in Alfons Schuhbecks Lokal am Münchner Platzl" feierte (bzw. seinen Film der Presse vorstellte), wie die Süddeutsche berichtet. Und noch ein zurechtrückender Bartetzko-Satz zu zitieren:

"Dass Fritz Wepper ein Verkannter wäre, ein Alleskönner, dem kein Regisseur die Chance gegeben hätte, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, kann man nicht sagen. Dazu hat der Schauspieler wohl zu bereitwillig Rollen angenommen, die ihn auf bestimmte Genres festlegten."


Altpapierkorb

+++ Wie allgemein und im Altpapier gestern vermutet: Die NPD will den RBB gerichtlich zwingen, ihren Werbespot zur Berliner Wahl auszustrahlen (Tagesspiegel). +++

+++ Michael Hanfelds Tipp fürs Endspiel um die DFB-Pokal-Fernsehrechte, für die die "Gebotsfrist" am Freitag endet: ARD gegen ProSiebenSat.1. Denn das ZDF, ab nächstem Sommer bekanntlich stolzer Besitzer der Champions League-Rechte, dürfte daher nicht mehr entschlossen mitbieten. Ja, "hinter den Kulissen aber rumort es, mit der Einigkeit in Fußballfragen" zwischen ARD und ZDF, "bei denen sich das ZDF bis dato stets mit dem zweiten Platz zufriedengab, ist es vorbei" (FAZ, S. 33). +++

+++ Ebenfalls Thema im Altpapier gestern, ebenfalls heute ausgeruhter weiterkommentiert: die künftige Rolle Googles als Gerätehersteller. "Wenn Google tatsächlich zum Handy-Konzern wird, dann muss das Unternehmen die schöne Welt der offenen Software verlassen und Android zu einem geschützten und geschlossenen System machen", befürchtet Nikolaus Piper in der Süddeutschen. +++ Die TAZ erklärt den grassierenden Patent-"Wahnsinn" und hält die gestern öfters verwendete Metapher vom Krieg für berechtigt. +++

+++ Auch eine Datenkrake, künftig erst recht, sofern erste Proteste von Datenschutzbeauftragten und Mieterbund nicht die Landtagsabgeordneten beeindrucken: die GEZ. Die TAZ berichtet. +++

+++ Neues von britischen Datenkraken bzw. australisch-amerikanischen: Die News of the World-Affäre wird auch für James Murdoch gefährlich (FTD, Süddeutsche). Sowie für David Cameron (Tsp.). +++

+++ Wie wiederum Murdochs Medien FTD und Handelsblatt gefährlich werden, beleuchtet Christian Meier bei meedia.de: "Ihnen wird es noch schwerer gemacht, ihre Websites zu monetarisieren. Beide Angebote erreichen zurzeit Erlöse, die zum Leben nicht wirklich genügen, aber zum Sterben zu viel sind. Wir befinden uns bereits im zweiten Jahr eines deutschen Wirtschaftsbooms, der bei den Wirtschaftsmedien weder on- noch offline richtig angekommen ist." +++ Dass die mutmaßliche Onlineadresse der deutschen Wall Street Journal-Ausgabe derzeit noch von der Württembergischen Sportjugend gehalten wird, weiß kress.de. +++

+++ Heute in der ARD: "Rot-Grün macht Kasse" von Christoph Lütgert. Ein "typischer Lütgert-Film", lobt die Süddeutsche und informiert auch, was Lütgert-Filme typisch macht: "Der Reporter sucht alle Handlungsorte selbst auf, so entlegen sie auch sein mögen. Er verdichtet alle Fakten und bindet sie mit seiner persönlichen Empörung ab. Und er erwischt die Mächtigen in schwachen Momenten, wenn auch nur, um sich abkanzeln zu lassen." Ralf Wiegand besonders gefallen hat Marianne Tritz' Satz "Ich verspreche, dass Sie zu mir durchgestellt werden." +++ In der FAZ schlägt Michael Hanfeld den gleichen Ton an: "In Westsibirien stapft er durch Ölschlamm, sieht 'kilometerlang verwüstete Natur', es riecht 'wie in einem Heizöltank'".Dass man Lütgert tatsächlich kilometerlang stapfen sieht, ist aber nicht zu befürchten. Die Sendung dauert bloß 30 Minuten. +++

+++ In 22 Zeilen auf der esten Feuilletonseite wundert sich die FAZ über "die neue Fernseh-Sprechkultur", die sich z.B. darin äußere, dass "Fernseh-Nachrichtensprecher beiderlei Geschlechts 'Normandie'" nicht mehr "ganz normal" aussprechen, sondern nasal. +++ Auch das Sich-Wundern über Frank Schirrmachers mutmaßlichen Seiten- oder Ansichtenwechsel (vgl. Altpapier vom Montag) schreitet voran und erreichte z.B. die Meinungsseite der BLZ. +++

+++ Eine innovative Zeitungsidee aus Basel stellt die Süddeutsche vor: Im Namen Tages-Woche "steckt das Programm: Täglich kann man die Zeitung online lesen, einmal die Woche - jeweils freitags - kommt sie auf Papier gedruckt heraus. Sie ist also ein Tages- und ein Wochenblatt in einem." +++ Hier geht's zur Online-Baustelle. +++

+++ "1987, bei meinem ersten Zeitungspraktikum, habe ich die Seiten noch mehr oder weniger zusammengeklebt", erinnert sich der Multikanal-Komödiant Oliver Welke im Interview des Kölner Stadtanzeigers, an dessen Ende er auch eine bedenkenswerte, unorthodoxe Meinung zu social media/ sozialen Netzwerken äußert: "Ich weiß sogar, dass die 'heute-show' bei Facebook auf 50.000 Freunde zugeht, lese aber eher selten, was da - an Positivem oder Negativem -geschrieben wird. Für eine Fernsehshow sind solche Rückmeldungen eher gefährlich. Wir müssen die Sendung erst mal so machen, dass sie uns selbst gefällt. Herzblut ist wichtiger, als auf irgendeine Form von Marktforschung zu reagieren." +++

+++Schließlich an die Talkshow-Front: Wer errät, welche Talkshow der neuen Saison "als erste Hans Olaf Henkel zu Gast" haben wird, kann bei epd medien ein "Jahrbuch Fernsehen" gewinnen. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

 

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