Von Anfang an gab es viele Anfragen aus Gemeinden und Kirchenkreisen, die ehrlich interessiert daran waren, queersensible Perspektiven kennenzulernen und sich Input wünschten. Dem bin ich gern nachgekommen. Ich habe in erster Linie Aufklärungsarbeit geleistet und Begriffe erklärt, die im queeren Kontext eine Rolle spielen. Ich habe von der Lebenswirklichkeit queerer Menschen in Deutschland erzählt. Von struktureller und individuelle Diskriminierung und den Folgen. Aber bei mir entstand zunehmend ein schales Gefühl. Ich hatte den Eindruck, dass ich eine Art Zoologie betreibe, in dem ich von einer Sorte Mensch berichte, die nicht ganz so bekannt, aber wirklich ganz ungefährlich ist!
Tash Hilterscheid ist Pfarrperson für Queersensible Bildungsarbeit in der Nordkirche. Ein wesentliches Thema dieser Arbeit ist die Sensibilisierung kirchlicher Akteur*innen für geschlechtliche Vielfalt. Bei Instagram ist Tash auch unter @und_alles_dazwischen.de zu finden. Hier teilt Tash persönliche Erfahrungen als nichtbinäre Person.
Inzwischen habe ich verstanden, woher mein ungutes Gefühl kam. Ich wollte Anerkennung und Solidarität für queere Menschen bewirken und habe mich vor Ablehnung gefürchtet. Gerade weil das Thema Geschlecht so schnell polarisiert und wir doch mehr denn je auf Brücken und Verbindungen angewiesen sind, wollte ich Konflikte vermeiden. Die typische Haltung eines people pleaser.
Doch mit dieser Haltung bin ich der Strategie des sogenannten Othering gefolgt. Einem sozialen Prozess, bei dem eine bestimmte Gruppe als "anders" und "abweichend" bewertet wird, während die je eigene Gruppe als Norm gestärkt wird. Damit habe ich natürlich auch mich selbst als queere Person als abweichend markiert. Ich bin dieser Spur gefolgt, weil ich meinem Gegenüber nicht zu viel abverlangen wollte. Sie sollten sich nicht an Diskriminierung beteiligt fühlen müssen. Sie sollten sich und ihre Wahrnehmung nicht in Frage stellen müssen. Im vorauseilenden Gehorsam wollte ich der möglichen Sorge, dass ich alle heterosexuellen cisgeschlechtlichen Menschen "umpolen" möchte, entgegenwirken. Ich wollte nur, dass sie um die Vielfalt wissen, aber ansonsten ihr leben weiter leben, wie bisher. Aber das funktioniert nicht!
Queersensible Bildung bedeutet durchaus, dass bisherige Annahmen im Zweifel erschüttert werden. Deshalb wird kein Mensch reflexartig homosexuell oder transgeschlechtlich, aber wenn geschlechtliche Vielfalt tatsächlich ernstgenommen und respektiert werden soll, dann muss beispielsweise die binäre Vorstellung von Geschlechtlichkeit grundsätzlich verabschiedet werden. Und das betrifft dann alle! Nicht weil es dann keine Männer und Frauen mehr gibt, sondern weil sie nicht mehr die Norm sind. Und möglicherweise setzt diese Perspektive Prozesse in Gange, die uns alle kritisch auf Macht, Wissen und Normen blicken lässt.
Es geht also nicht um "Tipps für den Umgang mit queeren Personen" im Sinne eines Otherings, sondern um eine grundsätzliche Haltung. Und die ist sicher nicht nach einem Workshop oder Vortrag aufgebaut. Vor allem aber ist queersensible Bildungsarbeit kein people pleasing. Denn wenn trans, inter und nichtbinäre Personen in kirchlichen Räumen strukturell bedacht und gefördert werden sollen, geht es hier um eine tiefgreifende mentale und strukturelle Veränderung. Die im übrigen auch außerhalb der Pride Saison gilt.
Das bedeutet im kirchlichen Alltag, dass wir uns auch dann mit Pronomen vorstellen, wenn wir gleichgeschlechtlich sind, weil wir die geschlechtliche Identität nicht ablesen können. Es bedeutet, dass wir keine Geschlechterstereotypen reproduzieren und nicht in Männer- und Frauenthemen einteilen. Es bedeutet eine geschlechtsneutrale Sprache einzuüben. Es bedeutet genderneutrale Toiletten einzurichten. Es bedeutet Menschen zu widersprechen, die sich transfeindlich äußern und umgekehrt nicht eingeschnappt zu sein, wenn wir darauf hingewiesen werden, dass wir selbst gerade eine Person misgendert haben. Und es bedeutet, sich schlicht zu informieren, über Perspektiven, die uns selbst vielleicht nicht vertraut sind.
Queersensible Arbeit ist daher kein regenbogenfarbener people pleaser. Weder im Rahmen kirchlicher Arbeit, noch theologisch. Es betrifft und meint das Zentrum des Evangeliums, das zum Widerstand und zur Solidarität aufruft, wenn Menschen unterdrückt und bedroht werden. Queersensible Perspektiven sind zutiefst befreiungstheologisch, weil sie daran erinnern, dass der Ursprung der christlichen Bewegung von Menschen angetrieben wurde, die nicht ins System gepasst haben. Queersensible Theologie ist unbequem, wütend und leidenschaftlich. Sie stößt Tische um, wie Jesus es getan hat. Sie baut keine Mauern, sie reißt sie nieder. Weil es uns alle betrifft! Und dabei kann es durchaus passieren, dass wir uns an die eigene Nase fassen müssen. Das ist nicht angenehm, aber am Ende befreit es sogar uns selbst!


