Der Ostkirchenexperte Reinhard Thöle sieht die Ökumene in einer Krise. "Ich habe zumindest den Eindruck, dass die Zeit der klassischen Konfessionalität und auch einer Ökumene, die sich am kirchenpolitisch Machbaren orientiert, an ihr Ende gekommen ist", sagte der emeritierte Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg dem Evangelischen Pressedienst (epd).
epd: Sie sprechen von einer Ökumene, der das Heilige abhandengekommen ist, von einer "Ökumene ohne Heiligtum". Was meinen Sie damit?
Reinhard Thöle: Die ökumenische Bewegung war ursprünglich eine Antwort auf eine tiefe Sehnsucht nach Einheit in weiten Teilen der Bevölkerung. Ich bin ein engagierter Verfechter dieser Ökumene, aber aus dieser Sehnsuchtsbewegung ist eine domestizierte, kirchenpolitisch gesteuerte Ökumene geworden, die heikle Fragen umgeht. Der Gottesdienst bleibt auf der Strecke: Die Kirchen sind sich liturgisch fremd geblieben.
"Ökumenische Gottesdienste sind faktisch Gottesdienste zweiter Klasse"
Wie zeigt sich diese Fremdheit?
Thöle: Ökumenische Gottesdienste sind faktisch Gottesdienste zweiter Klasse, die nur gelegentlich stattfinden und etwa im katholischen Kontext die Messe nicht ersetzen dürfen. Sonntags gehen alle in ihre eigenen Traditionen, man lädt sich zwar gegenseitig ein, aber man redet kaum darüber, was einen gottesdienstlich wirklich bewegt. Statt einer gemeinsamen Erfahrung wirkt manches wie ein "Song Contest": ein ukrainisches Kyrie, ein Lied aus Afrika, Taizé, Nordamerika - jeder steuert etwas bei, dann geht man wieder auseinander. Die bisherige Ökumene hat keine überzeugende Einheit gefunden, die Devise "sichtbare Einheit" wurde durch "versöhnte Verschiedenheit" abgelöst.
Wie würden Sie die unterschiedlichen Profile der Kirchen beschreiben?
Thöle: Der evangelische Gottesdienst ist für mich zu einem vorwiegend pädagogischen Format geworden, das theologisch verarmt und kulturell stark säkularisiert wirkt. Der katholische Gottesdienst ist die auf die Gemeinde zugeschnittene ehemalige Opfermesse. Der freikirchliche Gottesdienst lebt von emotional intensiver Gemeinschaft der Engagierten. Der orthodoxe Gottesdienst ist Kult der Berührung mit dem Heiligen, oft mit exklusiv nationaler Färbung. Aber die Kirchen erzählen einander nicht, wo in diesen Formen ihr gottesdienstliches Herz schlägt - darum bleiben sie sich fremd.
"Der evangelische Gottesdienst ist für mich zu einem vorwiegend pädagogischen Format geworden, das theologisch verarmt und kulturell stark säkularisiert wirkt."
Haben die klassischen Konfessionen eine Zukunft?
Thöle: Ich habe zumindest den Eindruck, dass die Zeit der klassischen Konfessionalität und auch einer Ökumene, die sich am kirchenpolitisch Machbaren orientiert, an ihr Ende gekommen ist. Diese Ökumene verwaltet Trennung, statt im gemeinsamen Gottesdienst eine geteilte Gotteserfahrung in die Mitte zu stellen. Man weicht aus auf juristische Kompromisse - etwa bei konfessionsverschiedenen Ehen -, statt theologisch ehrlich zu klären, was uns unterscheidet, verbindet oder ergänzt.
Wie kann man diese Phase beschreiben?
Thöle: Wir leben in einem postökumenischen Schattenkonfessionalismus, vergleichbar mit manchen Gremien in den Vereinten Nationen: Die Konfessionskulturen brechen ein, viele Kirchen sind davon gemeinsam betroffen. Ursache ist auch, dass sich Konfessionen lange als Herrschaftssysteme mit geistlicher, moralischer und weltlicher Macht verstanden haben. Nun will sich die Bevölkerung von diesen Überhöhungen befreien - und nimmt kirchliche Autoritäten nicht mehr ernst.
"Gottesdienste insgesamt stecken in einer Krise"
Sehen Sie überhaupt noch eine realistische Chance auf ein gemeinsames Abendmahl?
Thöle: Theoretisch wurden viele Hürden abgebaut, aber praktisch ist die Lage schwierig. In der evangelischen Kirche führt das Abendmahl entgegen der eigenen Theologie eine marginale Randexistenz. Unter solchen Bedingungen kann ich nicht behaupten, dass das evangelische Abendmahl aktuell zu einer eucharistischen Einheit mit Katholiken und Orthodoxen beiträgt. Die Gottesdienste insgesamt stecken in einer Krise; ohne ernsthafte liturgische Arbeit und gegenseitige Erzählgemeinschaft über das, was uns im Gottesdienst im Herzen Christen sein lässt, bleibt das eine fromme Vision.
Kann eine neue Form gemeinsamer Theologie dabei helfen, diese Trennungen zu überwinden?
Thöle: Bisher fragt man klassisch: Was sagt die Schrift? Was sagen die Traditionen? Welche Formen können wir finden? Ich meine, es braucht eine vierte Kategorie: die gottesdienstliche Erfahrung. Entscheidend ist doch, dass im Gottesdienst etwas mit mir geschieht. Diese Gottesbegegnung müsste man teilen - ob in einem charismatischen Pfingstgottesdienst oder in der orthodoxen Liturgie. Ich möchte als Christ an der heiligen Erfahrung der anderen teilhaben, eingeladen werden und sie erklärt bekommen, statt dass diese Erfahrung ökumenisch marginalisiert wird.
Im Sinne des evangelischen Theologen und Religionswissenschaftlers Edmund Weber entsteht Religionskultur im Dialog zwischen der Existenz des Menschen und den Fragen, die er aus sich heraus nicht lösen kann. Menschen, die in der Religion eine Antwort auf ungelöste Lebensfragen erwarten, suchen sie zunehmend außerhalb der Kirchen.
Erklärt das den massiven Rückgang der Kirchenmitglieder?
Thöle: Die Bevölkerung wendet sich vom gewohnten Christentum ohne innere Bindung ab, während die Kirchen an ihren historischen Formen festhalten und dennoch gesellschaftlich bedeutsam wirken wollen. In immer mehr Gemeinden sitzen sonntags nur noch wenige Menschen im Gottesdienst, und zugleich stilisiert man den eigenen Gottesdienst zum Leuchtturm.
Gilt das auch für die klassischen kirchlichen Amtshandlungen wie Taufe, Konfirmation, Trauung oder Beerdigung?
Thöle: Taufe ist meist nur noch Namensgebung, Konfirmation ein Übergangsritual von einem Lebensabschnitt in einen anderen und Eheschließung nur eine Verantwortungskategorie ohne gemeinsame spirituelle Praxis und geistliche Dimension. Da darf man sich nicht wundern, wenn Menschen sagen: "Das verstehe ich nicht." Formate wie "Hochzeit to go" oder kirchliche "Segensagenturen" spiegeln diese Entwicklung.
"Spaltungen relativieren und überwinden"
Bei aller Kritik: Was ist Ihre Hoffnung für die Ökumene?
Thöle: Einheit ist nichts, was wir machen, sondern etwas, das wir empfangen - vor allem im Gottesdienst. Ich bin kein Unheilprophet, ich hoffe trotz allem auf Formen, in denen wir als ein von Gott geeintes Volk die selbstgemachten Spaltungen relativieren und überwinden. Dazu müssten wir die Gottesbegegnung wieder ins Zentrum stellen und aufhören, Ökumene vor allem als kirchenpolitische Diplomatie zu betreiben. Die Heiligkeit des Lebens und die Heiligkeit der Welt müssten doch eigentlich ein Aufgabenbereich sein.
Was könnte die Ökumene zeitnah stärken?
Thöle: Mir kam einmal der Gedanke: In großen Städten haben wir Jugendkirchen, Kulturkirchen und anderes - aber meines Wissens hat nie jemand eine Ökumene-Kirche eingerichtet. In einer solchen Kirche könnte zum Beispiel jeden Sonntagabend eine Artoklasia gefeiert werden, ein Ritus der Brotsegnung, wie bei den orthodoxen Kirche üblich. Dazu kommen dann Christinnen und Christen aus anderen Gemeinden, die dies unterstützen und für die Einheit der Kirche beten wollen.


