Alles neu?

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Spiritus Blog mit Birgit Mattausch
Geistvoll in die Woche
Alles neu?
Auch in diesem Jahr werde ich scheitern mit meinen Vorsätzen, ahnt unsere Kolumnistin. Die Sehnsucht nach dem Neubeginn, nach der weißen Fläche , sie ist groß.

Na, wie siehts aus mit den guten Vorsätzen? Mit dem „alles neu“?

Bei mir hält es sich in Grenzen. Im Dezember hatte ich euch und mir versprochen, ab Januar wieder mit guter Laune zu übernehmen, aber ganz ehrlich: die Weltlage macht es mir nicht leicht. Die Hooligans scheinen überall die Macht zu übernehmen und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Die letzten Jahre haben mich gelehrt, dass auch in meinem allernächsten Umfeld gar nicht klar ist, dass wir die gleichen Sachen wichtig und richtig finden: Existenzrecht Israels, öffentliche Solidarität mit jenen afghanischen Ortskräften, die sich für Freiheit und Demokratiebildung eingesetzt haben und jetzt von der Bundesregierung allein gelassen werden, schonungslose Aufklärung kirchlicher Verstrickung in sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch.

Ich ahne schon: auch in diesem Jahr werde ich daran scheitern, mich richtig zu verhalten. Ich werde hier zu ängstlich und zu leise sein und dort für einige viel zu verbissen. Ich werde versuchen, verständnisvoller und gütiger und diplomatischer zu sein und furchtbar wütend werden, dass ich das nun auch noch sein soll, während andere so ganz unbeschädigt mit allem weiter zu machen scheinen. Ich werde enttäuscht sein von Menschen, es ihnen aber nie sagen. Ich werde enttäuscht sein von mir selbst und das vermutlich ausführlich mir selber sagen.

„Alles neu“? Ich schon mal nicht.

Dabei sehne ich mich danach: dieses Jahr betreten zu können wie eine unberührte weiße Schneefläche. Ja, ich sehne mich danach, dass meine Seele einschneit und neu und glänzend ist, wenn es Frühling wird und alles schmilzt.

Im Kirchenjahr gehört zu dieser Woche jetzt die Geschichte von Jesu Taufe. Jesus kommt an den Jordan zu Johannes. Der hat unzählige Menschen dort getauft. Aber Jesus will er nicht taufen. Er sagt: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde - und du kommst zu mir? Dann tauft er Jesus doch. Und markiert damit den Beginn seines Wirkens.

Johannes tat, was er eigentlich nicht konnte. Vielleicht half ihm die weiße Fläche der Wüste, dass er sehr lange auf sie geschaut hatte und etwas in ihm davon ganz still war. Vielleicht waren es Jesu Worte: Lass es jetzt zu.
Vielleicht war er aber auch einfach mehr People-Pleaser als die Überlieferung meint und er wollte die in der Schlange hinter Jesus nicht noch länger warten lassen.

Gar nicht neu und gar nicht glänzend tat er, was zu tun war. Und öffnete damit den Himmel. Licht und Taube und Wohlgefallen schwebten herab.

Und so ist das wohl diese Woche mein Gebet: 
Hilf mir, Ewige, beim Dich-Zulassen.

Beim Let it be.
Hilf mir dabei, zu tun, was zu tun ist.
Zu sein.
Auch wenn ich nicht glänze.
Und umhülle mich und dieses jetzt schon beschädigte Jahr mit Licht.
Amen. 

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