Ein Lügendetektor misst körperliche Reaktionen wie Puls, Atmung oder Blutdruck. Die Tests sind wissenschaftlich umstritten und dürfen daher hierzulande weder bei Ermittlungen noch in Strafverfahren eingesetzt werden. Es gibt jedoch noch eine andere Methode, Menschen der Lüge zu überführen. Wer sich im Griff hat, kann verhindern, dass die Gesichtszüge entgleisen, doch Mikroexpressionen entziehen sich dieser Kontrolle.
Marlene Nielsen erkennt solche winzigen Hinweise. Der Körper eines Menschen, doziert die Hamburger Professorin für Verhaltens- und Emotionspsychologie, sendet permanent nonverbale Signale aus, "aber nicht immer ist das, was wir auf den ersten Blick sehen, auch die Wahrheit." Gerichtsfest sind ihre Erkenntnisse allerdings nicht.
Auf dieser Basis und inspiriert durch die US-Serie "Lie to Me" (2009 bis 2011) mit Tim Roth hat die Autorin Anne-Marie Keßel gemeinsam mit ihrer Freundin Marleen Lohse und der Dramaturgin Lynda Bartnik vor zehn Jahren eine Geschichte ersonnen, die sie nicht nur als Drehbuch, sondern auch zu einem Roman verarbeitet hat ("Die Lüge in ihrem Gesicht"). Bei einer etwaigen Verfilmung, das war klar, sollte Lohse die Rolle der Psychologin spielen.
Die Handlung beginnt mit einer typischen Krimiszene: Eine Frau wird nachts in der Nähe der Landungsbrücken von einem bedrohlichen Fremden angesprochen. Der junge Mann kann nicht ahnen, dass sein anscheinend wehrloses Opfer kampfsporterprobt ist. Als er ein Messer zückt, schlägt die Frau ihn nieder, er ist auf der Stelle tot.
Das Video einer Überwachungskamera belegt eindeutig, dass sie in Notwehr gehandelt hat, aber weil sie kein Wort sagt und es nicht den kleinsten Hinweise auf ihre Identität gibt, bittet der zuständige Kommissar die Professorin um Unterstützung. Nach dem einseitigen Gespräch mit der weiterhin beharrlich schweigenden Frau ist Nielsen überzeugt, dass der Schein trügt: Ihrer Ansicht nach handelt es sich um ein gezieltes Tötungsdelikt. Weil es natürlich keinerlei Beweise für ihre Behauptung gibt, wird das Verfahren eingestellt.
Damit wäre der Film nach ein paar Minuten schon wieder vorbei, aber die Psychologin will die vermeintliche Mörderin nicht davonkommen lassen. Dass sie dafür sogar ihre Karriere riskiert, ist vielleicht etwas weit hergeholt, sorgt aber für zusätzliche Dramatik. Marlene Nielsen ist ohnehin etwas speziell: Als sie erkennt, dass die Ausrede eines unpünktlichen Studenten nicht der Wahrheit entspricht, stellt sie ihn vor allen anderen bloß.
Später reicht das Drehbuch eine plausible Erklärung nach, weshalb sie eine derartige Wahrheitsfanatikerin ist und warum schon als Kind lernen musste, Mikroexpressionen zu lesen. Ihr fast zwanghafter Griff ans Schlüsselbein in bestimmten Momenten – dort befindet sich ein Muttermal, wie der Film in den ersten Bildern zeigt – ist ein allzu unübersehbarer Hinweis darauf, dass auch die Professorin ihr Päckchen zu tragen hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Zunächst bringt Keßler jedoch mit dem Vater des jungen Mannes eine weitere Figur ins Spiel, und nun ermittelt Nielsen auf eigene Faust: Michel Osterloh (Stephan Kampwirth) ist einst in Dänemark auf einer Kirmes hinterrücks von einem Fremden attackiert worden. Er konnte den Angriff abwehren, dabei ist der Fremde gestorben; auch das ein klarer Fall von Notwehr, wie Videoaufnahmen belegen. Trotzdem hat Nielsen den Eindruck, dass auch hier die Bilder trügen.
Aus dieser Gemengelage hat Keßler eine reizvolle Mischung aus Krimi, Drama und Tragödie gestaltet. Das Finale in einem Spiegellabyrinth auf dem Hamburger DOM ist zwar nicht übermäßig spannend, aber "Die Frau ohne Namen", das Fernsehfilm-Regiedebüt von Lynn Oona Baur, ist ohnehin ein stiller Thriller, der neben der ungewöhnlichen Handlung vor allem von den Mitwirkenden lebt; das gilt neben Marleen Lohse und Stephan Kampwrith auch und vor allem für Sara Hjort Ditlevsen, zumal die dänische Schauspielerin ihre Rolle über weite Strecken gänzlich stumm verkörpert.
Eine Besonderheit des Films ist ein kleiner, aber wirkungsvoller visueller Effekt. In ihrem Seminar zeigt die Psychologin Fotos von Kindern, die überall auf der Welt Basis-Emotionen wie Freude oder Trauer auf identische Weise zum Ausdruck bringen. Die entsprechenden Schriftzüge erscheinen nach einem Blinzeln quer über Lohses Iris, wenn Nielsen merkt, dass jemand versucht, Angst oder Wut zu verbergen.
Nicht zuletzt dank des Polizisten lernt die Wahrheitsfanatikerin, dass Lügen zuweilen durchaus legitim sein können. Die gemeinsamen Szenen von Lohse und Serkan Kaya erinnern zudem stellenweise an eine romantische Komödie; die beiden wären auch ein gutes Reihenduo.




