TV-Tipp: "Sarah Kohr: Drecksarbeit"

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12. Oktober, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Sarah Kohr: Drecksarbeit"
LKA-Kommissarin Sarah Kohr gerät in einen Fall skrupelloser Ausbeutung: Billige Arbeitskräfte werden ausgebeutet, Unfälle vertuscht und Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Bei ihren Ermittlungen muss Kohr selbst einiges einstecken.

Das Adjektiv variiert, doch der Rest bleibt gleich: "Es ist ein dreckiger (wahlweise auch mieser oder harter) Job, aber irgendjemand muss ihn erledigen." Das beliebte Filmzitat ist wie geschaffen für Sarah Kohr, zumal die Hamburger LKA-Kommissarin grundsätzlich dahin geht, wo’s buchstäblich wehtut, weshalb sie am Ende ihrer Ermittlungen stets schwer gezeichnet ist. Der Titel des vierzehnten Falls für die kampferprobte Polizistin bezieht sich jedoch nicht auf ihre Ermittlungen: Mit "Drecksarbeit" sind jene Tätigkeiten gemeint, für die sich die Deutschen zu schade sind; das überlässt man lieber anderen.

Timo Berndt, der abgesehen vom Pilotfilm (2014) alle "Sarah Kohr"-Drehbücher geschrieben und die Figur damals neu erfunden hat, greift somit eins jener vielen Themen auf, die öffentlich nur ungern angesprochen werden. Natürlich ist es korrekt, wenn Kohrs Gegenspielerin sagt, Menschen aus Rumänien oder Bulgarien könnten hier ungleich mehr verdienen als daheim; allerdings nicht, wenn eine Arbeitgeberin dabei derart skrupellos vorgeht wie diese Frau.

Der Film beginnt mit einem vermeintlichen nächtlichen Fehlalarm im Hafen. Weil sie schon mal da ist, schaut sich Kohr (Lisa Maria Potthof) gründlich um. Sie entdeckt einen schwerverletzten jungen Mann, kommt aber nicht dazu, seine Blutung zu stillen, weil sie von zwei Typen attackiert wird.

Der Krimi ist gerade mal fünf Minuten alt, und schon bedient Berndt das Alleinstellungsmerkmal der Reihe mit einer zünftigen Prügelei, die erst endet, als einer der beiden die Polizistin von hinten niederschlägt. Vor dem Angriff hatte sie ihre Mutter telefonisch um Hilfe gebeten. Notärztin Heike Kohr (Corinna Kirchhoff) war mit ihrem Rettungswagen in der Nähe und will den jungen Mann ins Krankenhaus bringen, wird jedoch samt RTW von dessen Schwester entführt. Eine Speisekarte, die Kohr später in dem verlassenen Wagen entdeckt, führt zu einer Pension, und nun entfaltet Berndt nach und nach ein ausbeuterisches Geschäftsmodell.

Früher hat Mira Röver (Pheline Roggan) junge Frauen aus Osteuropa in die Zwangsprostitution importiert, heute billige Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern, die sie mit ein paar Euro abspeist: Die Zeitarbeitsfirma kassiert einen Großteil des Lohns für Kleidung, Essen, Unterbringung in einer Pension sowie als Provision. Niemand traut sich zu protestieren, weil den Leuten gesagt worden ist, sie kämen für lange Zeit ins Gefängnis, wenn die Polizei sie erwischt. Im Grunde ist dieser Teil der Geschichte Stoff für eine investigative Reportage.

Zum Krimi wird "Drecksarbeit", weil sich keiner verletzten darf, denn die Menschen sind natürlich nicht krankenversichert. Kommt es wie bei dem jungen Georgier Levan (Sandro Togonidze) zu einem Arbeitsunfall, bei dem ein Pflaster nicht genügt, werden die Betroffenen kurzerhand wie Müll in der Elbe entsorgt.
Der Film ist Mike Marzuks dritter "Sarah Kohr"-Beitrag. Die Kamera (Patrick D. Kaethner) ist agil, die Bilder sind düster, Boris Bojadzhiev sorgt mit seiner Thriller-Musik für gewohnt viel Spannung, aber Marzuks frühere Episoden, "Irrlichter" (2022) und vor allem "Koma" (2024), waren deutlich fesselnder.

Der eine oder andere Regieeinfall wirkt zudem ungelenk oder überflüssig, etwa die Nahaufnahme einer Faust, die geballt wird, als einem Mann der Kamm schwillt, oder eine Zeitlupenstudie Kohrs kurz vorm Finale. Von herkömmlichen Krimis unterscheidet sich "Drecksarbeit" vor allem durch die Actionszenen: Nach dem Dreikampf zum Auftakt gibt es in der Mitte eine Verfolgungsjagd samt anschließender Schlägerei und kurz vor Schluss eine Schießerei, ehe Kohr ihren eigentlichen Kontrahenten zum finalen Duell fordert.

Marten Schulz (Stellan Torrn), Rövers rechte Hand, ist ein typischer Krimischurke, steht aber auch für ein Manko des Films: Es fehlt ein Rivale mit Charisma. In diese Rolle könnte am ehesten Peter Lohmeyer schlüpfen, aber der schwerkranke Werftbesitzer ist die tragische Figur des Films. Die Formulierung "Dem Tode geweiht" verwendet Kohr allerdings, um die Lage Levans zu beschreiben und den Unternehmer zur Kooperation zu bewegen.

Deutlich weniger klischeehaft als das schurkische Duo Röver und Schulz ist die von Tara Fischer sehr ansprechend verkörperte Pensionsköchin Lena. Sie kümmert sich um die georgischen Geschwister und bringt sich dadurch selbst in Gefahr. Ihr Stiefvater (Michael Lott) wiederum repräsentiert mit seiner Devise, das Schicksal der Ausgebeuteten ginge ihn und Lena nichts an, jene "Augen zu"-Haltung, die derartige Missstände erst ermöglicht.