Laura Nix steuert den Frachter "Cap San Diego". Konzentriert blickt die junge Frau geradeaus durch die Scheiben des rund 160 Meter langen Schiffes. Früher verkehrte die "Cap San Diego" zwischen Europa und Südamerika, heute ist sie ein Museumsschiff. Eine ehrenamtliche Crew hält es in Schuss und fährt es, so wie jetzt, von Hamburg in eine Werft nach Bremerhaven. Laura Nix ist Teil dieser Crew. Die 25-Jährige ist ausgebildete Seefahrerin. Und damit immer noch eine Ausnahme.
Der Frauenanteil in der deutschen Handelsflotte betrug zuletzt 7,2 Prozent, wie der Verband Deutscher Reeder im Mai meldete. Immerhin ist er von 5,8 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. Warum so wenige Frauen Seefahrerinnen werden, liegt wohl auch an den Problemen, auf die sie treffen. Laura Nix kennt einige.
Sie hat in Rostock Nautik/Seeverkehr studiert, mit dem Bachelor-Abschluss erwarb sie das Befähigungszeugnis der Nautischen Wachoffizierin. Gerade macht sie ihren Master. "Vor dem Studium bin ich über sechs Monate auf einem Containerschiff gefahren, im Indischen Ozean, und während des Studiums bin ich dann nochmal sechs Monate gefahren, auf einem Kreuzfahrtschiff", erzählt Nix, die auch noch auf anderen Schiffen gearbeitet hat.
Auf dem Containerfrachter sei sie körperlich belästigt worden. Sie habe an Lüftungsklappen gearbeitet. "Und dann ist der Chief Ingenieur an mir vorbeigegangen, hat mir an den Arsch gegrapscht und ist weitergelaufen." Der Mann war 50 Jahre alt, sie 19. Und die einzige Frau an Bord. Kurz zuvor hatte ihr ein anderer Offizier ein ungewolltes Liebesgeständnis gemacht. Ein Teil der Crew habe sie gemobbt.
Belästigungen sind schlimm. Auf See kommt hinzu: Opfer und Täter arbeiten und leben auf engem Raum zusammen. Von Familie, Freunden, Firma und Gesellschaft sind sie isoliert. Anderenorts habe ihr ein Kapitän verboten, an Deck zu arbeiten, das sei für sie als Frau zu gefährlich. Öfter fehle auch passende Arbeitskleidung.
Hohe Betroffenenzahlen
Dass ihre Erfahrungen an Bord keine Ausnahme sind, stellte Nix in ihrer Bachelor-Arbeit zu Frauen an Bord fest. Dafür befragte sie Seefahrerinnen und weitere Akteurinnen. Fehlverhalten bis zu (versuchter) Vergewaltigung kommt demnach immer wieder vor. "85 Prozent der Teilnehmerinnen gaben an, in einer Form sexuell belästigt oder diskriminiert worden zu sein." 92 Prozent waren mit Vorurteilen an Bord konfrontiert. Gut Dreiviertel der Befragten hätten mindestens einmal gehört, sie seien als Frau nicht qualifiziert, zur See zu fahren.
Die in der Studie thematisierten Gegenmaßnahmen umfassen klare Richtlinien zu Belästigungen, Konsequenzen für Täter, Ansprechpartnerinnen für Frauen und die Sensibilisierung von Männern. Zentral zur Verbesserung der Lage von Frauen und für mehr Frauen in der Schifffahrt seien Rollenvorbilder. Ohne das Bild zu schönen, könnten diese Vorurteile abbauen und Seefahrerinnen präsenter machen. Zweiter wichtiger Baustein sei Mentoring, bei dem Frauen von erfahrenen Geschlechtsgenossinnen unterstützt werden.
Was tut die Branche? Diversität gehöre zur Unternehmenskultur, so die Lübecker Reederei Oldendorff. Daher fördere man auch Geschlechter-Diversität. Ähnlich Hapag-Lloyd: "Gemischte Crews stärken Kommunikation, Zusammenarbeit und gegenseitigen Respekt an Bord", erklärt Deutschlands größte Containerreederei. Beide Häuser haben entsprechende Programme aufgelegt.
Oldendorff richtet, wo möglich, separate Umkleidebereiche für Frauen ein. Hapag-Lloyd: "Auf den geplanten Neubauten investieren wir in getrennte Umkleiden, Toiletten und Duschen. Auf der Bestandsflotte wird den Frauen an Bord eine eigene Umkleide zugeteilt." Feste Ansprechpartnerinnen für Frauen an Bord haben demnach beide, ebenso passende Arbeitskleidung.
Null-Toleranz-Politik
Bei Belästigungen verfolgen beide Reedereien eine Null-Toleranz-Politik. Hapag-Lloyd weist etwa darauf hin, dass man mit den Beschwerdeverfahren des Seearbeitsübereinkommens "über ein international etabliertes Meldesystem" verfüge. Darüber hinaus gebe es einen Verhaltenskodex. Verstöße könnten Kündigung und rechtliche Schritte nach sich ziehen.
Verhalten: Neben ihren Negativerlebnissen hat Laura Nix auch positive Erfahrungen gemacht, besonders auf dem Kreuzfahrtschiff. So habe der Staff Captain dort beispielsweise die Männer ermahnt, auf der Toilette nicht auf den Rand zu pinkeln.



