Die Pfarrerin oder der Pfarrer steht im Mittelpunkt einer Gemeinde. Weniger sichtbar sind oft die Menschen an ihrer oder seiner Seite. Lange war ihre Rolle klar. Sie hielten zu Hause den Rücken frei, engagierten sich selbstverständlich in der Gemeinde und gehörten fest zum "System Pfarrhaus". Heute sei das anders, so schreibt die Pressestelle der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Pfarrfrauen und Pfarrmänner seien oft selbst berufstätig, Familie wird partnerschaftlicher organisiert, und ihr Platz in der Gemeinde ist nicht mehr festgelegt. Wie sie ihre Rolle heute verstehen, und wo Erwartungen an Grenzen stoßen, erzählen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Pfarrfrauen & Pfarrmänner in Württemberg (PPiW).
Noch vor wenigen Jahrzehnten sei das Bild eindeutig gewesen. Meist ging es um Pfarrfrauen, die sich um Familie und Haushalt kümmerten und sich zusätzlich stark in die Gemeindearbeit einbrachten. Dieses Modell trage heute nicht mehr.
Albrecht Bühler, Ansprechpartner für Pfarrmänner im PPiW, blickt auf fast vier Jahrzehnte als Pfarrmann zurück. Heute sei es völlig akzeptiert, sagt er, dass Pfarrmänner und Pfarrfrauen eigene Berufe haben. In der Gemeinde verstehe er sich als Gemeindeglied wie jedes andere auch. "Es stößt auf positive Resonanz, wenn ich mich einbringe, im Gottesdienst oder im Konfirmandenunterricht Gitarre spiele oder andere kleine Beiträge leiste", sagt Albrecht Bühler.
Balance in der Familie halten
Für ihn sei zugleich klar, wo die eigentliche Aufgabe liege. Nicht in möglichst großem Engagement in der Gemeinde, sondern darin, die eigene Frau zu unterstützen und ihr den Rücken freizuhalten. Angesichts des sehr zeitintensiven Dienstes sei das nötig, um die Balance in der Familie zu halten.
Ähnlich beschreibt es Veronika Laudien, Ansprechpartnerin für Pfarrfrauen im PPiW. Mit drei kleinen Kindern sei für sie früh klar gewesen, dass sie weder Kirchenchor noch Frauenkreis leiten könne. "Die Frage nach der Mithilfe beim Weltgebetstag habe ich vielleicht zu ehrlich verneint, danach wurde ich nie wieder darauf angesprochen", so Veronika Laudien. Als sie später wieder anfing zu arbeiten, habe sie aus der Gemeinde fast nur positive Rückmeldungen bekommen.
Wie Erwartungen an Pfarrfrauen und Pfarrmänner konkret aussehen, hängt oft stark vom Ort ab. Karl Reinhard Krüger, heute im Ruhestand, erlebte das deutlich. Seine Frau war meist die erste Pfarrerin in der Gemeinde, er entsprechend der erste Pfarrmann. Nach Unterstützung bei der Kinderkirche habe deshalb kaum jemand gefragt. Dafür sei der Pfarrgarten komplett sein Ressort gewesen. "Natürlich habe ich meine Frau nach Kräften unterstützt", so Krüger. "Ich durfte ja auch in der Dienstwohnung wohnen, und daher habe ich immer wieder mal hausmeisterliche Arbeiten übernommen."
Eigener Beruf ist selbstverständlich
Verena Mack erlebt es ähnlich. Dass sie einen eigenen Beruf hat, sei in ihrer Gemeinde selbstverständlich. Weil es dort nur wenige Angebote für Kinder und Familien gebe, spüre sie große Dankbarkeit, wenn sie sich einbringe oder selbst etwas initiiere. "Ich habe aber nicht das Gefühl, dass dies von mir erwartet wird, sondern ich tue es, weil es mir selbst ein Anliegen ist."
Veronika Laudien hat für sich einen klaren Maßstab gefunden. In der Gemeinde wolle sie das tun, was sie auch als "einfaches" Gemeindemitglied tun würde: Kuchen backen, Kaffee kochen und dort helfen, wo es passt. Dazu komme, ihrem Mann den Rücken freizuhalten: Telefondienst, Liedzettel falten, Schriftstücke austragen, Besorgungen machen und möglichst im Gottesdienst dabei sein.
Für Laudien ist trotzdem klar, dass sich die Erwartungen deutlich verändert haben. "Die heutigen Pfarrfrauen gehen arbeiten, machen Karriere und erwarten, dass der Mann sich auch um die Familie kümmert, die Kinder zum Kindergarten bringt oder vom Sport abholt", so Laudien. Wo Erwartungen der Gemeinde und das eigene Selbstverständnis nicht zusammenpassen, helfe dann nur Offenheit.
Konfliktstoff: Wohnen im Pfarrhaus
Konfliktstoff gibt es weiterhin, vor allem rund um das Wohnen im Pfarrhaus. Laudien nennt den Pfarrgarten als Beispiel. Noch immer gebe es oft sehr genaue Vorstellungen darüber, wie er auszusehen habe. Viele Pfarrhäuser böten viel Platz, gleichzeitig könnten hohe Heizkosten das Einkommen der Partnerin oder des Partners aufzehren.
Vor fünf Jahren haben sich der Pfarrfrauendienst und der Arbeitskreis der Pfarrmänner in Württemberg zusammengeschlossen. Seine Arbeit besteht vor allem aus Veranstaltungsangeboten, Tagungen und Beratung. Im März 2026 ist ein neues, vierköpfiges Leitungsteam gestartet. Künftig soll die Förderung junger Pfarrfamilien ein besonderer Schwerpunkt sein.
Gerade diese Familien stünden durch berufliche und private Faktoren besonders unter Druck und bräuchten Angebote zum Verschnaufen und Auftanken, sagt Bühler. Veronika Laudien nennt ein weiteres prägendes Thema, die Umzüge. Anders als in vielen anderen Berufen ist ein Stellenwechsel für Pfarrfamilien in der Regel mit einem Ortswechsel verbunden. "Das Abschiednehmen von Beziehungen, Freundschaften, Kindergarten und Schule muss verkraftet werden, der Neubeginn ist oft schwieriger als gehofft", so Laudien.
Zum Alltag im Pfarrhaus gehörten auch Menschen, die an der Haustür klingeln und um Unterstützung bitten, etwa um Essen, Kleidung oder Unterkunft. Wenn Menschen Geld oder weitergehende Hilfe benötigten, verweise man an Fachstellen wie Diakonie, Caritas und andere soziale Angebote im Kirchenbezirk, erzählt Hannah Binder. So zeigt sich für sie, was das Pfarrhaus heute sein kann. Ein Ort gelebten Glaubens und gelebter Nächstenliebe und zugleich ein Zuhause, in dem die Bedürfnisse der Pfarrfamilie geschützt werden. "Ein modernes Pfarrhaus verbindet beides, die offene Tür zur Gemeinde und einen klaren Rahmen für ein gesundes, tragfähiges Familienleben", so Binder.




