Ende Januar 1933: Adolf Hitler ist von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden. Die "Sturmabteilung" (SA) der NSDAP feiert das Ereignis in den Straßen Berlins mit einem riesigen Fackelzug. Die Nationalsozialisten setzen ihre Leute an die Spitze der Polizeibehörden, politische Gegner werden verhaftet und interniert. Einzig ein Bündnis der SPD mit der kommunistischen KPD könnte eine nationalsozialistische Mehrheit bei den anstehenden Neuwahlen noch verhindern, aber die beiden Parteien hassen einander fast so sehr wie die Nazis. Es scheint nur eine Möglichkeit zu geben, die drohende Diktatur zu verhindern: Hitler muss sterben.
Der historische Hintergrund von "Märzgefallene", dem fünften von insgesamt zehn Büchern über die Fälle des Berliner Kriminalkommissars Gereon Rath (alle im Piper-Verlag), bildet auch die Basis für die neue Staffel der in über 140 Länder verkauften ARD-Serie "Babylon Berlin". Ansonsten jedoch hat das Trio Achim von Borries, Tom Tykwer und Hendrik Handloegten (Buch und Regie) die Vorlage vor allem als Inspirationsquelle genutzt. Der Serienauftakt (2017) ist damals mit allen wichtigen hiesigen Fernsehpreisen ausgezeichnet worden. Beim Grimme-Preis gab’s rekordverdächtige vierzehn Trophäen.
Der Abschluss der epochalen Saga hätte ebenfalls alle Preise verdient. Angesichts des enormen Spardrucks, der auf der ARD lastet, ist fraglich, ob sich der Senderverbund einen derartigen finanziellen Kraftakt jemals wieder leisten kann. Weil auch die letzte Staffel wieder ein Sittengemälde sein soll, gibt es erneut diverse gesangliche und tänzerische Darbietungen. Der fünfte Block ist in dieser Hinsicht zwar nicht mehr so ausschweifend wie einige der früheren Staffeln, und natürlich drängt sich nun erst recht die Metapher vom Tanz auf dem Vulkan auf, doch die Handlung hätte ohne diese Einschübe merklich an Intensität gewonnen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das gilt vor allem für die siebte Folge: Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, aber erst mal gibt’s noch einen Abstecher ins Travestie-Varieté "Mikado". Davon abgesehen sind die rund 360 Minuten der Höhepunkt des Fernsehjahres. Die Zu- und Missstände mögen heute andere sein, zumal sich in den reaktionären Reihen keine Persönlichkeit mit dem Charisma Hitlers findet, aber Parallelen lassen sich durchaus ziehen. Der "Führer" (Clemens Schick) ist die Hauptfigur der Krimi-Ebene. Folge eins beginnt mit einer schwarzweißen Rückblende: 1918 behandelt der Psychiater Edmund Förster (Ulrich Noethen) im Lazarett einen Soldaten wegen "hysterischer Blindheit"; seine Kameraden halten den Mann allerdings für einen Simulanten.
Später verschwindet nicht nur die Krankenakte dieses österreichischen Gefreiten: 1933 werden alle Zeugen von damals der Reihe nach ermordet, darunter auch ein SA-Mann, weshalb die von Regierungsrat Wendt (Benno Fürmann) geführte politische Polizei den Fall übernimmt. Ausgerechnet Kripo-Kommissar Böhm (Godehard Giese), der wenig sympathische und zudem alkoholkranke Kollege von Gereon Rath und Charlotte Ritter (Volker Bruch, Liv Lisa Fries), ermittelt auf eigene Faust weiter. Rath wiederum ist seit seinem Versuch, den Psychiater aus der Schusslinie zu bringen, spurlos verschwunden, und weil Freundin Lotte in der gemeinsamen Wohnung Dynamit entdeckt hat, weiß sie nicht mehr, auf welcher Seite er steht.
Die Ereignisse münden schließlich in einen Attentatsversuch Raths bei einem Festbankett mit allen Nazi- und Wirtschaftsgrößen des Landes. Die Inszenierung dieses Anschlags ist Thriller pur, aber auch vorher gibt es einige packende Szenen, etwa die gemeinsame Flucht von Rath und Förster nach Köln, wo sie im Trubel des Rosenmontags landen. Für etwas Action sorgt eine Verfolgungsjagd, als der von den SA-Schergen verschleppte Chefredakteur (Martin Wuttke) der linken Zeitung "Tempo" gemeinsam mit anderen einen Ausbruch versucht.
Davon abgesehen imponieren die acht Folgen nicht zuletzt wegen des teilweise enormen personellen Aufgebots, vor allem rund um den Kölner Karneval; diese Szenen wurden mit dokumentarischen Aufnahmen kombiniert. Neben Ulrich Noethen ist auch Devid Striesow als Hermann Göring neu im Ensemble. Bewährte Mitglieder sind Udo Samel als in sich ruhender Chef der Kripo-Abteilung Mord sowie Lars Eidinger als paradiesvogeliger Spross einer schwerreichen Unternehmer-Dynastie, der sich gemeinsam mit anderen Konzernbossen in dem fatalen Irrglauben befindet, die Nationalsozialisten würden nach seiner Pfeife tanzen. Die Serie endet mit einem symbolträchtigen flammenden Inferno. Das "Erste" zeigt die Serie heute ab 20.15 Uhr und am 25. September ab 22.20 Uhr.




