Fünf Bücher gegen den Wahlfrust

Bücher in Deutschlandfarben kippen fast von der Tischkante
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Fünf Bücher gegen Politikverdrossenheit und Wahlfrust geben Einblick in das Leben und die Wahllandschaft in Deutschland.
Unsere Empfehlungen der Woche
Fünf Bücher gegen den Wahlfrust
Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Es geht um viel, es geht um die Demokratie. Was viele Menschen in Ostdeutschland prägt und bewegt, dem spüren die Empfehlungen des Evangelischen Literaturportals diese Woche nach.

Bevor der Himmel reißt

Rassismus und politischer Rechtsruck machen indischen Einwandererfamilien das sächsische Kleinstadtleben schwer. 

Die Familien von Dilly und Heer sind Sikhs und betreiben in der fiktiven sächsischen Kleinstadt Piesnitz indische Takeaways. Während Heer und ihre Familie nach dem Tod des Vaters viele Probleme haben, läuft es für Dilly und seine Familie bestens. Durch die Konkurrenz der Familien hatten Heer und Dilly, obwohl die beiden 17Jährigen zusammen zur Schule gehen, nie Kontakt. Auf einer Party lernen sie sich kennen und schließen sich einer aktivistischen Gruppe gegen den spürbaren Rechtsruck in ihrer Stadt an.  

Das Buch erlaubt eine gute Innensicht auf das Leben von BIPoC Personen und macht die Vorurteile, Probleme und Bedrohungen, mit denen sie leben müssen, greifbar. Diese sind nicht immer offensichtlich, sondern im Alltäglichen, in kleinen Bemerkungen und auch im Schweigen und Weglachen spürbar. Dilly und Heer werden immer wichtiger füreinander. Und ihr aktivistisches Engagement ist ein Zeichen der Hoffnung, dass es durchaus Menschen gibt, die dem Rechtsruck etwas entgegensetzen. 

Jedes Buch, das sich klar gegen rechte Überzeugungen positioniert, ist ein gutes Buch. Dieses trifft den Nerv der Zeit und bietet ganz nebenbei beste Unterhaltung. Katja Henkel 

Bevor der Himmel reißt. Roman. Amani Padda. Zürich: Arctis 2026. 316 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-03880-095-8, kt.: 18,00 €

 

Unbegründete Ängste

Chris hat Angst – und sehnt sich nach Sicherheit. Ein lohnender Blick in die ostdeutsche Provinz. 

Christian ist 29, single, queer und Fitnesstrainer. Er geht regelmäßig mit seinen Eltern zum Sektfrühstück, lässt sich ebenso regelmäßig dank seiner Mutter, die in einer Arztpraxis arbeitet, krankschreiben – und sorgt sich um so ziemlich alles. Vor allem die Gesundheit. Die Gesellschaft. Das Klima. Nichts scheint Chris wirklich sicher, und das wiederum treibt ihn dermaßen um, dass er nachts nicht schlafen kann. Die anstehenden Wahlen, der von ihm verursachte Waldbrand – und mit der Liebe will es auch nicht so richtig klappen, weil der von ihm angehimmelte Nikolas ihn kaum zu bemerken scheint. Dann werden die politischen Sticker an der Eingangstür des Fitnessstudios abgerissen, die Scheibe eingeschmissen; sein Vater, der Prepper ist, wirft seiner Mutter vor, Mitläuferin zu sein, weil sie sich nicht klar gegen Rechts positioniert; Chris lernt auf einer Dating-App Leo kennen. 

Eine satte Milieustudie, die pointiert und geradeheraus das Leben in der ostdeutschen Provinz nachzeichnet – und mit großem Mitgefühl und noch größerer Kondition bei den Figuren bleibt. Mara Becker 

Unbegründete Ängste. Roman. Res Sigusch. München: Berlin Verl. 2026. 235 S.; 21 cm., ISBN 978-3-8270-1531-0, geb.: 24,00 €

 

Wie alles anders bleibt

Mehr als 40 Reportagen, Essays und Interviews beleuchten 30 Jahre Wiedervereinigung aus verschiedenen Perspektiven. 

Seit ihrem erfolgreichen Debüt "Zonenkinder" von 2002 arbeitet die Autorin als Journalistin. Der Band versammelt ausgewählte Artikel aus Die Zeit, Zeit Online, der Freitag und anderen Presseorganen von 2002 bis 2019. In ihren Texten setzt sich die Autorin auf ganz eigene Weise mit ihrer ostdeutschen Heimat auseinander. Sie gibt den Menschen eine Stimme, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, wie zum Beispiel der Weltraumfahrer Sigmund Jähn, der Fußballspieler Robert Enke oder die Schriftstellerin Julia Franck. Gleichzeitig spürt sie den verschiedenen Stimmungen in Deutschland nach und versucht Phänomene wie Pegida, NSU und AfD zu ergründen. Dabei verliert sie nie die Menschen aus dem Blick und zeigt auf, wie viel Ungleichheit auch nach 30 Jahren Bundesrepublik noch in Deutschland vorhanden ist. Immer wieder bringt sie auch ihre eigene, sehr persönliche Geschichte mit ein, um zu vermitteln, was es für sie bedeutet Ostdeutsche zu sein. 

Ein facettenreicher Beitrag zur Ost-West-Deutschen Verständigung, der sicherlich auch in den nächsten Jahren nicht an Bedeutung verlieren wird. Amelie Sareika 

Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland. Jana Hensel. Berlin: Aufbau 2019. 317 S. ; 22 cm., ISBN 978-3-351-03482-5, kt.: 16,00 €

 

Rechts unten. Die AfD: Intrigen, heimliche Herrscher und die Macht der Geldgeber

Langzeitrecherche über das Innenleben, die Ausrichtung und Finanzierung der rechtspopulistischen AfD.  

Seit ihrer Gründung 2013 hat sich die AfD immer weiter radikalisiert. Sebastian Pittelkow und Katja Riedel haben ihren Weg von Anfang an verfolgt. Dabei wurden ihnen immer wieder Interna aus den Reihen der Partei zugetragen, so konnten sie etwa die gesamte Kommunikation der Chatgruppe der ersten Bundestagsfraktion auswerten. Beide trugen auch zur Aufdeckung der AfD-Spendenskandale bei und folgten der Spur des Geldes, die in die Schweiz zu zwei deutschen Milliardären führte.

Das Buch gibt nicht nur Einblicke in das chaotische Innenleben der populistischen, von Streit zerfressenen Partei, sondern auch in die Arbeitsweise von Investigativreportern. Deren Recherchen zur AfD wurden zwar alle bereits in den Medien veröffentlicht, "Rechts unten" bietet aber noch einmal eine spannend zu lesende und kurzweilige Zusammenfassung des Zusammengetragenen.

Fazit von Pittelkow und Riedel: Der Weg der russlandfreundlichen AfD nach rechts ist noch nicht abgeschlossen, sie wird eine destruktive Oppositionspartei ohne Gestaltungsanspruch und eine Gefahr für die Demokratie bleiben.  

Das Buch bietet Stoff für politische Diskussionen. Sollte in Bibliotheken aufgenommen werden. Michael Freitag 

Rechts unten. Die AfD: Intrigen, heimliche Herrscher und die Macht der Geldgeber. Sebastian Pittelkow u. Katja Riedel. Hamburg: Rowohlt Polaris 2022. 350 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-499-01132-0, kt.: 20,00 €

 

Liebe! Ein Aufruf

Ein politischer Essay über die Liebe als demokratische Kraft. 

Schreiber reagiert auf eine Gegenwart, die zunehmend von Hass, Gewalt, sozialer Ungleichheit und ökologischen Krisen geprägt ist, und formuliert einen Appell gegen Resignation und Rückzug. Interessant ist, wie er Liebe jenseits romantischer Verklärung versteht: als aktive Haltung, als Verantwortung füreinander und für kommende Generationen. In Auseinandersetzung mit Martin Luther King, Hannah Arendt und Erich Fromm zeigt Schreiber, dass eine in seinem Sinne positive politische Veränderung ohne Mitgefühl, Solidarität und Verantwortung kaum denkbar ist. Aber sie brauche auch Menschen, die sich aktiv darum bemühen: "Die in unserer Verfassung verankerte Unantastbarkeit menschlicher Würde ist nur so lange unantastbar, wie wir für sie kämpfen." ist einer von zahlreichen zitierfähigen Sätzen, die versuchen, uns in die Pflicht zu nehmen. 

Der Essay liefert keine neuen Antworten, keine revolutionären Ideen, wie wir unsere Welt noch retten können. Er erinnert aber immerhin mit Nachdruck daran, dass es nicht unmöglich ist, die aktuellen Entwicklungen aufzuhalten, wenn wir uns in die gesellschaftliche Auseinandersetzung wagen.

Ein lesenswertes Buch. Besonders geeignet fürs gemeinsame Lesen und Diskutieren in Literaturkreis und Gemeindegruppe. Wiebke Mandalka 

Liebe! Ein Aufruf. Daniel Schreiber. München: Hanser Berlin 2025. 157 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-446-28593-4, geb.: 22,00 €

 

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