Zahl der Menschen mit Adipositas steigt

Ein DNA-Test
Basis:Kirche/ekn
70 bis 80 Prozent aller Adipositas-Fälle sind genetisch verursacht.
Hilfe statt Stigmatisierung
Zahl der Menschen mit Adipositas steigt
Eine zunehmende Zahl von Menschen ist von Fettleibigkeit betroffen. Obwohl die Ursache in den meisten Fällen genetisch ist, werden Betroffene immer noch oft als faul und selbst schuld abgestempelt. Experten fordern ein grundlegendes Umdenken.

Um Menschen mit Adipositas helfen zu können, braucht es nach Ansicht von Experten weniger Stigmatisierung und eine bessere Zugänglichkeit zu Hilfsangeboten. "Viele Angebote sind nicht bekannt, obwohl die Menschen ständig nach Hilfe suchen", sagte Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München (TUM), am Donnerstag im Münchner Presseclub.

Eine repräsentative Umfrage in Kooperation mit dem Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) von 2024 zeige etwa, dass nur ein Viertel der Betroffenen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von höher als 30 organisierte Programme nutze.

Es gebe keine medizinische zentrale Anlaufstelle, dafür informierten sich viele über Ratgeber oder im Internet. Dort steckten aber viele Geschäftsinteressen dahinter. "Das ist ein Milliardenmarkt, die Menschen werden von unseriösen Angeboten ausgenommen." Über medizinische Angebote, wie Medikamente, Abnehmspritzen oder chirurgische Eingriffe, werde zu wenig informiert, weswegen viele Betroffene diesen skeptisch gegenüberstünden. Außerdem würden Angebote oft nicht von den Krankenkassen übernommen. Ernährungsberatung sei beispielsweise nur eine freiwillige Kasseneistung. "Deshalb sind staatliche Maßnahmen nötig", sagte Hauner.

Adipositas oft genetisch bedingt

Katharina Timper, Professorin für Klinische Ernährungsmedizin an der TUM, betonte: "Adipositas ist kein schwacher Wille." In Deutschland seien 50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Man wisse heute, dass 70 bis 80 Prozent der Fälle genetisch verursacht sind. Viele der betroffenen Gene seien für Funktionen im Gehirn verantwortlich, die Hunger- und Sättigungsgefühle steuern. "Wir haben verstanden, dass Adipositas nicht die Folge von zu viel Essen ist, sondern zu viel Essen die Folge von Adipositas ist", beschrieb es Timper.

Dennoch seien viele Betroffene mit systematischer Abwertung und Stigmatisierung konfrontiert, "sie gelten in der Gesellschaft oft als faul und ungebildet". Besonders schlimm sei es, wenn Betroffene im Gesundheitssektor stigmatisiert werden. Die Folge davon sei ein fundamentaler Vertrauensverlust in das System. "Menschen gehen nicht mehr zum Arzt, obwohl sie durch Folgeerkrankungen besonders häufig zum Arzt müssten", so die Forscherin. Sie forderte, dass Patientinnen und Patienten mit Empathie und Wertschätzung begegnet werde.

Erkrankung nicht heilbar, aber behandelbar

Derzeit ist Adipositas laut der Professorin eine nicht heilbare, tödliche chronische Erkrankung. Um bis zu zehn Jahre könne sich die Lebenszeit bei Betroffenen verkürzen, je nachdem, welche Folgeerkrankungen hinzukommen. Dazu gehören unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber, Typ-2-Diabetes, Schwangerschaftskomplikationen, Krebserkrankungen und psychische Erkrankungen. Adipositas sei heute aber sehr gut behandelbar. Dafür seien adäquate Versorgungsstrukturen notwendig.