Wenn Teenager immer weniger wiegen

Familie am Essenstisch
epd-bild/Detlef Heese
Die klassische "Magersuchtfamilie" gibt es nicht, sagt Experte Friederich. (Symbolbild)
Magersucht heilen
Wenn Teenager immer weniger wiegen
Seit der Corona-Pandemie ist die Zahl der Magersüchtigen in Deutschland noch einmal deutlich gestiegen. Wird die Krankheit früh behandelt, besteht eine 80-prozentige Heilungschance, sagt Experte Hans-Christoph Friederich.

Unter dem Leitwort "Grenzerfahrungen - Wege jenseits des Vertrauten" diskutieren Fachleute bis zum 6. März auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin über neue Forschungsansätze. Unter anderem geht es um ein besseres Verständnis der Magersucht (medizinisch: Anorexia nervosa). Hans-Christoph Friederich ist der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM).

epd: Herr Friederich, ist Anorexia nervosa vor allem ein krankhaftes Essverhalten oder eine eigenständige Erkrankung, die ein falsches Essverhalten hervorruft?

Hans-Christoph Friederich: Anorexia nervosa ist eine schwere psychosomatische Erkrankung, von der vor allem Mädchen und junge Frauen betroffen sind und die zu massivem, teils lebensbedrohlichem Untergewicht führen kann. Etwa fünf bis zehn Prozent der Betroffenen versterben an der Erkrankung.

Prof. Dr. Hans-Christoph Friederich

Welche Ursachen und innerpsychischen Mechanismen führen zur Entstehung von Anorexia nervosa?

Friederich: Es sind mehrere Faktoren, die da zusammenwirken. Das haben wir ja bei den meisten psychischen Erkrankungen, dass es ein Zusammenwirken ist von genetischen Faktoren, die einem sozusagen schon in die Wiege gelegt werden: Faktoren, die in der frühen Entwicklung und im Jugendalter auftreten, dann gewisse auslösende Faktoren wie zum Beispiel Trennung der Eltern oder massiver Schulstress und zusätzlich auch entwicklungs- und neurowissenschaftliche und neurobiologische Faktoren.

Selbstschutz durch Hungern

Welche Rolle spielt die Pubertät?

Friederich: Die Erkrankung tritt in einem sehr engen Zeitfenster in der Pubertät auf. Wir haben selten, dass sie deutlich vor dem elften Lebensjahr oder dann auch nach dem 28. Lebensjahr ausbricht. Diese Spanne bezeichnen wir im Weitesten als pubertäre Entwicklungsphase. In der Pubertät dient das Hungern vielen Betroffenen als Selbstschutz vor den mit Sexualität, Körperveränderung und Beziehungen verbundenen Ängsten. Es besteht eine große Angst davor, sich auf Intimität und Sexualität einzulassen, Angst auch vor Beschämung, vor Zurückweisung. Dadurch, dass sie die Entwicklung durch das Hungern anhalten, sind sie ein Stück davor geschützt.

Welche Bedeutung haben gesellschaftliche Einflüsse wie Schönheitsideale, soziale Medien und die Corona-Pandemie für die Erkrankung?

Friederich: Schlankheitsideale und die Stigmatisierung von Übergewicht erhöhen den Druck auf Jugendliche, sind aber eher auslösende und verstärkende Faktoren als alleinige Ursachen. Während der Corona-Pandemie haben sozialer Rückzug, vermehrte Zeit zu Hause und intensiver Medienkonsum zu einem deutlichen Anstieg - besonders bei sehr jungen Patientinnen - geführt.

 

Wie sieht die Behandlung von Anorexia nervosa heute aus, und welche neuen therapeutischen Ansätze werden erforscht?

Friederich: Psychotherapie ist die Behandlung der ersten Wahl. Medikamente können unterstützen, verändern allein aber den Gewichtsverlauf meist nicht. Aktuell werden Stoffwechselprozesse, Hunger- und Sättigungshormone sowie das Mikrobiom erforscht, um besser zu verstehen, warum viele Langzeitbetroffene nur schwer dauerhaft an Gewicht zunehmen und häufig Rückfälle erleiden.

"Es gibt nicht die Anorexiefamilie."

Welche Rolle spielen Familie und Vertrauensaufbau im therapeutischen Prozess, insbesondere bei Jugendlichen?

Friederich: Die Einbeziehung der Familie ist zentral. Es ist wichtig, die Eltern zu entlasten, die sich große Sorgen machen, dass sie Schuld haben daran, dass ihr Kind erkrankt ist. Wir kennen keine speziellen Beziehungskonstellationen, die prädisponieren, dass jemand eine Magersucht entwickelt. Es gibt nicht die Anorexiefamilie. Angehörige müssen auch lernen, die Erkrankung ernst zu nehmen und hilfreich zu reagieren. Gerade bei Jugendlichen hat familienbasierte Psychotherapie die beste Evidenz. Ein großer Teil der Behandlung besteht darin, das Vertrauen der Patientin zu gewinnen, damit sie den "Schutz" der Erkrankung aufgibt, über Gefühle spricht und Hilfe zulassen kann.

Wie steht es um die Heilungschancen der Magersucht?

Friederich: Wird früh - vor allem im Kindes- und Jugendalter - behandelt, können bis zu etwa 80 Prozent der Betroffenen genesen, bei spät beginnender Behandlung liegt die Rate bei etwa 50 Prozent, oft nach mehrjährigen Therapien. Als genesen gilt jemand, wenn das Gewicht wieder im unteren Normbereich liegt und Gedanken an Essen, Figur und Gewicht nicht mehr das Selbstwertgefühl dominieren, sondern andere Ressourcen wichtiger geworden sind.