Fußballfans wissen: Am Ende trifft es immer den Trainer. Es ist nun mal einfacher, den Übungsleiter zu entlassen, als eine ganze Mannschaft auszutauschen. Die Medien spielen dabei oft eine unrühmliche Rolle; erst recht, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Deshalb ist diese überaus kurzweilige Reihe über die WM 1994 in den USA, von der im Wesentlichen Stefan Effenbergs Mittelfinger in Erinnerung geblieben ist, ein Lehrstück über den Missbrauch medialer Macht.
Wie schon in der ZDF-Doku "Mission Sommermärchen" geht es dabei in erster Linie um die "Bild"-Zeitung, die sich gern als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit inszeniert, tatsächlich aber oft genug puren Kampagnenjournalismus betreibt; und damals war das Opfer Berti Vogts. Das Boulevardblatt war jedoch bloß die Speerspitze der Treibjagd. Alle anderen haben mitgemacht oder zumindest geschwiegen; selbst Marcel Reif empfindet im Nachhinein eine gewisse Scham.
"Elf Helden, ein Albtraum" reiht sich somit in die Riege jener Dokumentationen ein, in denen der Fußball nur der massentaugliche Köder ist, denn eigentlich geht es um gesellschaftliche Missstände. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Doku-Serie ganz erheblich von "Mission Sommermärchen" (im ZDF-Streamingportal), denn Manfred Oldenburg hält, was das ZDF mit seiner Reihe über die WM 2006 bloß versprochen hatte. Der Autor hat zuletzt unter anderem einen sehenswerten Dokumentarfilm über Homosexualität im Fußball gedreht ("Das letzte Tabu", 2024) und legt nun erneut eine Analyse vor, die weit unter die Oberfläche und tief unter die Haut geht.
Natürlich geben die beteiligten Kicker auch die eine oder andere Anekdote zum Besten, aber lustig wird’s nur ganz selten, die Beiträge sind im Gegenteil klug und reflektiert. Für den Unterbau sorgt der Philosoph und "Zeit"-Kolumnist Wolfram Eilenberger. Mit seiner Hilfe und viel zeitgenössischem Archivmaterial trägt Oldenburg all’ jene Facetten zusammen, die die Basis für das Ausscheiden des amtierenden Weltmeisters und Titelfavoriten im Viertelfinale bildeten. Auf diese Weise werfen die insgesamt 180 Minuten viele Schlaglichter auf die Zeitläufe der frühen Neunziger.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Sportlich ließe sich das Fazit so formulieren: "Das Ich verliert, das Wir gewinnt", wie Vogts zwei Jahre später bewies, als Deutschland, von Oldenburg in einem ausführlichen Epilog gewürdigt, Europameister wurde und der Trainer den Satz "Mein Star ist die Mannschaft" prägte. 1994 standen dagegen lauter Ich-AGs auf dem Platz. Weit über den Fußball hinaus wirken jedoch andere Aspekte.
Große Turniere, sagt Jürgen Klinsmann, spiegelten oftmals wider, was eine Gesellschaft gerade bewege; zum Beispiel die Folgen der Wiedervereinigung, repräsentiert durch Matthias Sammer, der sich in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft nicht willkommen fühlte. Intensivste Szene in historischer Hinsicht ist eine Schnittfolge in Folge drei, als Oldenburg den Spielern ein Foto reicht und alle betroffen schweigen. Es stammt aus dem August 1992, ist während der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen aufgenommen worden und zeigt einen Mann im Trikot der Weltmeister von 1990, mit unübersehbarem Pinkelfleck auf der Jogginghose und den rechten Arm zum "Deutschen Gruß" erhoben.
Dieses Bild vom "hässlichen Deutschen", das damals um die Welt ging, wollte Vogts mit seiner Mannschaft als Botschafter eines anderen Deutschlands konterkarieren, doch sein Kader war weit davon entfernt, jene Werte zu verkörpern, für die er selbst stand. Die Öffentlichkeit hatte sich ohnehin nie mit dem als Spieler "Terrier" genannten Verteidiger aus der niederrheinischen Provinz als Nachfolger der weltmännischen "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer anfreunden können, was Oldenburg etwas plakativ, aber treffend durch entsprechende Bilder auf und neben dem Platz illustriert. Dass Vogts außerdem jede Kooperation mit dem Springer-Verlag ablehnte, war zwar aller Ehren wert, aber auch der Beginn einer fatalen Feindschaft; und dann veröffentlichte Stefan Raab "Börtie Börtie Vogts".
Der damalige Viva-Moderator hatte laut Eilenberger schon immer ein gutes Gefühl dafür, wer als öffentliche Person "gerade sturmreif geschossen war", und Vogts mit seinem Spottlied "exekutiert", was aber nur dank der langen Vorarbeit "vom Springer-Universum" möglich gewesen sei. Zum Schluss wundert sich Oldenburg, dass sein mittlerweile bald achtzigjähriger Interviewpartner trotz allem so fair auf die Ereignisse zurückblickt. Es sagt eine Menge über den Charakter von Vogts, dass er im Grunde nicht versteht, wie der Autor so was fragen kann.
Das "Erste" zeigt heute Uhr nach dem Auftaktspiel der deutschen Mannschaft bei der WM eine neunzigminütige Version. Die vier Folgen stehen in der ARD-Mediathek.



