TV-Tipp: "Jeanne du Barry"

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11. Juni, RBB, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Jeanne du Barry"
Bei "Jeanne du Barry" sorgte vor allem Johnny Depp für Diskussionen. Doch der Film hat weitaus mehr zu bieten: eine Machtliebe am Hof Ludwigs XV., Intrigen in Versailles und den Aufstieg einer Frau gegen alle Widerstände.

Nach der Premiere dieses Films beim Festival in Cannes arbeiteten sich die Bewertungen vor allem an Johnny Depp ab: Der Amerikaner, hieß es sinngemäß, habe sich so sehr darauf konzentrieren müssen, glaubwürdig französisch zu klingen, dass sein Spiel jede Natürlichkeit vermissen lasse.

Ironischerweise spricht dies allerdings eher für als gegen seine Verkörperung König Ludwig XV.: Sein steifes Agieren hat zur Folge, dass die wenigen Szenen, in denen Ludwig aus seiner Rolle fällt, umso eindrücklicher sind. Der synchronisierten Fassung ist ohnehin nicht anzuhören, ob der Hollywood-Star mit der Fremdsprache zu kämpfen hatte.

Davon abgesehen ist Depp gar nicht der Star des Films: Maïwenn hat sich mit "Jeanne du Barry" einen Traum erfüllt. Die in Frankreich sehr geschätzte Schauspielerin war nicht nur maßgeblich am Drehbuch beteiligt, sie hat auch Regie geführt. Dass sie zudem die Titelfigur verkörpert, hat seltsamerweise niemanden gestört. Den Überlieferungen zufolge hat die Kurtisane den König nicht zuletzt durch ihren jugendlichen Charme betört; Maïwenn war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 46 und damit zwanzig Jahre zu alt für diese Rolle.

Das stört aber tatsächlich nicht weiter, denn die Liebesgeschichte funktioniert trotzdem: Angesichts der arrangierten Ehen, die in erster Linie der Staatsraison dienten, war es am französischen Königshof üblich, dass die Regenten allerlei Liebschaften hatten. Ludwig XV. bildete da keine Ausnahme; die berühmte Madame de Pompadour gilt als die Mätresse schlechthin, zumal sie sich ihren Einfluss auf den König geschickt zunutze machte, um ihre Ziele durchzusetzen.

Jeanne du Barry, die mit einem Grafen verheiratet wurde, damit sie Zugang zum Hof bekam, wurde einige Jahre nach Pompadours Tod zu deren Nachfolgerin. Anders als ihre Vorgängerin hatte sie offenbar keinerlei politischen Ehrgeiz, aber dennoch ihren eigenen Kopf. Mit großer Freude an kleinen Gesten schildert der Film, wie die Geliebte den aus heutiger Sicht befremdlich anmutenden Gepflogenheiten bei Hofe trotzt, was selbst dem König ein Schmunzeln entlockt.

Zweites zentrales Thema neben der Romanze ist die Feindseligkeit, die Jeanne entgegenschlägt. Ludwigs fiese Töchter intrigieren nach Kräften gegen die "Hure des Königs"; heute würde man von Mobbing sprechen. Umso schöner ist die Rolle des Mentors: Ludwigs erster Kammerdiener führt Jeanne in die Etikette ein und empfindet eine spürbare Zuneigung für die junge Frau; Benjamin Lavernhes sympathisches Spiel erinnert an Hector Elizondo als Hotelmanager in "Pretty Woman". Der Rest ist Opulenz.

Bei der Umsetzung hat sich Maïwenn sichtlich an Stanley Kubricks gleichfalls in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angesiedeltem und prachtvoll anzuschauendem Historienfilm "Barry Lyndon" (1975) orientiert. "Jeanne du Barry" hat rund zwanzig Millionen Euro gekostet. Dieses Geld ist dem nicht digital, sondern auf traditionellem Filmmaterial nicht nur wegen der unzähligen kostümierten Komparsen gedrehten Werk anzusehen. Die Regisseurin hat sich für das klassische 35-Millimeter-Format entschieden, um möglichst realistische Bilder zu erzielen. Außerdem konnte sie an den Originalschauplätzen in Versailles drehen; die Bildgestaltung ist der exquisiten Ausstattung angemessen.

Aus Sicht von Maïwenn (Jahrgang 1976) trägt das Drama auch gewisse autobiografische Züge: Mit 15 verliebte sie sich in den doppelt so alten Luc Besson, damals bereits ein Topstar in Frankreichs Regie-Riege; das Paare heiratete 1992. Sie selbst hat die Parallele in einem Interview angesprochen: "Eine junge Frau, die sich in einen mächtigen Mann verliebt, wird immer als eine selbstsüchtige Person, die dem Geld nachläuft, verunglimpft werden. Ich wollte diese Ungerechtigkeiten herausschreien. Ich bin davon überzeugt, dass ich diese Frau in meinem tiefsten Inneren kenne, sowohl in ihren schönsten als auch in ihren dunkelsten Seiten."

Maïwenn wirkte bis zur Trennung 1997 in einigen Filmen Besson mit und begann schließlich, selbst Regie zu führen. "Poliezei" (2011), ein quasidokumentarisches Drama über die Pariser Jugendpolizei, lief auch in den deutschen Kinos und erhielt 2012 in Cannes den Preis der Jury; der Unterschied zu "Jeanne du Barry" könnte kaum größer sein.

Der Film wurde zwar nicht ausgezeichnet, aber schon die Teilnahme am Festival hatte Folgen: Direktor Thierry Frémaux hat ihr nach einer ersten Sichtung zu deutlich längeren Einstellungen geraten, was durchaus ihrer ursprünglichen Absicht entsprach; gekürzt hatte sie nur, weil sie wegen der Länge ein schlechtes Gewissen hatte.