evangelisch.de: Herr Latzel, erstmal ganz klassisch: Für welchen Verein schlägt eigentlich Ihr Herz; und wie leiden oder feiern Sie als Fan?
Thorsten Latzel: Als ich zur Schule ging, hatten wir in meiner Heimatstadt Bad Laasphe unsere eigene Straßenmannschaft – den 1. FC Eichelkamp. Wir haben leidenschaftliche Matches gegen die Wallachei ausgetragen, natürlich ohne Schiri, auf Bolzplätzen, mit Sprudelflaschen, die in den Pausen geteilt wurden. Damals war ich Fan von Borussia Mönchengladbach: so richtig mit Bettwäsche, Wimpel und Klebebilder von Bonhof, Vogts, Hannes, Stielike und Matthäus. Ich bin im CVJM groß geworden – Glaube und Sport haben für mich da immer zusammengehört. Heute schaue ich mir die Bundesliga entspannter an - und halte natürlich zu allen Mannschaften im Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland. Bei uns gibt es viele tolle, traditionsreiche Clubs. Und manchmal auch Seelsorge-Arbeit bei Kolleg:innen, je nach Spielverlauf am Wochenende.
Das DFB-Pokalfinale lebt ja oft von Außenseitern, großen Emotionen und dramatischen Wendungen. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Wettbewerb mehr als am Liga-Alltag?
Latzel: Pokalspiele haben ihre ganz eigene Dramatik. Durch das K.O.-System ist jedes Spiel ein Endspiel. Teams aus unteren Ligen können als David die Bundesliga-Goliaths schlagen. Und am Ende geht es zum großen Show-Down nach Berlin. Wer dort einmal die Stimmung im Olympia-Stadion erlebt hat, versteht den Zauber. Da bebt das ganze Stadion, die Fans geben in ihren Choreographien alles – und wir sind als Kirchen mit dabei.
"Kirche und Stadion sind die beiden Orte, wo Menschen öffentlich am lautesten singen"
Sie halten vor dem Finale einen Gottesdienst in Berlin. Wie reagieren Fußballfans darauf? Kommen da eher gläubige Menschen oder Fans, die kurz durchatmen wollen?
Latzel: Der ökumenische Gottesdienst beim DFB-Pokale ist wirklich faszinierend. An ihm wirken sehr viele verschiedene Menschen mit: christliche Fan-Clubs, Schiedsrichter:innen, Sicherheitskräfte, die Polizei, der DFB-Präsident und Sportbegeisterte aus den christlichen Kirchen. Dazu kommt eine richtig gute Band und die beeindruckende Atmosphäre der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.
In den letzten Jahren lag meist die Fan-Zone eines Vereins direkt neben der Kirche, das ist in diesem Jahr wohl anders. Viele Menschen nehmen an dem Gottesdienst teil, weil für sie Glaube und Sport zwei wichtige Dinge in ihrem Leben sind. Richtig berührend wird es, wenn dann im Gottesdienst Fan-Gesänge und kirchliche Lieder zusammenkommen. Kirche und Stadion sind die beiden Orte, wo Menschen öffentlich am lautesten singen: in der Kirche von dem, was Glaube, Liebe, Hoffnung bedeutet – im Stadion von einer der schönsten Nebensachen der Welt.
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
Viele sagen: Fußball ist die letzte große gesellschaftliche Klammer. Würden Sie zustimmen oder wird das manchmal romantisiert?
Latzel: Fußball hat wie Sport insgesamt das Potenzial, Emotionen zu wecken, Menschen zusammenzuführen, auch zur Begegnung von Ländern beizutragen wie bald bei der WM. Ich würde ihn aber nicht als "letzte große gesellschaftliche Klammer" bezeichnen. Damit wird der Sport überhöht und der gesellschaftliche Zusammenhalt in anderen Bereichen unterschätzt. Demokratie, Menschenrechte, Würde, Grundrechte, Frieden – das alles verbindet Menschen in unserer Gesellschaft. Das sollten wir nicht kleinreden.
Und natürlich verbindet sehr viele Menschen ihr Glaube. Das kann man bei Veranstaltung wie Kirchentagen erleben oder einfach, wenn man einmal in andere Städte und Länder reist. Überall treffe ich dort auf Geschwister, die mit mir an Jesus Christus glauben, Gemeinschaft leben und sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung engagieren – über konfessionelle und nationale Grenzen hinweg.
Haben Sie selbst ein Pokalspiel oder ein Fußballerlebnis, das Ihnen bis heute im Kopf geblieben ist?
Latzel: Da gibt es einige. Da sind natürlich die gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaften, die ich selber aktiv miterlebt habe: 1990 und 2014, aber auch die WM 2006 und EM 2024 im eigenen Land. Besonders das 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale 2014 ist ein besonderer Höhepunkt gewesen. Mein Schwiegervater hat nur den Anpfiff mitbekommen und konnte später gar nicht glauben, was da passiert ist. Bei dieser WM hat eine Kollegin immer ein passendes Menü gekocht mit Rezepten aus dem Land des anderen Teams. Das fand ich eine schöne Form kulinarischer Wertschätzung. Bei großen Turnieren liebe Public-Viewings – das fiebert, feiert und leidet man gemeinsam.
Mit Blick auf die FIFA World Cup 2026: Freuen Sie sich eher auf ein großes Fußballfest in Nordamerika oder sehen Sie die größeren Turniere auch kritisch?
Latzel: Ich mag sportliche Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft – das heißt aber nicht, unkritisch zu sein, im Gegenteil. Die finanzielle Ausschlachtung der Spiele durch die FIFA ist unsäglich; die Trump-Regierung zerstört gezielt demokratische Rechte, geht menschen-verachtend mit Minderheiten um, sät Hass und Spaltung statt Versöhnung. Die USA ist aber mehr als die MAGA-Bewegung, die WM mehr als die FIFA und man kann die Spiele auch nutzen, um gerade über Missstände zu reden, Solidarität mit den Geschwistern in den USA zu zeigen und Zeichen der Gemeinschaft zu setzen.
Sportliche Großereignisse bieten die Chance, der friedlichen Begegnung von Menschen verschiedener Länder zu dienen. Das möchte ich nicht korrupten Autokraten überlassen. Darüber hinaus birgt sportliche Spiele eine Schönheit und eine Lebensfreude in sich, die Menschen gut tun. Ich bin skeptisch gegenüber allgemeinen Boykott-Aufrufen, deren Reichweite oft gering ist, und setze mehr auf kritisches Bewusstsein und kreativen Umgang.
Der ökumenische Gottesdienst findet am Samstag, 23. Mai 2026, um 12 Uhr, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz) in Berlin statt. Gemeinsam mit Präses Thorsten Latzel wird ihn der Sportbischof der Deutschen Bischofskonferenz, Stefan Oster, leiten.




