TV-Tipp: "Tatort: Fackel"

Getty Images/iStockphoto/vicnt
22. März, ARD, 20.20 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Fackel"
Ein Brand, der nie erlosch. 13 Tote, ein vertuschter Skandal und zwei Ermittler, die gegen die Zeit kämpfen. Als ein Gutachter unter mysteriösen Umständen stirbt, stoßen Azadi und Kulina auf eine Verschwörung.

Der Begriff "Cold Case" ist längst auch im Deutschen etabliert: "Kalte Fälle" sind Verbrechen, die nicht aufgeklärt werden konnten. Über dreitausend Tötungsdelikte sind hierzulande ungelöst; ganz zu schweigen von den Taten, die gar nicht erst als Mord erkannt worden sind. Bei ihrem dritten Einsatz ermitteln Maryam Azadi und Hamza Kulina (Melika Foroutan, Edin Hasanovic) allerdings in einem Fall, der alles andere als kalt ist.

Vor fünf Jahren sind bei einem Brand in der Frankfurter Siedlung "Goliath" 13 Menschen gestorben, darunter drei Kinder. Seither untersucht ein Ausschuss, ob es sich um fahrlässige Tötung handelt: Beim Bau des Hauses ist Dämmmaterial verwendet worden, das nur in Gebäuden verbaut werden darf, die maximal 22 Meter hoch sind. Die scheinbar willkürliche Zahl mag zunächst verwirren, lässt sich jedoch plausibel erklären: Bis in diese Höhe reichen die auf den Leitern der Feuerwehr befestigten Rettungskörbe; das Goliath-Hochhaus war mehr als doppelt so hoch.

Dass die Abteilung Altfälle mit den Ermittlungen betraut wird, hat mit der persönlichen Betroffenheit Kulinas zu tun: Die Mutter seiner Jugendliebe ist damals in den Flammen umgekommen. Almila (Seyneb Saleh) bittet ihn, sich der Sache anzunehmen. Kulina und Azadi bleibt nicht viel Zeit: In drei Tagen wird der Untersuchungsausschuss sein Ergebnis verkünden. Beim Studium der Unterlagen stoßen sie auf einen Todesfall, der sich ein halbes Jahr nach der Katastrophe ereignet hat: Der Gutachter, der damals den Dämmstoff getestet und zertifiziert hat, ist tot in seinem Auto gefunden worden. Weil sich der angeblich unter einer schweren Depression leidende Mann offenkundig mit Auspuffgasen selbst vergiftet hat, war der Fall für die Mordkommission umgehend erledigt. Die Kollegen sind naturgemäß nicht gerade begeistert, als das Duo aus dem Keller des Polizeipräsidiums Akteneinsicht verlangt.

Spätestens jetzt entwickelt sich "Fackel" zu einer gar nicht mal übermäßig spannend inszenierten, trotzdem aber außerordentlich fesselnden Mischung aus Krimi und Polit-Thriller, zumal Azadi und Kulina mehr und mehr der Eindruck haben, dass die Ermittlungen verschleppt und ein Skandal vertuscht werden sollen. Regie führte Rick Ostermann, er hat zuletzt auch den zweiten Film mit Melika Foroutan und Edin Hasanovic sowie zuvor die faszinierende ARD-Serie "Hundertdreizehn" (2025) inszeniert. Das Drehbuch stammt von Sebastian Heeg und dem Schauspieler Tom Schilling, es ist sein Debüt als Autor. Die durch den Brand im Londoner Grenfell Tower (2017) inspirierte Geschichte ist äußerst komplex, gerade der Hintergrund bedarf vieler Erklärungen, aber Ostermann hat auch diese Szenen nicht zuletzt dank einer klugen Besetzung gut aufgelöst.

Unmittelbar nach dem Prolog mit den Bildern des brennenden Hochhauses wird der Gegenspieler des Ermittlungs-Duos eingeführt, als Steffen Böttcher (Stephan Luca) vor dem Ausschuss aussagt. Er muss sich als Inhaber und Geschäftsführer jenes Unternehmens verantworten, dass den Dämmstoff produziert hat, weist allerdings erwartungsgemäß sämtliche Haftungsansprüche zurück. Auf dem Weg zu seinem Wagen wird er von Almila gestellt. Später hält sie zum Jahrestag der Tragödie bei einer provisorischen Gedenkstätte mit Fotos der Verstorbenen eine leidenschaftliche Rede. Alle Schuldigen sollen zur Rechenschaft gezogen werden. Ihr heiliger Zorn ist es schließlich auch, der Kulina antreibt. Er ist in der Sozialbausiedlung aufgewachsen, seine Mutter lebt heute noch hier. Seine Betroffenheit prägt die Bildsprache, die hier ungleich direkter und unmittelbarer ist als noch bei "Licht" (Kamera hier wie dort: Philipp Sichler). Als Azadi eine Patrone in ihrem Briefkasten entdeckt, wird der Fall auch für sie zu einer persönlichen Angelegenheit.

Für die notwendigen allgemeinen Informationen über die Tests von Baumaterialien sorgt die damalige Laborassistentin (Nadja Bobyleva) und spätere Nachfolgerin des toten Materialprüfers: Was bei einem Feuer schmilzt, wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Der Rest ist Krimi: Eine detaillierte Rekonstruktion der letzten Lebensstunden des Gutachters offenbart ein verblüffendes Detail, das den Kollegen von der Mordkommission damals entgangen ist, weil sie gar nicht erst danach gesucht haben. Höhepunkt der kriminalistischen Arbeit ist die Befragung einer Verdächtigen, die in Wirklichkeit einem gänzlich anderen Zweck dient. Der Film ist damit allerdings noch nicht zu Ende: Mit dem tragischen Epilog, der dem Titel eine grausige zweite Bedeutung gibt, schließt sich der Kreis zu den Auftaktbildern.