Der Titel dieses "Polizeiruf"-Krimis aus Magdeburg ist eine bewusste Verfälschung: Als mehrere obenrum nur mit BH bekleidete Frauen eine Versammlung stürmen, skandieren sie "My Body, my Choice". Die Parole haben sie in Anlehnung an die einst in der Ukraine gegründete feministische Gruppierung Femen auch auf ihre Oberkörper geschrieben: mein Körper, meine Wahl.
Damit jetzt ist klar: "Your Body My Choice" ist ein Film mit Botschaft, zumal auch die Haupt- und Identifikationsfigur Stellung zum Thema Abtreibung bezieht. Letztlich geht’s in dem Drehbuch von Annika Tepelmann und Regisseurin Franziska Schlotterer um die Frage, woher Männer auch im 21. Jahrhundert noch das Recht nehmen, Gesetze zu erlassen (beziehungsweise in diesem Fall nicht abzuschaffen), die in erster Linie Frauen betreffen.
Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) bringt es sinngemäß auf den Punkt: Paragraf 218 ist ein Relikt aus fünftausend Jahren Patriarchat.
Bis hierher ist das Stoff für ein Mittwochsdrama im "Ersten", aber sonntags erwarten die Menschen einen Krimi, deshalb beginnt der Film mit einem Todesfall. Eine junge Radfahrerin ist auf einer Kreuzung gegen ein Auto geprallt, weil jemand ihre Bremskabel durchtrennt hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Marwa hat in einer gynäkologischen Praxis gearbeitet, und damit ist der unaufgeregt inszenierte Krimi beim Handlungskern: Ihre Chefin (Jenny Schily) ist eine der letzten Frauenärztinnen in Magdeburg, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Die Praxis bekommt regelmäßig Hass-Mails und Morddrohungen; nun ist aus den Worten offenbar eine Tat geworden.
Themenfilme pflegen in der Regel zu polarisieren und lassen keinen Zweifel daran, wer die Guten und wer die Bösen sind. Zumindest in dieser Hinsicht ist das Drehbuch nur einmal konsequent: Lautester und entsprechend unsympathischer Teilnehmer der eingangs erwähnten Versammlung ist ein Politiker, der mit seiner Tirade gegen Masseneinwanderung und Islamierung zweifelsfrei eine rechtsextremistische Partei repräsentiert. Prompt gibt es Protest gegen seinen Versuch, die Anti-Abtreibungs-Initiative für politische Zwecke zu kapern. Als die Aktivistinnen die Diskussion unterbrechen, werden mehrere Männer handgreiflich; spätestens jetzt wird offenkundig, dass die Forderung nach körperlicher Unversehrtheit nur für jene gilt, die auf der vermeintlich richtigen Seite stehen.
Wohltuend sanft geht Schlotterer hingegen mit einer Handvoll Männer und Frauen um, die tagein, tagaus vor der Praxis singend oder im Gebet verharren. Sie tragen Schilder mit Aufschriften wie "Von Gott gewollt" oder "Hilfe statt Abtreibung", machen ansonsten aber keinen fanatischen Eindruck, obwohl es sich, wie mal erwähnt wird, um "fundamentale Christen" handelt, die in Filmen sonst stets als weltfremd und radikal geschildert werden.
Zumindest indirekt kommt Brasch mit ihrer Hilfe sogar der Lösung des Falls einen erheblichen Schritt näher. Fotos zeigen einen jungen Mann, der nicht zu der Gruppe gehört und sich daher im Hintergrund hält, aber ebenfalls regelmäßig an den Mahnwachen teilnimmt: Maik Gerboth (Sebastian Jakob Doppelbauer) kümmert sich zwar rührend um eine gehbehinderte alte Nachbarin, wird aber früh als Verdächtiger angeboten.
Wie die meisten Sonntagskrimis, die eine Botschaft unters Fernsehvolk bringen wollen, ist "Your Body My Choice" über weite Strecken und selbst inklusive des Finales äußerst spannungsarm. Stattdessen, auch das passt ins Bild, wird viel geredet. Brasch macht gleich mehrfach deutlich, warum sie für das Recht auf Abtreibung ist: Ihr hat die Mutterschaft vor allem Kummer beschert. Langjährige Fans der Filme aus Magdeburg erinnern sich an den ersten Auftritt der Kommissarin ("Der verlorene Sohn", 2013): Sprössling Andi, damals zwanzig, war Neonazi; die beiden haben schon lange keinen Kontakt mehr. Zweite Kronzeugin ist Dania (Nicola Magdalena Lüders), eine ungewollt schwangere Schülerin aus dem in solchen Fragen äußerst restriktiven Polen. Ihr zur Seite steht Lara, eine junge Frau, die sich als "Abortion Buddy" (wörtlich übersetzt: Abtreibungskumpel) um Patientinnen wie Dania kümmert.
Luna Jordan entspricht mit ihrer angestrengt wirkenden Zornesfalte über der Nasenwurzel allerdings viel zu sehr dem Klischee der wütenden Aktivistin. Die Dialoge, in denen es um das gesellschaftliche Klima oder den Frauenhass geht, wirken ohnehin recht aufgesetzt. Dass die Autorinnen außerdem noch den Faktor häusliche Gewalt ins Spiel bringen, um zu erklären, warum Lara am Ende einen Menschen halbtot prügelt, lässt den Film thematisch zudem überfrachtet wirken.


