Motzen für mehr Demokratie

Mo Asumang vor dem Motzbuden Zelt
Mo Asumang
Mo Asumang spricht in der Motzbude mit denjenigen, mit denen andere nicht mehr sprechen wollen - weil sie extreme Meinungen vertreten, weil sie Dinge sagen, die rassistisch, queer-feindlich, anti-demokratisch sind.
Themenschwerpunkt Demokratie
Motzen für mehr Demokratie
Alle diejenige, die denken: "Man darf ja nichts mehr sagen!", können in der "Motzbude" ihrer Wut freien Lauf lassen. Mo Asumang und ihr Team sprechen mit denjenigen, mit denen andere nicht mehr sprechen wollen - weil sie extreme Meinungen vertreten, weil sie Dinge sagen, die rassistisch, queer-feindlich oder anti-demokratisch sind. Im Interview mit Anne Chebu erzählt sie, warum sie sich sicher ist, dass Dialog positiv sein kann.

evangelisch.de: Nachdem Sie Anfang der 2000er-Jahre in einem Neo-Nazi-Lied eine Morddrohung bekommen haben, suchen Sie das Gespräch. In Dokumentarfilmen und Büchern sprechen Sie mit Rechtsradikalen, mit den Ku-Klux-Klan-Mitgliedern und mit Extremisten. Mit ihrem Verein Mo:Lab e.V. bilden Sie Dialogbotschafter:innen aus. Nun reisen Sie mit der Motzbude an verschiedene Orte und gehen ins Gespräch. Wann haben Sie entschieden, dass Dialog Ihr Weg ist, mit Rassismus umzugehen?

Mo Asumang: Es gab tatsächlich einen entscheidenden Moment: Und zwar habe ich bei einem Theaterstück für Inhaftierte zu therapeutischen Zwecken mitgewirkt in der Justizvollzugsanstalt Wriezen in Brandenburg. Da waren also Mörder, Vergewaltiger und auch Nazis.

Zur Begrüßung haben mir alle ganz normal die Hand geschüttelt, bis auf einen: Der hat mich nicht anschauen können und hat die Hand ganz schnell weggezogen und ist dann so weggehuscht. Huch, wer ist das denn? Dann wurde mir gesagt: "Der ist Neonazi." Da dachte ich mir: "Das ist ja eigenartig, ich dachte, die sind doch so stark." Und da hat es bei mir Klick gemacht.

"Manchmal ist man schwach und braucht Verbündete"

Ich habe gemerkt, es kommt auch auf mich an. Ich habe eine Chance, wenn ich an mir arbeite und in der inneren Balance bleibe. Ich kann selbst aktiv etwas tun und nicht nur abwarten und hoffen, dass sich die andere Seite ändert. Diese Erkenntnis war für mich eine echte Selbstermächtigung. Das hat den Unterschied gemacht. 

Nochmal zum Verständnis: Es geht nicht darum zu sagen, man hätte an Diskriminierung selbst Schuld oder man solle nicht so empfindlich sein und sich ein dickeres Fell wachsen lassen?

Asumang: Nein, das meine ich überhaupt nicht. Das wäre ja eine Schuldumkehr. Ich würde niemals von einer Person verlangen, die selbst Migrationsgeschichte oder eine andere Hautfarbe hat, in den Dialog gehen zu müssen. Oft hat man die Kraft dafür gar nicht. Und man ist dann darauf angewiesen, Allys zu haben. (*Anmerkung der Redaktion: Allys sind Verbündete, die sich gegen Diskriminierung einsetzen, obwohl sie selbst nicht direkt davon betroffen sind.) 

"Man muss den anderen gönnen, eine innere Entwicklung zu machen"

Manchmal hat man die innere Stärke und manchmal ist man ganz schwach und braucht Hilfe von anderen. Man braucht dann die, die für einen einstehen: Kollegen, Familie, Freundinnen, die das Wort ergreifen. Ich habe mich nicht getraut zu fragen und habe es selbst gemacht und dadurch gelernt, dass ich über mich selbst bestimmen kann. Das hat mich dafür immer stärker werden lassen.

Sie suchen das Gespräch zu wirklich ALLEN! Diesen Spruch "Mit Nazis rede ich nicht.", den gibt es bei Ihnen nicht. Sie haben viele Gespräche mit Rechtsradikalen, mit KKK-Mitgliedern geführt. Auch mit Querdenkern und mit Frauenhassern … Warum?

Asumang: Irgendwann habe ich bemerkt: Wenn sich mein Gegenüber positiv verändert, dann habe ich auch was davon und die Generationen nach mir auch. Deshalb wollte ich mir innerlich erlauben, dass es denen, diesen Nazis, auch gut gehen kann. Ohne Hass, ohne böse Worte in mir. Man muss es den anderen gönnen, eine innere Entwicklung zu machen, und kann dann helfen, diese in die Transformation zu schieben. 

Klingt für mich auch christlich...

Asumang: Ich trage auch gerade ein Kreuz um den Hals. Das hat eine schöne Geschichte: Ich war mal auf Mallorca im Ostergottesdienst und als der Pfarrer uns mit Weihwasser besprengt hat, habe ich einen Tropfen auf den Hals bekommen und das auf mein Gesicht verteilt.

"Plötzlich habe ich eine innere Stimme sagen gehört: 'Wenn jetzt was Großes kommt, hab keine Angst'"

Plötzlich habe ich eine innere Stimme sagen gehört: "Wenn jetzt was Großes kommt, hab keine Angst". Einen Tag später habe ich einen Anruf bekommen: "Willst du mit auf das Barack Obama Panel in Berlin mit 17.000 Menschen im Publikum?" Normalerweise hätte ich abgesagt: "Das ist mir zu groß."

In Dokumentarfilmen und Büchern spricht Mo Asumang mit Rechtsradikalen, mit dem Ku-Klux-Klan-Mitgliedern und mit Extremisten.

Aber wegen der Erfahrung in der Kirche habe ich das gemacht. Das war total abgefahren. Ich habe mir dann in der Kathedrale ein Kreuz gekauft und erfahren, dass das die Abbildung des Papst-Kreuzes war und das trage ich jetzt.  

Sind Sie gläubig?

Asumang: Ich bin katholisch getauft und ja, irgendwie auch gläubig, auch wenn ich vieles eher mit mir selbst ausmache und nicht so oft in die Kirche gehe. Aber solche Zeichen geben mir Kraft.

"Wer nicht motzt, fliegt raus!"

Schauen wir auf eines Ihrer neusten Projekte: die Motzbude. Ist das für all die, die sagen "man darf ja heutzutage nichts mehr sagen"? - Doch, in der Motzbude.

Asumang: Ja, müssen sie sogar! "Wer nicht motzt, fliegt raus.", das ist unser Motto.

Aber erreichen Sie mit Ihrer Motzbude überhaupt die echten Grantler, die richtig Wütenden? Oder kommen doch nur die, die eh schon reflektiert sind und gesprächsbereit?

Asumang: Doch, superviele Grantler kommen. Die finden das ganz toll. 
Man muss sich das so vorstellen: Du kommst da hin und dann siehst du erstmal ein Zirkuszelt auf dem 'Motzbude' steht und drunter steht "Check-In". Am Check-In gibt es verschiedene Karten: "Motzen und Meckern", "Maximal Motz", "Mini Motz" und "Ich brauch mal nur ein Ohr". Also es ist für jeden was dabei. Im Zelt sitzen dann wir, die Dialogbotschafter, die ein Gespräch führen können ohne wütend zu werden. 

Der Gast setzt sich dem Dialogbotschafter gegenüber und wird gefragt: "Wie lange willst du motzen?", und dann darf man wirklich nichts Schönes erzählen in dieser Zeit, sondern nur motzen. Normalerweise ist es ja verboten zu motzen und in der Motzbude dürfen sie. Und was passiert? Manche sagen dann: "Ach, eigentlich habe ich ja gar nichts zu meckern." Dann frage ich aber nach und dann kommt meistens doch noch ganz viel.

Über was wird gemotzt?

Asumang: Über Verschiedenes: politische Dinge, die "Welle der Geflüchteten", mehr Blumenkästen in der Straße, der Müll, der nicht oft genug abgeholt wird und und und... Ich denke, wir haben in unserer Gesellschaft viele Verbotszonen eingerichtet: nichts Rassistisches sagen, nichts Antisemitisches, nichts Frauenfeindliches sagen … Ja, das ist richtig und sehr wichtig.

"Denkst du, Jesus liebt nicht auch die Schwarzen?"

Aber wenn diese Verbotszonen so extrem bewacht werden, dass man nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen kann, dann müssen wir ein bisschen zurückrudern. Verbotszone ja, aber sprich darüber, z.B. das "N-Wort", normalerweise ein 'NoGo!' Aber man kann fragen: Von wem hast du das gehört? Wie fühlt es sich an, wenn du das sagst? Wie reagieren Leute darauf? So kann man Aufmerksamkeit schenken, auch wenn man anderer Meinung ist. Man kann miteinander darüber sprechen und den anderen in die Reflexion begleiten.

Im Film "Die Arier" habe ich den KKK-Mann gefragt, warum sie ein Kreuz verbrennen? Er hat gesagt für Jesus Christus. Ich habe gefragt: "Denkst du, Jesus liebt nicht auch die Schwarzen?" Ich habe richtig die Gedankenblase über ihm gesehen: 'Oh, die hat Recht!' Und genau zu diesen Fragen muss da hin - zu den Leuten. 

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie so etwas aber nicht von Betroffenen erwarten. Also ich als schwarze Person habe keine Lust, ständig zu erklären, warum etwas rassistisch ist.

Asumang: Man muss überhaupt nichts, vor allem nicht, wenn man selbst betroffen ist. Aber es geht eben auch nicht ums Erklären, sondern eher darum zu zeigen, wie man sich damit fühlt. Das Einzige, was man wirklich muss, ist "Stopp" sagen, wenn es einem wehtut. Man muss und sollte nichts aushalten.

Das ist der falsche Weg. Aber man kann auch Stopp sagen mit einer versöhnlichen Verabschiedung: "Ich kann das jetzt nicht ertragen, ich halt das nicht aus. Aber nächste Woche nach dem Sport, lass uns wieder sprechen." 
Das Versöhnliche ist entscheidend, wie man die Sache auch für sich selbst in den Griff bekommt. Dann kann man das Gespräch verschieben und dem Anderen eine Chance geben, darüber nachzudenken. 

Wie geht man das am besten an?

Asumang: Erstmal überlegen: Wo ist eigentlich meine Grenze? Wo tut es mir weh oder jemandem, der neben mir steht und betroffen ist? Dann das Gegenüber stoppen. So gerne ich über Dialog spreche, aber so wichtig ist es auch, die Reißleine ziehen zu können.

"Erstmal ausmotzen und dann an den Punkt kommen, wo's wirklich schmerzt"

In einem Filmbeitrag über die Motzbude, sagt ein Teilnehmer: "Erstmal ausmotzen und dann an den Punkt kommen, wo's wirklich schmerzt." Im Logo der Motzbude sind zwei Köpfe zu sehen, in einem ein Herz, in dem anderen ein zerbrochenes Herz. Haben Menschen, die voller Wut sind, ein gebrochenes Herz?

Asumang: Ich glaube, dass viele mit ihren Problemen nicht klarkommen und dann wird ein Buhmann gesucht. Dann kommen die zu uns, und unsere Dialogbotschafter haben einfach zugehört. Ohne Bewertung, ohne Abwertung. Das macht was mit den Leuten, es entsteht eine Bereitschaft, sich zu öffnen. Vorher gibt es diese Bereitschaft überhaupt nicht. Sie bekommen ja ansonsten für ihre Aussagen immer Gegenwind und bleiben so im Dauerangriff. 

"Bei mir gab es noch keinen Fall, wo ich gesagt habe 'das reicht'"

Wie viel sind Sie bereit dort auszuhalten, oder gibt es auch Grenzen? 

Asumang: Bei mir gab es noch keinen Fall, wo ich gesagt habe: "Das reicht". Einer hat mal gesagt, er wünscht sich eine Diktatur. Das wäre für die meisten eine Grenzüberschreitung. Für mich war es interessant zu erfahren, wie er dazu gekommen ist? Er hat dann von seiner Kindheit in der DDR erzählt. Und dann kam dieser persönliche Punkt, zu dem man oft in den Gesprächen kommt, und er sagte: "Mein Vater hat mich schlecht behandelt."

Ist so ein Gespräch selbstheilend für die Gäste?

Asumang: Ja, genau das mag ich. 

Sie sprechen auch vom "konstruktiven Motzen" – was ist das? 

Asumang: Das heißt, dass man reflektiert und guckt, woher der Groll kommt. Da bringen wir die Leute hin. 

Also fast schon therapeutisch?

Asumang: Für mich war es das, mein ganzer Weg war eine Selbsttherapie. Das anzugehen. Zu sprechen. Ich glaube, das ist es auch für die Motzer. Was wir da machen, nennt sich ja eine paradoxe Intervention. Mein Kollege Frank Labitzke ist u.a. auch Verhaltenstherapeut.  

Dass man so reagiert, wie es der andere nicht erwarten würde...  Gibt es nicht auch die Gefahr, arrogant zu wirken, wenn man ausstrahlt "ich steh da drüber". 

Asumang: Es kommt darauf an, wie man sich die Person anschaut. Schaut man von oben herab auf sie, klar, dann fühlt sich die Person nicht ernstgenommen. Einfach dieser neugierige Blick: Wie ist der Mensch dahin gekommen? Ich konnte das auch nicht sofort, das muss man lernen. 
Man übt das im Laufe des Lebens. Manchmal scheitert man auch und manchmal klappt es gut. 

Die Motzbude ist Teil des Mo:lab e.V. (https://mo-lab.org). Dort werden Workshops und Konzepte für einen Umgang mit demokratiefeindlichen Haltungen und Verhaltensweisen angeboten. Finanziell unterstützt wird der Verein u.a. von der Robert-Bosch-Stiftung und dem privat-öffentlichen Welcome Alliance Fund.