TV-Tipp: "Woodstock" (ARD)

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TV-Tipp: "Woodstock" (ARD)
31.7., ARD, 22.45 Uhr
Kein anderes musikalisches Ereignis hat eine ganze Generation derart geprägt wie Woodstock. Die Masse der über 400.000 Besucher übertraf die Erwartungen der Organisatoren bei weitem. Angesichts des Andrangs blieb ihnen nicht anderes übrig, als die Veranstaltung zum "Free Concert" zu erklären, zumal sie den Schauplatz kurzfristig hatten verlegen müssen. Drei Tage vor dem ersten Auftritt standen sie vor der Frage: Zäune oder Bühne.

Die Liste der Mitwirkenden liest sich wie eine Übersicht über die damals wichtigsten Vertreter von Rock und Folkrock. Die enormen Zahlen genügen jedoch nicht annähernd, um zu erklären, warum Woodstock bis heute eine derartige Bedeutung hat; die lässt sich nur verstehen, wenn man die Zeitläufte kennt, und darin liegt die große Stärke dieses Dokumentarfilms.

Im Grunde hat Michael Wadleigh mit "Woodstock" (1970) bereits die ganze Geschichte erzählt. Der Film ist drei Stunden lang und enthält neben den Auftritten der Musiker auch viele Interviews mit Festivalteilnehmern, Veranstaltern und Anwohnern. In einer 1990 veröffentlichten Regiefassung hat Wadleigh den Film um weitere vierzig Minuten verlängert. Was wäre dem noch hinzuzufügen? Zum Beispiel die heutige Perspektive, und in dieser Hinsicht unterscheidet sich der Ansatz von Barak Goodman (Buch und Regie) in der Tat vom Klassiker. Auch er hat eine Vielzahl von Gesprächen geführt, auch bei ihm kommen Besucher, Künstler und Einheimische zu Wort, aber sie blicken zurück; auf diese Weise werden das Festival und sein Einfluss in die Zeitgeschichte gebettet. Anders als bei TV-Dokumentationen verzichtet er jedoch darauf, seine Interviewpartner zu zeigen. Es gibt zwar Fotos von damals, doch ihre Stimmen klingen ausschließlich aus dem Off, was ein bisschen schade ist; es wäre sicher interessant gewesen zu erfahren, wie die einstigen Hippies, mittlerweile längst im Rentenalter, heute aussehen.

Davon abgesehen ist Goodman bei der Strukturierung ganz klassisch vorgegangen. Sein Film beginnt 1966, als zwei junge Produzenten und Besitzer eines Tonstudios in New York City das Angebot erhalten, in Woodstock eine Filiale zu eröffnen. In dem Städtchen hatte sich eine Künstlerkolonie entwickelt. Recht bald entstand die Idee, ein mehrtägiges Festival zu organisieren. Diese Form der Veranstaltung war damals noch ziemlich neu; 1967 hatte das erste Rockfestival im kalifornischen Monterey stattgefunden. Weil es oft zu Krawallen kam, hatten Festivals keinen besonders guten Ruf. Die Produzenten nahmen sich daher vor, alle Fehler zu vermeiden, die anderswo zu Eskalationen geführt hatten. Das hat zwar nicht ganz geklappt, aber Geschichte haben sie trotzdem geschrieben: weil Woodstock in der Tat drei Tage lang aus nichts anderem als Frieden und Musik bestand.

Goodman widmet etwa die Hälfte seines Films den organisatorischen Vorbereitungen des Ereignisses, aber viel wichtiger sind die Beschreibungen des Amerikas Mitte bis Ende der Sechzigerjahre. Die Ausführungen der Teilnehmer, darunter auch die deutsche Hollywood-Korrespondentin Frances Schoenberger, beleuchten den Hintergrund: Die Generation der Eltern war für den Krieg in Vietnam; die Väter hatten im Zweiten Weltkrieg gekämpft und waren überzeugt, der Auslandseinsatz würde Männer aus ihren Söhnen machen. Viele Jugendliche trugen ihren Protest auf die Straße. Ihr Engagement erlitt einen erheblichen Rückschlag, als 1968 innerhalb von zwei Monaten die Friedensbotschafter Martin Luther King und Robert F. Kennedy ermordet wurden. Woodstock ist auch deshalb zur Legende geworden, weil die Rockmusik für viele Jugendliche die einzige Zuflucht war und ihnen gleichzeitig das Gefühl gab, nicht allein zu sein; das Festival hat der Bewegung neue Energie verliehen. Neben Frieden und Musik dürften Sex, Drogen und Alkohol ebenfalls dafür gesorgt haben, dass sich Hunderttausende wie eine große Familie fühlten.

Natürlich zeigt Goodman auch die Stars, aber seine "Woodstock"-Version konzentriert sich in erster Linie auf das Geschehen vor und hinter der Bühne. Auftritte von Joan Baez, The Who, Crosby, Stills & Nash, Santana oder Jimi Hendrix sind nur in Ausschnitten zu sehen, einige Musiker kommen kurz Wort. Sehenswert ist der Film vor allem wegen der dokumentarischen Aufnahmen, die der Regisseur in unterschiedlichsten Archiven aufgestöbert hat. Dank dieser Bilder kann er die komplette Geschichte erzählen: von der Völkerwanderung, die schon Tage vorher einsetzte; von der Hippiekommune "Hog Farm", die von den Veranstaltern als Sicherheitspersonal eingesetzt wurde und die die Besucher dank der selbstlosen Unterstützung durch die Anwohner mit Nahrung versorgen konnte; von den Militärhubschraubern, aus denen zum Glück nicht, wie befürchtet, Mitglieder der Nationalgarde kletterten, sondern Sanitäter; und vom nahen See, in dem sich die nackten Teilnehmer ganz im Sinn des Hippie-Mottos "love, peace and happiness" (Liebe, Frieden, Glück) ihres Lebens erfreuten.

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