Pater Eckart in Rio: "Eine Familie und Gott für alle"

Pater Eckart in Rio: "Eine Familie und Gott für alle"
Pater Eckart ist ein Franziskanermönch, der mehrere Hilfsprojekte in Rio de Janeiro führt. Sein Einsatz hilft Tausenden von Kindern, der Armut zu entkommen. Von täglichem Essen über einen sicheren Ort für Opfer von Misshandlung und Gewalt bis zu einer privaten Klinik für Bedürftige: "Frei Eckart", wie er in Rio genannt wird, ist unermüdlich am Werken, immer mit Gottes Hilfe im Rücken.

In einem großen, fast parkähnlichen Garten tollen lachende Kinder in der Hitze der Vormittagssonne herum. Ein paar von ihnen lassen begeistert einen selbstgebauten Drachen steigen. Die Betreuer haben sich in den Schatten, auf die Verandas der Wohnhäuser zurück gezogen, an denen exotische Blumen zum Himmel ranken. Auf den ersten Blick ist das Kinderdorf in Tanguá, 60 Kilometer von der Metropole Rio de Janeiro entfernt, eine wahre Idylle. Doch hinter dem fröhlichen Kinderlachen liegt eine dunkle Vergangenheit.

Fast alle, die hier leben, wurden sexuell missbraucht, zehn der rund 25 Kinder sind behindert. "Jetzt sind noch zwei Kleinkinder dazu gekommen. Eines mit drei Wochen und eins mit zwei Monaten", erklärt eine Betreuerin. "Das Baby war im Gesicht ganz schwarz verbrannt, weil die Mutter es den ganzen Tag in der Sonne bei 40 Grad herumgetragen hat."

Die Familien

Unter einem offenen Pavillon, sind Decken und Matratzen für Akrobatik-Übungen ausgelegt. "Paula, Dudu, Luciana! Kommt! Zirkusstunde!" ruft Nastasja die Kinder auf Portugiesisch zu sich. Sie proben für einen Zirkusauftritt. Nastasja Metz ist 19, kommt aus Arnstein bei Würzburg und macht hier, mit noch ein paar anderen deutschen Mädchen, ihr freiwilliges soziales Jahr. Als Betreuerin arbeiten sie für die verschiedenen Projekte des Drittordens der Franziskaner, VOT (Venerável Ordem Terceira de São Francisco da Penitência). Der Unterfranke Pater Eckart Höfling ist der Generaldirektor des Sozialwerks. Als 2006 der Gründer des Kinderdorfs starb, übernahm der Pater auch die Leitung dieses Projekts.

Am Eingang des Grundstücks, direkt hinter dem Eisentor, liegt ein großer Gemüsegarten mit saftigen Salatköpfen. "Dort hinter den Wohnhäusern haben wir auch Schweine", sagt die 10–jährige Paula und klingt stolz. Luciana ist an der Reihe. Gekonnt schlägt sie einen Purzelbaum. "Sie und ihre vier Geschwister Matias, Mateus, Luciane und Lukas haben sich eine Zeit lang auf einer Müllkippe durchgeschlagen, bevor sie dort gefunden wurden. Alleine gelassen, von Läusen befallen und unterernährt", erklärt die freiwillige Helferin Nastasja. Jetzt leben sie hier und haben endlich ein Zuhause, eine Familie. Die rund 25 Kinder sind in fünf Wohnhäusern untergebracht. In jedem dieser Häuser wohnen mit ihnen je zwei Sozialeltern, die meisten sind Ehepaare. Außerdem arbeiten in Tanguá noch drei Schwestern aus Indien, die den Kindergarten betreuen und aushelfen wenn die Sozialeltern Urlaub haben, eine Köchin und drei bis vier Gartenarbeiter.

Die Perspektive

Auch die Geschwister Juliana und Ailine leben hier. Sie wurden von ihrem Vater missbraucht und in der Nachbarschaft zur Prostitution herumgegeben. Juliana hat Schmerzen im Unterleib und muss häufig zum Arzt. Ihre Schwester Ailine hat die Vergangenheit psychisch nicht verkraftet. Sie ist geistig behindert. Die regelmäßigen Besuche der Psychologin Monica Darlen, die dreimal in der Woche kommt, helfen ihr bei der Aufarbeitung. Die Kinder vergöttern sie. Alle nennen sie nur tia, Tante. "Die Kinder, die in Tanguá leben, kommen aus den schrecklichsten Verhältnissen. Einige haben so zerfetzte Genitalien, dass es einem ganz anderes wird", erklärt die Psychologin.

Nastasja Metz (links im Bild) bei ihrem FSJEs ist 12 Uhr. Jeden Tag um diese Uhrzeit gibt es Mittagessen im Kinderdorf. Die Mädchen Paula und Roseleide haben sich bei der Betreuerin Nastasja (im Bild links) eingehakt und laufen mit ihr über die Wiese zum Speisesaal. "Sie sind alle extrem anhänglich und auf der Suche nach Liebe" erklärt Nastasja. Schon mehrere Male war auch sie von Läusen und Flöhen befallen. "Das passiert eben, wenn man jeden Tag so eng mit den Kinder zusammen ist", sagt die 19-Jährige achselzuckend.

Wie lange sie im Kinderdorf AIDA (Arco Iris Do Amor, Regenbogen der Liebe) bleiben dürfen, das entscheidet ein Jugendrichter nach Familienverhältnissen oder Drogenabhängigkeit der Angehörigen. Meistens dauert ihr Aufenthalt nicht länger als zwei Jahre, denn es gibt nur eine begrenzte Zahl an Betten, aber jede Menge misshandelte und alleine gelassene Kinder und Jugendliche ohne Zukunft, Perspektiven oder Werte. Nach den zwei Jahren Aufenthalt in Tanguá werden sie wieder ins normale Leben eingegliedert, wenn das möglich ist.

Die Kinder besuchen täglich die Schule, lernen aber auch die Arbeit in der Landwirtschaft und die Viehhaltung kennen und müssen bei der Hausarbeit mithelfen. Mit der Eigenproduktion und dem Verkauf der Produkte wird zum Unterhalt des Kinderdorfes beigetragen, denn das Geld ist immer knapp. Und das Kinderdorf AIDA ist nur eine Baustelle des Pater Eckarts, der in Rio de Janeiro nur "O Frei" genannt wird.

Die Elendsviertel

Die Arbeit des "Frei Eckart" findet vor allem in den Elendsvierteln von Rio de Janeiro statt, den sogenannten favelas und morros. Das sind Hügel mit steilen Treppen und engen verwinkelten Wegen, mit lichtlosen Wellblechhütten und unverputzten Häusern. Düster und feucht wohnen auf wenigen Quadratmetern ganze Familien zusammen. Ruhe, Frieden oder Privatsphäre kennt man dort nicht. Krankheit, Hunger und Gewalt regieren. Das Gesetz machen die Drogenbanden. Fast ein Drittel der Bevölkerung Rios lebt in solchen Favelas. Die meisten haben einfache Jobs, die kaum zum Überleben reichen. Viele alleinerziehende Mütter haben keine Zeit und kein Geld ihre Kinder zu ernähren und so sind die Heranwachsenden auf sie sich selbst gestellt, leben auf der Straße. Für viele Jugendlichen sind die Drogenbosse Vorbilder, weil diese wohlhabend, mächtig und angesehen sind. "Ohne Bildung können die jungen Menschen dem Teufelskreis von Drogenhandel, Gewalt und Prostitution nicht entkommen", das war Pater Eckart Höfling immer klar.

Sein Sozialwerk VOT ist heute ein gemeinnütziges Unternehmen, das in verschiedenen Projekten 1.700 Menschen beschäftigt. Erwachsenenbildung, kostenlose Gesundheitsversorgung und Gemeindezentren mit Kitas für 80 bis 140 Kinder. "Es ist wichtig, dass wir bei den Kleinen anfangen", erklärt er und resümiert: "Insgesamt kommen jeden Tag 2.000 Kinder an meinen Tisch und bekommen Essen und Unterricht." Erziehung, Ausbildung, Gesundheit, Gemeinde schaffen und Gott für alle, das sind die fünf Säulen des Pater Eckart, die Grundlage aller seiner Projekte.

Lesen sie auch den zweiten Teil der Reportage über Pater Eckart, hier auf evangelisch.de!


Kathi Haid ist freie Journalistin und war einige Monate in Brasilien unterwegs.