Rote Karte für den Wodka: Jugendliche im Rausch

Rote Karte für den Wodka: Jugendliche im Rausch
"Osna Helau" schallt es vielstimmig vom Wagen der Osnabrücker Karnevalsgesellschaft Accordium. Doch davon bekommt der Teenager schon nichts mehr mit. Die 15-Jährige ist total betrunken. Um 11.11 Uhr am Samstag setzt sich der Osnabrücker Karnevalsumzug "Ossensamstag" in Bewegung. Eine Stunde später liegt die Schülerin im Rettungszelt des Technischen Hilfswerks, muss sich immer wieder übergeben.

"Wir haben ihre Eltern benachrichtigt - die holen sie dann demnächst ab", sagt Caritas-Mitarbeiterin Sandra Kolmer. Sie kümmert sich während des "Ossensamstags" mit drei weiteren Kolleginnen um alkoholisierte, hilflose Jugendliche. Der Umzug ist für immer mehr Jugendliche Anlass, sich hemmungslos zu betrinken.

Ein junger Mann mit dünnem Bartflaum, eine Packung Orangensaft und eine Flasche Wodka in der Hand, bringt es auf die Formel: "Karneval und Alkohol - das gehört für mich einfach zusammen." Er findet seine gemessenen 1,3 Promille nicht schlimm. Suchtberater Dirk Litzberski-Otten sieht das anders. Am Stand der Diakonie direkt an der Route des Karnevalszugs zeigt er ihm die Rote Karte und fordert ihn auf, die Finger vom Wodka zu lassen.

Diakonie und Caritas zeigen symbolisch die Rote Karte

Diakonie und Caritas, Ordnungsamt und Polizei versuchen in Osnabrück seit einigen Jahren, den exzessiven Alkoholkonsum durch Jugendliche an Karneval in den Griff zu bekommen. Beamte kontrollieren im weiten Umkreis vor, während und nach dem Umzug, stellen Spirituosen und Mixgetränke sicher. Denn laut Jugendschutzgesetz gilt: 0,0 Promille für Jugendliche unter 16. Und keine Spirituosen für junge Menschen unter 18.

Diakonie und Caritas wollen verantwortungsbewusst, aber ohne erhobenen Zeigefinger vorgehen. "Feiern kann auch Spaß machen, wenn ihr nicht völlig betrunken seid", sagt Litzberski-Otten. Am Diakonie-Stand während des Umzugs haben Mitarbeiter für Abstinenzler und Vernünftige attraktive Preise parat: Signierte Originaltrikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft etwa oder ein Treffen mit der Popband "Culcha Candela". Alle anderen bekommen symbolisch die Rote Karte gezeigt.

Dass einige Jungen und Mädchen sich die Ermahnungen nur scheinbar zu Herzen nehmen, ist auch den Experten klar. Dennoch sei es wichtig, mit solchen Aktionen präsent zu sein. Zum einen, um immer wieder darauf hinzuweisen, wie sehr der Alkohol das noch im Wachstum befindliche Gehirn schädigt. Zum anderen, weil nicht nur Jugendliche exzessiv Alkohol trinken.

Polizei setzt auf Präventionsarbeit und starke Präsenz

Der höchste Wert, den die Diakonie am Samstag gemessen hat, ist 2,6 Promille - bei einem Erwachsenen, etwa 30 Jahre alt. "Eine Gesellschaft, die frei mit Alkohol umgeht, und in der Alkoholkonsum sogar soziale Anerkennung genießt, ist mitverantwortlich für die Misere", sagt Achim Bockbreder, Leiter der Diakonie-Suchtberatung in Osnabrück.

Derweil wird es im Rettungszelt des Technischen Hilfswerks voller. Nacheinander werden zwei junge Mädchen und zwei junge Männer liegend eingeliefert. Zwei Caritas-Mitarbeiterinnen stützen zwei weitere Mädchen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Einige Betrunkene haben Schnittverletzungen und deutliche Spuren von Prügeleien. Der Alkohol erhitzt die Gemüter. Die Straßen sind übersät mit Flaschen und Scherben.

Dennoch sei die Lage bis zum Nachmittag etwas entspannter als im vergangenen Jahr, sagt Polizeisprecher Georg Linke. Er führt das auf die gute Präventionsarbeit und die starke Polizeipräsenz zurück. Traurige Rekordhalterin war eine 16-Jährige mit einem Promillegehalt von 1,88 gewesen. Ihr Begleiter, 14 Jahre alt, hatte 0,84 Promille. Linke: "Dem hatte seine Mutter nach seiner Aussage erlaubt, fünf oder sechs Bier zu trinken."

Expertin: Die Gefahren werden unterschätzt

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt zur Karnevalszeit vor übermäßigem Alkoholgenuss Jugendlicher. Eltern sollten mit ihren Kindern über Risiken und Folgen sprechen, sagte die Direktorin der Bundeszentrale, Elisabeth Pott, in einem epd-Gespräch in Köln. Auch sollten sie sich darüber informieren, ob ihre Kinder mit vertrauenswürdigen Freunden den Karneval feiern. Jugendlichen rät sie, sich einer verlässlichen Gruppe anzuschließen, bei der jeder auf den anderen aufpassen könne.

Viele junge Menschen neigten dazu, sich selbst zu überschätzen und die Gefahren zu unterschätzen, erklärte die Gesundheitsexpertin. Übermäßiges Trinken könne bis zu einem Aufenthalt auf der Intensivstation führen. "Unter Umständen ist eine ganz akute Lebensgefahr gegeben", warnte Pott. Da sich ihr Körper noch in der Entwicklung befinde, wirke das Zellgift Alkohol bei Jugendlichen viel schneller und schädlicher als bei Erwachsenen, warnte sie.

Verbote reichen nicht aus

Pott äußerte sich besorgt darüber, dass bei einem Teil der Jugendlichen das sogenannte Rauschtrinken zunimmt. Jeder fünfte der 12- bis 17-Jährigen praktiziere das Umfragen zufolge einmal im Monat. Jeder dritte dieser Gruppe trinke sogar einmal pro Woche exzessiv Alkohol. Auch immer mehr Jugendliche unter 16 Jahren, die noch keinen Alkohol trinken dürften, beteiligten sich daran. Ingesamt sei der Alkoholkonsum in der deutschen Bevölkerung allerdings zurückgegangen.

Verbote allein reichen nach Auffassung von Pott zum Schutz Jugendlicher nicht aus. Ganz wichtig sei ein verantwortliches Erziehungsverhalten der Eltern und das Vorleben eines vernünftigen Umgangs mit Alkohol. "Jugendliche sollten so erzogen werden, dass sie informiert sind und mit Alkohol kritisch umgehen können", sagte Pott. Auch sollte ihnen ein Sozialverhalten vermittelt werden, auf ihre Freunde aufzupassen.

epd