In Ravensburg erhebt sich ein Minarett zwischen den Kirchen

In Ravensburg erhebt sich ein Minarett zwischen den Kirchen
Bereits 2006 wurde in Ravensburg eine Moschee gebaut - mit einem 24 Meter hohem Minarett. In Auftrag gegeben von der türkisch-islamischen Gemeinde, geplant von einem Deutschen und einen Türken. Warum der Turm nicht höher ist und über Kompromisse und Dialoge berichtet der aus aktuellem Anlass erneut aufgelegte Text, der 2006 in chrismon plus erschien.

Im Gebetsraum riecht es nach feuchtem Putz und frischer Farbe. Mechmet Çipan gipst ein kleines Loch zu und klaubt den Fetzen eines Stromkabels vom Estrich auf. Er ist so etwas wie der Hausmeister hier. Vor über 40 Jahren kam er nach Deutschland, hat fünf Kinder mit seiner Hände Arbeit ernährt. Auf dem Bau war das, als es in Deutschland noch was zu bauen gab. Heute ist er 71, seine alte Firma pleite, er längst in Rente. Jetzt gibt es wieder was zu tun: nach dem Rechten sehen, aushelfen, da sein, wie fast jeden Tag seit Baubeginn 2002.

Çipan ist von kompakter Gestalt, Haare und Vollbart sind so weiß, dass man sich fragt, ob sie nachts leuchten. Gutmütig seine Augen, müde und etwas misstrauisch. Seine Sätze bestehen aus Wortfetzen. Die Verben kennen fast nur die Grundform, die Nomen kaum Artikel – nach über 40 Jahren in Deutschland. Erst denkt man: ein Musterbeispiel versäumter Integration. "Moschee ist gut für Deutschland!" Weil die türkischstämmigen Muslime hier eine religiöse Heimat finden? Oder weil er meint, die Deutschen könnten mehr Islam vertragen? Vielleicht ein wenig von beidem.

"Wir wollten eine moderne Moschee"

Was hält er von der Bauhaus-Architektur mit wenig Ornamenten und harten Kanten? Çipans raue Arbeiterhände zeigen auf die rechteckigen Milchglas-Fenster mit den elektronischen Lamellen und zeichnen die Ecken in der Luft nach. Er sagt: "Deutsch." Dann zeichnet er einen Spitzbogen darüber: "Osmanisch. War früher, ist aber vorbei. Nicht immer altes Modell! Moschee gehört nicht Türkei. Moschee ist deutsch. Wir wollen moderne Moschee. Wir sind zufrieden."

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"Wir haben von Anfang an gesagt: Wenn wir die Moschee planen, wird sie vielleicht anders aussehen als in den Köpfen der hiesigen Muslime", sagt Architekt Volker Petzold. Er steht auf dem Minarett. Wie ein runder Bleistift ragt es in die Höhe, schlank und schlicht. Darunter die Moschee mit Kuppel über Gebetsraum, mit Teestube, Waschräumen für Männer und Frauen und dem Totenwaschraum im Keller.

Petzold schaut durch seine blaue, etwas abgewetzte Brille auf die Altstadt und zählt die Türme auf: Liebfrauenkirche, Blaserturm, Sankt Jodok, Mehlsack, Grüner Turm, Untertor. Die neue Moschee steht im Gewerbegebiet zwischen Baumärkten, Parkplätzen, Veranstaltungshalle und Imbiss-Lager. Weil sie tiefer als der Stadtkern liegt, ist sie in der Stadtsilhouette nicht zu sehen. Trotzdem: Das Minarett öffnet ein neues Kapitel in einer alten Tradition. Die Moschee ist nur 15 Minuten zu Fuß vom Rathaus entfernt, Ravensburg ist eine Stadt der kurzen Wege.

Kirchen werden kaum noch gebaut, aber Moscheen

"Kirchen und Moscheen sind ja Räume, in denen Menschen ihrem Gott huldigen. Und weil ich sehr an meinem Glauben hänge, verstehe ich, wie andere Menschen an ihrem hängen." Der Protestant Petzold hat noch nie eine Kirche gestaltet – die werden kaum noch gebaut. In Deutschland gibt es etwa 24.500 katholische und 21.100 evangelische Kirchen. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz erwartet bis 2015 die Schließung von 700 katholischen Kirchen. Die Evangelische Kirche in Deutschland nennt keine Zahlen. Laut Islamarchiv gibt es 2.660 muslimische Gebetsräume, dazu 143 Moscheen mit Minarett und Kuppel. 128 weitere sind in Planung oder im Bau.

In diese Marktlücke ist Petzold eher gestolpert als gestoßen. Ohne seinen türkischstämmigen Mitarbeiter Mustafa Ar? wäre er kaum an den Auftrag gekommen. Würde in einen Kirchenbau nicht doch mehr Herzblut fließen? "Wahrscheinlich schon. Was nicht heißt, dass ich andere Aufgaben vernachlässige." Wie fühlt es sich an, auf seinem eigenen Bauwerk zu stehen? "Ich bin zufrieden, wie es ist", sagt Petzold. Was daran liegen kann, dass er kein Mann großer Worte ist. Und dass beim Bau Kompromisse nötig waren: 24 Meter hoch ist das Minarett. Das sitzt Petzold wie ein Stachel im Fleisch. "Die Proportionen", sagt er und verzieht das Gesicht. "Eigentlich hätten dem Turm 30 Meter gut getan, das hätte mit dem Bau und seiner Kuppel besser harmoniert."

Aber mehr war nicht drin, und Oberbürgermeister Hermann Vogler ist heilfroh, dass es die türkisch-islamische Gemeinde nicht drauf angelegt hat, die sechs Meter durchzuboxen. Bisher war alles glatt gelaufen: Im Jahr 2000 stellten Petzold und Ar? die Pläne den Baubehörden und dem Gemeinderat vor. Die diskutierten das Bauvorhaben wohlwollend. Auch als die Presse das Thema aufgriff, gab es kaum Widerstand. "Wir dachten, jetzt bricht der Sturm los", erinnert sich Vogler. Es blies bloß ein laues Lüftchen: Nur die Nachbarn wollten sicher sein, dass es keinen Gebetsrufer geben wird. Vogler beruhigte sie: "Erst wenn in unserer türkischen Partnerstadt Bursa eine Kirchenglocke läuten darf, wird in Ravensburg ein Muezzin singen!" Noch heute wundert sich Siegfried Kasseckert, damals Lokalchef der Schwäbischen Zeitung, dass es so wenig negative Leserbriefe gab.

Kompromisse sollen nicht über Probleme hinwegtäuschen

Nach dem 11. September drohte die Stimmung zu kippen. Die Bereitschaft der Muslime zu Integration, zu Toleranz stand in Frage. Steine flogen durch die Scheiben der Moschee. Ein Deutscher bezahlte zwar die 500 Euro Reparatur – aus Scham, dass so was in seinem Land passiert. Doch in dieser Stimmung mit dem Minarett höher hinaus zu wollen, war politisch nicht durchsetzbar. "Ich hab’s im Guten abgefangen mit der Bitte um Verständnis", sagt Vogler. Architekten und Bauherren kamen der Bitte nach.

Klassische Kompromisse – sie sollen über viele Probleme nicht hinwegtäuschen. Wahr ist auch, dass in Baden-Württemberg jeder vierte Strafgefangene ausländischer Herkunft ist. Dass die Stadt in den neunziger Jahren einen fundamentalistischen Religionslehrer hatte, den das türkische Konsulat schließlich abberief. Dass viele Deutsch-Türken auch in der dritten Generation auf die Hauptschule gehen. Vogler erzählt das von sich aus. Er will die Lage nicht schönreden: "Das Zusammenleben ist sogar etwas distanzierter als früher."

In München gab es Unterschriften gegen eine geplante Moschee, in Berlin versuchten Anwohner mit einem Bürgerbegehren eine Moschee zu verhindern. Nur in Ravensburg wird nicht gestritten, sondern gebaut. Woran liegt’s? Vogler sitzt in seiner Amtsstube aus dem 15. Jahrhundert, über sich die dunkle Kassettendecke mit schweren Holzbalken, und erklärt: Dass es im wohlhabenden Oberschwaben Arbeit gibt. Dass die Stadt frühzeitig durch Ausstellungen und Informationsveranstaltungen über den Islam informiert hat und auf die muslimische Gemeinde zugegangen ist. Dass die Moschee-Pläne früh öffentlich gemacht wurden. Und: "Wir sind stark in der eigenen Tradition. Das macht uns selbstbewusst,ohne überheblich zu sein. Wir müssen auch unsere eigene Geschichte hoch halten." Weil Menschen, die sich ihrer Identität sicher sind, entspannter auf andere zugehen können.

Integration, nicht Assimilation

Der Rohbau steht, den Gebetsraum hat ein türkischer Künstler mit Ornamenten verziert, jetzt ist erst mal das Geld alle. Die Gemeinde sammelt kräftig weiter. Sobald der Teppich für den Gebetsraum geliefert und verlegt ist, wird die Moschee eingeweiht, wohl noch in diesem Jahr. "Der Teppich tut mir innerlich weh", sagt Mustafa Ar? und deutet auf das rote Muster im Gebetsraum: "Blau-gelbe Farben und ein bissle dezentere Ornamente hätten sich besser mit dem Raum vertragen." Die Alten in der islamischen Gemeinde wollten es anders.

Petzold und Ar? haben das Projekt vorangetrieben. Petzold saß 23 Jahre im Stadtrat und kennt die Entscheidungsträger, sein Angestellter Ar? ist Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde. Ar? kam mit drei nach Deutschland. Er ist ein drahtiger, wendiger Mann, war mal Ausputzer beim Fußballverein Ravensburg in der Oberliga. "Moscheebauer" nennen ihn seine Kameraden, ein Musterbeispiel gelungener Integration. Vorausgesetzt, man verwechselt Integration nicht mit Assimilation. Den türkischen Pass tauscht Ar? nicht gegen den deutschen ein. "Ich bin ein waschechter Ausländer!", schwäbelt er lachend.


Der Text erschien zuerst in "chrismon plus".