Erst kommen die Pfarrer, dann spielen die Deutschen

Gottesdienst im Fußballstadion

Foto: iStockphoto/AWelshLad

Erst kommen die Pfarrer, dann spielen die Deutschen
Dass alle 48.500 Plätze der Frankfurter Commerzbank-Arena besetzt sein werden, ist unwahrscheinlich. Dennoch versuchen sich die Kirchen am 21. Juni vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana an einem ökumenischen Gottesdienst. Was hat die christliche Botschaft mit Fußball zu tun?

Beim Italiener an der Ecke im Frankfurter Bahnhofsviertel: Alle Gäste starren gebannt auf den Fernseher: Dort läuft Deutschland gegen Portugal, das erste Spiel der Deutschen bei der Fußballweltmeisterschaft 2014.  Die Pasta, der Wein, das Bier kommen zu spät, weil auch die Ober mitschauen wollen. Dann trifft Müller, und trifft, und trifft. Dazwischen auch noch Hummels. Freude, Jubel, mehr Bier, mehr Wein. Da ist sie wieder, die vielbeschworene, gemeinschaftliche Freude während der Fußball-WM. Es ist schön dabei zu sein.

Aber Fußball kann auch anders. Auch an diesem Abend beim Italiener. Als der portugiesische Verteidiger Fábio Coentrão verletzt und mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz getragen wird, hört man von mehreren Tischen belustigte Kommentare. Schließlich ist es ja der Gegner. Am Nebentisch, an dem einige Banker sitzen, ist die Häme fast mit Händen zu greifen. Die Freude über den eigenen Sieg schlägt um in Schadenfreude über das Unglück der anderen Mannschaft. Plötzlich schmeckt der Wein ganz sauer.

Fußballverrückte Theologen und Cheerleader

Fußball verbindet, keine Frage. Aber sportlicher Fanatismus kann auch zu Aggressionen und Gewalt führen. "Damit sind wir schon mitten in einem christlichen Thema", findet Volker Jung, der fußballbegeisterte evangelische Kirchenpräsident von Hessen und Nassau. Deswegen sollen beim ökumenischen Gottesdienst, der am 21. Juni in der Commerzbank-Arena in Frankfurt stattfindet, auch beide Seiten des Fußballs beachtet werden.

"Darf man für den Sieg der eigenen Mannschaft beten? Und was heißt das eigentlich, wenn man im Sport gegeneinander steht, aber gleichzeitig füreinander einsteht?" Das sind die Fragen, denen Jung und sein katholischer Kollege Wolfgang Rösch vom Bistum Limburg in einer Dialog-Predigt nachgehen wollen. "Ich finde, gerade so eine Fußballweltmeisterschaft kann zum Ausdruck bringen, dass beides seinen Platz haben kann: Die Verbundenheit zum eigenen Land, aber auch eine Völkerverständigung, die Vielfalt friedlich zusammenbringt", sagt Jung.

Den Gottesdienst bestreiten die Kirchenleitenden natürlich nicht alleine. An ihrer Seite steht gleich ein ganzes Team fußballverrückter Theologen. Dazu Musiker, Cheerleader und Gäste aus christlichen Gemeinden in Ghana. Schließlich wird ja im Anschluss an den Gottesdienst das Spiel Deutschland gegen Ghana live übertragen.

Auch der Gegner verdient Mitgefühl

Die Idee zu dem Gottesdienst kam nicht von Seite der Kirchen, sondern direkt vom Stadionmanagement. "Kirche in der Arena ist ein großes Thema – wir hatten hier inzwischen unter anderem schon mehr als 60 Taufen", sagt Patrik Meyer, Geschäftsführer der Commerzbank-Arena. Für die Kirchen bedeutet der Gottesdienst aber dennoch ein gewisses Risiko. Der Gottesdienst beginnt um 18 Uhr, das Public Viewing aber erst drei Stunden später. Außerdem ist die Veranstaltung kostenpflichtig. Die Vorstellung eines Gottesdienstes vor einem leeren Stadion ist keine sehr berauschende. "Wenn man so etwas macht, dann will man ja auch, dass viele Leute kommen", sagt Jung.

Mit dabei ist auch Stadionpfarrer Eugen Eckert, der den Gottesdienst auch mit seiner christlichen Pop-Band Band Habakuk unterstützt. Eckert rechnet optimistisch mit 5.000 Gottesdienstteilnehmern. "Für uns ist das ein spannendes Experiment. Aber wenn wir nicht rausgehen und auch an ungewöhnlichen Orten mitmischen, dann werden wir für immer nur unser eigenes Süppchen kochen." Im Stadion, so Eckert weiter, könne man gesellschaftliche Milieus erreichen, die sich sonst eher schwer tun mit Kirche – und mit denen Kirche sich auch eher schwer tut.

Mitgefühl – auch für den Gegner: Das könnte die gemeinsame Botschaft von Fußball und Christentum sein. Mitgefühl zum Beispiel für Iker Casillas, dem spanischen Torwart, der beim Spiel gegen die Niederlande fünf Tore kassieren musste. "Wenn ein Spieler so wie er einen rabenschwarzen Tag hat, dann verdient das auch unsere Anteilnahme", sagt Eckert. "Wir wissen beispielsweise ja gar nicht, was bei dem Mann vielleicht privat los ist. Auch Spitzensportler sind nur Menschen und keine Maschinen. Die können nicht immer Top-Leistung zeigen."

Ohne Eintracht-Spieler wird es schwer

Bei einem Gottesdienst zur Fußballweltmeisterschaft können die Kirchen die Situation in den die Weltmeisterschaft ausrichtenden Ländern nicht ignorieren, etwa die anhaltenden Proteste in Brasilien oder die Lage der Arbeiter, die in Katar an den Stadien bauen. Hier nehmen Eckert und Jung vor allem die Fifa in die Pflicht: "Diese Haltung der Fifa, dass es sie nicht juckt, wie die Verhältnisse im Land sind, wird sie zunehmend Sympathie kosten", sagt Eckert. Und Jung ergänzt: "Die können sich nicht auf die Gestaltung sportlicher Events zurückziehen. Verbände solcher Größenordnung sind immer politische Akteure. Gerade über die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar sollte die Fifa noch einmal nachdenken."

Trotz der mitunter ernsten Themen wollen die Kirchen am 21. Juni nicht als Spielverderber auftreten, sondern höchstens als Mahner, betont Eckert. Niemandem soll die Freude am folgenden Spiel genommen werden. Er auf jeden Fall sei, was den Gottesdienst angehe, "gespannt wie ein Flitzebogen."

Zum Schluss noch die Tipps: Stadionpfarrer Eugen Eckert glaubt, dass die deutsche Mannschaft Weltmeister wird. Dafür müsse sie aber weiterhin so spielen wie gegen Portugal – das ist die Bedingung. Kirchenpräsident Volker Jung hofft ebenfalls auf einen deutschen Weltmeister, fürchtet aber, dass Brasilien als Sieger aus dem Finale hervorgehen wird. Er verweist auf die Theorie, dass Deutschland immer dann Weltmeister würde, wenn ein Eintracht-Spieler im Kader sei. Insofern sehe es dieses Jahr schlecht aus.

Der Stadiongottesdienst in Frankfurt findet am 21. Juni von 18 Uhr bis 19 Uhr statt. Das Public Viewing beginnt um 21 Uhr. Dazwischen gibt es weitere Veranstaltungen. Die Tickets kosten 8 Euro und sind hier erhältlich.

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