"Da wird mir schlecht": Schweiz debattiert über Migranten

Schweizer Initiative gegen "Masseneinwanderung"

Foto: dpa/Thomas Burmeister

Ein Poster der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gegen "Masseneinwanderung"

"Da wird mir schlecht": Schweiz debattiert über Migranten
Die Schweizerische Volkspartei will per Volksabstimmung die "Masseneinwanderung" stoppen. Viele Deutsche in der Alpenrepublik wie die Berlinerin Renate Schwarzer schauen mit Unbehagen auf die Kampagne der Rechtsnationalen.

Auf dem Tisch liegt eine Broschüre der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei. "Masseneinwanderung stoppen", steht da in dicken Lettern. Renate Schwarzer blättert in dem Heft und schüttelt den Kopf. Die vielen Fremden seien für die Übel in Helvetien verantwortlich, liest sie. "Zunehmende Arbeitslosigkeit, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten, Verlust von wertvollem Kulturland durch Verbauung der Landschaft, Lohndruck, Ausländerkriminalität, Asylmissbrauch" und, und, und...

Die Pflegefachfrau legt das Heft beiseite, schüttelt wieder den Kopf. Mit besorgter Miene sagt sie: "Wenn ich so etwas lese, wird mir schlecht." Vor gut zehn Jahren kam sie aus Berlin in die Schweiz, zuerst nach Zürich. Jetzt lebt und arbeitet die Altenpflegerin in Bern. Schwarzer und viele andere Ausländer in der Schweiz fürchten die schrillen, fremdenfeindlichen Kampagnen der SVP, der größten helvetischen Partei. "Die SVP hetzt seit Jahren gegen alles Nichtschweizerische", sagt sie.

Jetzt schickt sich die Partei an, ihre rigorosen Ideen im ganzen Land durchzusetzen. Am 9. Februar werden die Eidgenossen über die "Volksinitiative gegen Masseneinwanderung" der SVP abstimmen. Im Kern wollen die Nationalkonservativen die Verträge über Freizügigkeit mit der Europäischen Union kippen. Bern solle wieder die "eigenständige Steuerung und Kontrolle der Zuwanderung" erhalten. So fordern die SVP-Strategen um den Zürcher Milliardär Christoph Blocher etwa die Einführung von "Kontingenten" für Migranten aus der EU.

Die Masse der Deutschen stört

"Es gibt mehr Fürsprecher unter den Schweizern für die SVP als man denkt", sagt Renate Schwarzer und nippt an ihrem Kaffee. Neben ihr in dem Café am Berner Bahnhof sitzen zwei junge Frauen und tuscheln in dem behäbigen Dialekt der Region. Draußen ziehen warm eingepackte Passanten vorbei, auf einigen der alten Häuser flattert die Schweizer Fahne.

"Die SVP-Kampagnen zielen mehr oder weniger auf die Deutschen", betont Schwarzer. Unvergessen bleibt der böse Spruch der SVP-Politikerin Natalie Rickli. Unter dem Jubel ihrer Parteigänger höhnte sie: "Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse."

Die Bürger aus dem "großen Kanton" bilden zusammen mit den Italienern die größte Einwanderungsgruppe aus der EU: rund 300.000 Deutsche leben zwischen Bodensee und Genfer See. Insgesamt zählen die Statistiker rund acht Millionen Menschen, die in der Eidgenossenschaft leben. 

Selbsthilfegruppe für die unerwünschten Einwanderer

Viele Deutschen arbeiten in gehobenen Positionen, als Ärzte, Wissenschaftler, Manager. Sie verdienen gutes Geld. Viele klagen über die soziale Kälte der Eidgenossen, über Ausgrenzung, Mobbing. "Auch ich musste unter offenem Mobbing leiden. Weil ich Deutsche bin", berichtet Renate Schwarzer. Am Arbeitsplatz hätten Kollegen gepöbelt: "Was willst Du hier in unserem Land? Mach dass Du wegkommst."

Schwarzer suchte Rat bei zwei staatlichen Beratungsstellen für Mobbing-Opfer. Doch sie bekam jeweils eine Abfuhr. In ihrem Fall könne man nichts tun. Mobbing gegen Deutsche - das gibt es offiziell nicht. "Die Schweizer geben es natürlich so gut wie nie offen zu, dass sie uns nicht mögen", bilanziert die Altenpflegerin.

Vor gut drei Jahren gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Deutsche. Diejenigen Deutschen, die zu der Gruppe kamen, klagten über Repressalien, Misstrauen. Die Gruppe besteht mittlerweile nicht mehr, mit Vorurteilen aber haben Schwarzer und die Deutschen immer noch zu kämpfen. "Sobald ich den Mund aufmache, und die Schweizer hören, dass ich nicht eine von ihnen bin, entsteht eine Distanz", sagt sie.

Doch warum kehrt sie nicht zurück nach Berlin? "So einfach ist das auch nicht nach zehn Jahren, ich habe mir ja doch einiges hier aufgebaut." Renate Schwarzer verabschiedet sich, verlässt das Café und taucht in das graue Gewimmel auf den Straßen Berns ein.