Bischof: Rumänen und Bulgaren keine Gefahr für Deutschland

Sibiu, Rumänien

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Bischof: Rumänen und Bulgaren keine Gefahr für Deutschland
Oberhaupt der Siebenbürger Protestanten warnt vor Kränkungen
Reinhart Guib, Bischof der deutschsprachigen Protestanten in Rumänien, fordert in der Zuwanderungsdebatte mehr Fairness. "Alle rumänischen und bulgarischen Staatsbürger als potenzielle Gefahr hinzustellen, ist nicht nur kränkend. Es ist mit Sicherheit auch nicht im Sinne der deutschen Bürger und schon gar nicht im Geiste eines gemeinsamen Europa", sagte der siebenbürgisch-sächsische Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Sibiu (Hermannstadt).

Seit 1990 sind zwei Drittel der evangelischen Gemeindeglieder in Siebenbürgen nach Deutschland ausgewandert. Eigenen Angaben zufolge zählt die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien rund 13.000 Mitglieder. Die Siebenbürger Sachsen sind die deutschsprachige Minderheit im heutigen Rumänien. In Deutschland leben rund 250.000 Mitglieder dieser Gemeinschaft, weitere in Österreich, den USA und Kanada.

Herr Bischof, seit Jahresbeginn gilt auch für Menschen aus Bulgarien und Rumänien innerhalb der EU Freizügigkeit. Um einem möglichen Missbrauch des deutschen Sozialsystems vorzubeugen, wollen einige deutsche Politiker Einschränkungen für Zuwanderer aus diesen Ländern. Wie wird diese Diskussion aus Ihrer Sicht in Rumänien bewertet?

Guib: Natürlich wird diese Diskussion in Rumänien nicht positiv bewertet. Genauso wie in Deutschland ist sie aber auch hierzulande eher nur für jene von Interesse, die sie für parteipolitische Zwecke benutzen können. Die Durchschnittsbürger verfolgen solche Debatten meist nur am Rande. Insbesondere in Großbritannien hat auch die vergangene Woche bewiesen, dass sich viele Menschen mit übertriebener Leidenschaft dieses Themas angenommen haben.

Fühlen sich Rumänen gekränkt?

Guib: Wer sagt "Wer betrügt, der fliegt", der bedient sich natürlich einer verletzenden und kränkenden Sprache. Das muss jenen, die diese Worte benutzen, klar sein, auch wenn es sich vielleicht "nur" um Wahlkampf handelt. Im Kern wird damit allerdings bloß ausgesagt, dass Sozialsysteme immer auf Fairness basieren müssen und ein betrügerischer Missbrauch sozialer Leistungen daher immer unfair ist. Der Wunsch, solchem Missbrauch einen Riegel vorzuschieben, ist absolut legitim. Trotzdem: Alle rumänischen und bulgarischen Staatsbürger als potenzielle Gefahr hinzustellen, ist nicht nur kränkend. Es ist mit Sicherheit auch nicht im Sinne der deutschen Bürger und schon gar nicht im Geiste eines gemeinsamen Europa.

Reinhart Guib ist seit 2010 Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien.

Befürworter der Zuwanderung sagen, junge Menschen aus Südeuropa könnten in Deutschland lernen und arbeiten. Das nütze der Bundesrepublik, aber auch den Staaten, aus denen die jungen Menschen kommen.

Guib: Die Abwanderung der letzten 25 Jahre, die aus den Kreisen unserer Kirche und aus deren Umfeld nach Deutschland und auch in andere Staaten stattgefunden hat, war zwar eine schmerzhafte Erfahrung für unsere Gemeinschaft, die - vor allem in den ersten Jahren nach der Revolution - emigrationsbedingt sehr klein geworden ist. Für die Zielländer, allen voran Deutschland, war es jedoch ein großer Segen. Auf der Basis dieser Erfahrung wird wohl auch bei den nun noch zu erwartenden Zuwanderern der Nutzen für den deutschen Staat weitaus überwiegen.

Befürchten Sie durch eine Abwanderung von qualifizierten und motivierten Arbeitskräften nach Deutschland nicht auch eine Belastung der rumänischen Gesellschaft?

Guib: Wo ein Wille und eine Bereitschaft zur Auswanderung vorhanden waren, ist diese meist schon erfolgt. Tüchtige Leute konnten auch bisher locker Arbeit im Ausland finden. Die neuen bürokratischen Erleichterungen werden also kaum noch besonders dramatische Konsequenzen haben.

Welcher Aspekt sollte in der gegenwärtigen Diskussion stärker beachtet werden?

Guib: Vergessen wir bei der ganzen Debatte nicht, dass es sich um Menschen wie du und ich handelt, die eine Würde, Rechte und Pflichten haben und den christlichen Glauben mit vielen Menschen in Deutschland und Europa teilen.