Brandanschlag vor 30 Jahren: Das ungesühnte Verbrechen

Dichtgedrängt stehen Asylbewerber am 19.01.1996 vor dem ausgebrannten Haus in der Hafenstraße in Lübeck.
Rolf Rick/dpa
Dichtgedrängt stehen Asylbewerber am 19.01.1996 vor dem ausgebrannten Haus in der Hafenstraße in Lübeck.
Bis heute nicht aufgeklärt
Brandanschlag vor 30 Jahren: Das ungesühnte Verbrechen
Am 18. Januar 1996 wurde in Lübeck ein Asylbewerberheim angezündet. Zehn Menschen starben, 38 wurden zum Teil schwer verletzt. Hinterbliebene können nicht begreifen, dass die Tat nie aufgeklärt wurde.

Ein weißer Granitblock am Lübecker Hafenrand erinnert noch an die Opfer des schweren Brandanschlags vor 30 Jahren. Zehn Menschen kamen ums Leben, 38 wurden zum Teil schwer verletzt, als am 18. Januar 1996 das Asylbewerberheim Hafenstraße 52 in Flammen aufging. Der oder die Täter konnten bis heute nicht ermittelt werden. Mit verschiedenen Veranstaltungen soll am kommenden Wochenende in Lübeck der Katastrophe gedacht werden.

Abdulla Mehmud vom Lübecker Flüchtlingsforum erinnert sich noch gut an den Morgen danach. Der heute 65-Jährige hatte mit seiner Familie eine Zeitlang in der Nähe des Asylbewerberheims gewohnt und besonders zu den arabisch sprechenden Bewohnern guten Kontakt. "Unsere Kinder hatten oft zusammen auf der Straße gespielt. Plötzlich waren einige von ihnen tot und die Rettungskräfte zählten mir die Krankenhäuser auf, in denen die Überlebenden lagen. Es war ein Schock", sagte der gebürtige Iraker dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Bei dem Brandanschlag wurden drei Erwachsene und sieben Kinder und Jugendliche getötet. Sie stammten aus Zaire, Angola, Togo und dem Libanon. Die jüngsten Bewohner des Hauses waren in Deutschland geboren."Für uns ist die Hafenstraße 52 immer noch eine offene Wunde", erklärt Mehmud. Es sei unfassbar, dass die Tat immer noch nicht aufgeklärt sei.

Die Polizei ermittelte damals in zwei Richtungen. Vier junge Männer aus der rechten Szene aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen waren mit ihrem Auto der Marke Wartburg in der Nähe des Tatorts gesehen worden. Sie hatten ein Auto aufgebrochen, und ihre Haare wiesen Brandspuren auf. Politiker, Demonstranten und die ausländische Presse warnten vor einem neuen Rassismus in Deutschland.

Doch die vier hatten ein Alibi. Die angesengten Haare sollten außerdem von einer Hunde-Misshandlung stammen. Man habe den kläffenden "Billy" mit Haarspray eingenebelt und ihn dann angezündet.

Ins Visier der Ermittler geriet später noch der Bewohner Safwan Eid aus dem Libanon. Einem Rettungssanitäter soll er noch in der Nacht gestanden haben "Wir war'n's". Als Motiv wurde Streit mit den Nachbarn vermutet. In zwei Prozessen musste er sich verantworten, doch am Ende plädierte auch die Staatsanwaltschaft für Freispruch.

Kniend trauert am 18. Januar 1996 eine Frau vor der ausgebrannten Flüchtlingsunterkunft in der Hafenstraße in Lübeck.

"Es ist doch offensichtlich, dass es die vier rechtsextremen Männer aus Grevesmühlen waren. Alle Dokumente sprechen dafür", ist sich Mehmud sicher.

Jedes Jahr wird in Lübeck der ungesühnten Tat gedacht. In den ersten 25 Jahren sei niemand von den betroffenen Familien zu den Gedenkveranstaltungen gekommen. "Es tat den Angehörigen zu weh. Viele sind enttäuscht von den deutschen Behörden", sagt Mehmud und erinnert sich an einen Vater, der bei dem Anschlag seinen 17-jährigen Sohn verlor. "Der Mann hatte seine Familie nach Deutschland gebracht, weil er dachte, sie sei hier sicher. Und dann wurde sein Sohn hier getötet."

Auch Mehmud und seine Familie hatten nach dem Anschlag Angst. Zumal nur wenige Monate nach dem Brand Rechtsextreme einen Anschlag auf die Lübecker Synagoge verübten. In Rostock, Mölln und Solingen kommt es in den 1990er Jahren ebenfalls zu rassistischen Brandanschlägen. Familie Mehmud lebte damals in einem Mehrfamilienhaus in Lübeck-Moisling, ihre Wohnung lag im vierten Stock. "Ich sagte meiner Familie damals: Wenn unser Haus angezündet wird, schmeißen wir die Matratzen aus dem Fenster und springen", sagt der Vater von sieben Kindern.

Dazu kam es zum Glück nicht. Dennoch ist Mehmud, der 1988 vor dem politischen Regime im Irak floh, innerlich immer noch auf der Flucht. "Deutschland ist unsere Heimat. Aber dass die AfD in Ostdeutschland so stark ist, macht uns viele Sorgen."

Zu dem Gedenken am kommenden Wochenende rechnet Mehmud mit etwa 300 Menschen. Auch viele Angehörige der betroffenen Familien hätten sich angekündigt, aus England, Belgien und Berlin. Am Sonnabend ist um 12 Uhr eine Demonstration mit Start am Markplatz geplant, anschließend lädt Bürgermeister Jan Lindenau zu einem Empfang ins Rathaus ein. Am Sonntag wird um 12 Uhr am Gedenkstein in der Hafenstraße an die Opfer erinnert. Auch Mehmuds Sohn Karzan wird eine Rede halten. Als die Unterkunft seiner Freunde in der Hafenstraße angezündet wurde, war er zwölf Jahre alt.