TV-Tipp des Tages: "Brasch – Das Wünschen und das Fürchten" (ZDF Kultur)

iStockphoto
TV-Tipp des Tages: "Brasch – Das Wünschen und das Fürchten" (ZDF Kultur)
TV-Tipp des Tages: "Brasch – Das Wünschen und das Fürchten", 31. Oktober, 20.15 Uhr auf ZDF Kultur
Am 3. November 2001 verstarb mit 56 Jahren der Dichter Thomas Brasch. Wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit balancierte er auf einem dünnen Seil zwischen der DDR und der BRD, zwischen Geschichte und Gegenwart. Ein essayistischer Dokumentarfilm von Christoph Rüter über den Dichter, Schriftsteller und Filmemacher.

Thomas Brasch hat sich nie vereinnahmen lassen. Als ihn der westdeutsche Kulturbetrieb nach seiner Ausweisung aus der DDR als Helden und Dissidenten feiern wollte, hat er darauf ähnlich brüsk und ablehnend reagiert wie auf die ostdeutschen Versuche, ihn anzupassen. Exemplarisch für diesen Eigensinn war Braschs legendärer Auftritt bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 für "Engel aus Eisen", als er der DDR für seine Ausbildung an der Filmhochschule dankte. Franz Josef Strauß wertete die Rede des Regisseurs geistesgegenwärtig als Beweis für die "liberalitas bavariae", und damit lag er völlig richtig: Brasch lebte in dem Dilemma, einerseits das System BRD kritisieren zu wollen, andererseits aber von diesem System abhängig zu sein, weil es seine Filme finanzierte.

Ein Mensch, der nicht zu fassen ist

Christoph Rüter hat diesem gerade wegen seiner Brüche und Widersprüche so faszinierenden Künstler nun ein filmisches Denkmal gesetzt. Im Gegensatz zu anderen Werken dieser Art, in denen verstorbene Persönlichkeiten von Weggefährten gewürdigt werden, kommt hier mit Ausnahme weniger kommentierender Sätze nur einer zu Wort, und das ist Brasch selbst. Herzstück ist ein ausführliches Interview, das Rüter um Ausschnitte aus Filmen oder Bühnenstücken ergänzt. Auch als Gesprächspartner erweist sich Brasch als Mensch, der nicht zu fassen ist. In den berührendsten Passagen spricht er über das Verhältnis zu seinem Vater, einem hohen SED-Funktionär, der ihn 1960 in die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee gesteckt hatte. Als Sohn Thomas 18 Jahre später mit Flugblättern gegen die Zerschlagung des Prager Frühlings protestierte, lieferte ihn der eigene Vater an die Stasi aus.

Außergewöhnlich aber ist diese Auseinandersetzung mit dem Phänomen Brasch, der das Dasein des Schriftstellers stets als Zustand, nicht als Beruf betrachtet hat, wegen seines filmischen Nachlasses: Rüter, der ein ähnlich bemerkenswertes Porträt von Ulrich Mühe gedreht hat ("Jetzt bin ich allein"), ergänzt seinen Film immer wieder um Aufnahmen, die sein Freund Brasch selbst gemacht hat.

In den letzten Lebensjahren hatte er sich angewöhnt, alle möglichen Gelegenheiten mit einer Digitalkamera zu dokumentieren. Dieses Videotagebuch ermöglicht einen sehr privaten und ebenso reizvollen wie irritierenden Blick auf Brasch; auch wenn das Werk auf diese Weise ein alles andere als leicht zu konsumierender Film geworden ist.