Dein Bot und Helfer

Kommentar
evangelisch.de
Kommentar zu KI in Seelsorge
Dein Bot und Helfer
Wenn es um das Thema Seelsorge geht, haben viele die Meinung "Finger weg von der KI". Das geht aber an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei, meint Autorin Sarah Neder. Ein Plädoyer für den Bot.

Wenn es um Seelsorge und Künstliche Intelligenz geht, lautet die spontane Reaktion oft: Finger weg. Seelsorge sei zutiefst menschlich und geprägt von Empathie, Präsenz und Vertrauen. Eine Maschine könne das nicht leisten. Meiner Meinung nach steckt zwar viel Wahrheit in dieser Ansicht. Sie greift aber dennoch zu kurz. Denn sie blendet die Realität aus: Menschen nutzen KI längst, wenn sie über ihre Sorgen sprechen wollen.

Ein Blick in Internetforen zeigt das deutlich. Auf Reddit tauschen sich inzwischen Zehntausende darüber aus, wie sie Chatbots für therapeutische oder seelsorgerliche Gespräche nutzen. Dort berichten Menschen, dass sie nachts ihre Ängste formulieren, Lebenskrisen sortieren oder einfach jemanden brauchen, der antwortet.

Warum tun sie das?

Weil der Schritt zu einem echten Menschen für viele erstaunlich groß scheint.

Seelsorge lebt vom persönlichen Gespräch. Doch genau das kann zur Hürde werden. Wer mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer spricht, muss den Mut aufbringen, einem realen Gegenüber sehr persönliche Dinge anzuvertrauen. Viele fürchten sich davor, beurteilt zu werden, sich zu schämen oder die eigenen Probleme "zu groß" oder "zu klein" erscheinen zu lassen. Andere wissen vielleicht nicht, ob ihre Sorgen überhaupt ein Thema für die Seelsorge sind.

Gerade in solchen Momenten wirkt ein Chatbot als niedrigschwelliger Helfer. Er ist anonym, jederzeit erreichbar und stellt keine sichtbaren Reaktionen zur Schau. Für manche wird er deshalb zu einer Art ersten Probe-Gespräch: Gedanken aussprechen, ohne jemandem direkt in die Augen schauen zu müssen.

Natürlich hat diese Entwicklung auch eine dunkle Seite. Es hat bereits etwa in den USA tragische Fälle gegeben, in denen sich Menschen nach der Unterhaltung mit Chatbots das Leben nahmen. Genau deshalb darf KI niemals als Ersatz für professionelle Hilfe missverstanden werden. Aber sie einfach moralisch abzulehnen, löst das Problem nicht.

Wir sollten uns doch lieber anschauen, wo KI uns noch weiter unterstützen kann. Ein Beispiel dafür ist der von dem Schweizer Theologen Spiro Mavrias entwickelte Bot, der wie ein digitaler Sparringspartner für Seelsorgende funktioniert. Wenn Gesprächssituationen simuliert und anschließend analysiert werden, entsteht ein zusätzlicher Lernraum für Ausbildung und Praxis. Seelsorgende können ihre Gesprächsführung reflektieren, unterschiedliche Reaktionen ausprobieren und so ihre Fähigkeiten weiterentwickeln.

Der Bot wird damit nicht zum Ersatz für Seelsorge, sondern zu einem Werkzeug, das sie verbessern kann.

Am Ende bleibt für mich deshalb vor allem eine Erkenntnis: KI ist längst Teil der Realität. Gerade in sensiblen Bereichen wie der Seelsorge kommt es darauf an, diese Realität weder zu verteufeln noch unkritisch zu feiern, sondern bewusst und verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.