Twitter und Facebook sollen "Schlafwagen-Wahlkampf" beleben

Wahlkampf per Twitter und Facebook

Foto: Getty Images/Thinkstock/Nikolai Sorokin

Immer mehr Politiker sind über Twitter und Co ansprechbar. Eine Wahlkampfstrategie für Social Media so wie in den USA gibt es hier in Deutschland allerdings noch nicht.

Twitter und Facebook sollen "Schlafwagen-Wahlkampf" beleben
Die Bundestagswahl rückt näher, aber der Wahlkampf ist zäh. Im Internet kommen eher Diskussionen auf als am Infostand der Parteien. So heftig wie in den USA ist der Online-Wahlkampf noch lange nicht.

Der Wahlkampfkalender des Abgeordneten Konstantin von Notz ist gut gefüllt, täglich mindestens vier Termine. Am Abend steht eine Podiumsdiskussion in Schwarzenbek an. Dort hat der schleswig-holsteinische Politiker seinen Wahlkreis. Auf der Bahnfahrt von Berlin in den Kreis Herzogtum Lauenburg behält er Twitter, Facebook und E-Mails im Blick. "Das läuft parallel und Hand in Hand mit den Veranstaltungen vor Ort", sagt der Netzpolitiker der Grünen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur epd. "Im Netz halte ich die Community auf dem Laufenden, was ich als Wahlkämpfer gerade mache und bin für Rückmeldungen ansprechbar."

Dialog auf Augenhöhe

Der SPD-Abgeordnete Lars Klingbeil stellt auf Facebook bis zum Wahltag 100 Menschen vor, die ihn wählen wollen. "Der Online-Wahlkampf wird die Wahl nicht entscheiden, aber es wird ein wichtiger Faktor sein, wenn es um die Mobilisierung geht", sagt der Direktkandidat im niedersächsischen Kreis Rotenburg/Heidekreis. Er erwartet, dass das kommende TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) im Netz eine heftige Resonanz finden wird.

Mit Twitter könne "wieder ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Politikern und Wählern stattfinden", schreibt der deutsche Sprecher des Internet-Dienstes, Dirk Hensen, in einem Blog-Beitrag. "Unmittelbares Feedback und der direkte Meinungsaustausch sind nicht nur erlaubt, sondern gewünscht." Mehr als 50 Prozent der Bundestagsabgeordneten seien auf Twitter vertreten. Und die meisten von ihnen twittern persönlich und lassen diesen Kanal nicht von ihrem Büro bespielen.

Direkter Draht zu den Wählern

So hält das auch der FDP-Abgeordnete Sebastian Blumenthal. An der Kommunikation im Netz schätze er besonders, dass er dort Kontakt zu Menschen bekomme, die sonst nie in seine Bürgersprechstunde kommen würden. "Meine Streuweite ist mit Online-Medien am höchsten, so viel schaffe ich gar nicht mit Infoständen." Oft entwickle sich aus dem Online-Gespräch ein direkter persönlicher Kontakt. Und verglichen mit der letzten Bundestagswahl 2009 habe dies deutlich zugenommen.

Weil sich die Internet-Daten in vielerlei Hinsicht statistisch auswerten lassen, dient Twitter auch als Seismograf für Ausschläge im Wahlkampf. Für die bislang größte Erregung der Twitter-Szene sorgte die Diskussion um den "Veggie-Day" in öffentlichen Kantinen, der den Grünen am 5. August mehr als 4.600 Erwähnungen eintrug. Ansonsten aber beschäftigt sich die Community von allen Bundestagsparteien am meisten mit der SPD, wobei sowohl positive als auch negative Stimmen gezählt werden.

Mit den Online-Kampagnen bei der US-Präsidentschaftswahl 2012 kann der Internet-Wahlkampf in Deutschland allerdings kaum mithalten. Der Berliner Kampagnenberater Julius van de Laar vermisst da ein klares Konzept und die Vernetzung mit den etablierten Mitteln im Wahlkampf. Jeder Politiker habe seine eigene Webseite oder ein Profil bei Facebook. Die Kanzlerin treffe sich mit anderen im "Google-Hangout" zur Videokonferenz, "und der Kanzlerkandidat twittert, was das Zeug hält". Aber es sei keine übergreifende Strategie erkennbar: "Es fehlt der integrierte Ansatz für die Kommunikation in den sozialen Netzwerken." Wahlkampf mit Plakaten sei reine Geldverschwendung, kritisiert der Experte, der 2008 und 2012 die Kampagne von Barack Obama unterstützt hat.

Matter Wahlkampf

Nicht nur wegen der Ferien ist der Wahlkampf ziemlich matt angelaufen. "Ohne eine gewisse Zuspitzung und Polarisierung ist keine Mobilisierung möglich", erklärt van de Laar. "Daran fehlt es zurzeit noch sehr." Auch Sozialdemokrat Klingbeil räumt ein: "Das ist momentan noch so eine Art Schlafwagen-Wahlkampf."

Wenig Schlaf findet zurzeit die Berliner Spitzenkandidatin der Piratenpartei, Cornelia Otto. Die Partei hofft darauf, dass viele der jetzt noch unentschlossenen Wähler sie über die Fünf-Prozent-Hürde hieven. Piratin Otto schaut aber auch schon über den 22. September hinaus: "Wir wollen Politik nachhaltig verändern." Dazu gehöre auch die Mitwirkung der Menschen an politischen Entscheidungsprozessen: "Das Internet überwindet materielle Hindernisse und sprengt alle bisherigen Konzepte von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft."