Sarah Vecera schüttelt den Kopf, als sie von einem ihrer letzten Arztbesuche erzählt. Der war so absurd, dass sie es selbst kaum glauben kann. Die 42-Jährige wollte zum obligatorischen Hautkrebsscreening – das steht ihr ab 35 zu. Aber statt sie zu untersuchen, schaute der Arzt sie nur an und erklärte ein rassistisches Vorurteil: "Sie können keinen Hautkrebs kriegen. Bei Ihrem Hautbild und Ihrer Herkunft ist das sehr unwahrscheinlich." Und schickte sie nach Hause.
Sarah kontaktierte danach die Ärztekammer, die Krankenkasse und die Kassenärztliche Vereinigung. Die zweifache Mutter weiß inzwischen, wie man sich wehrt. Aber sie fragt sich: "Was machen diejenigen, die nicht muttersprachlich Deutsch sind? Die nicht verstehen, was vor sich geht und nicht wissen, wo sie sich melden müssen?"
In den USA sterben Schwarze Menschen statistisch früher – weil sich genau solche Kleinigkeiten summieren. Als Bildungsreferentin bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal engagiert sich Sarah für ein Thema, das ihr von klein auf bekannt ist. Sie ist in Oberhausen im Ruhrgebiet geboren, ihre Mutter ist deutsch, ihr Vater kommt aus Pakistan. Ihr Lebenslauf ist, wie sie selbst sagt, "ziemlich deutsch-evangelisch":
- Kindergottesdienst beim Opa
- Jugendarbeit
- Konfirmation
- Theologiestudium
- "Und woher kommst du wirklich?"
Und trotzdem wurde ihr von klein auf signalisiert: So ganz gehörst du hier nicht dazu. "Mit drei Jahren wusste ich bereits, dass ich nicht einfach sagen kann, ich komme aus Oberhausen. Sondern: Meine Mama kommt aus Deutschland und mein Papa kommt aus Pakistan." Später beim Schultheater musste sie den Affenkönig spielen – weil sie ihm laut ihrer Lehrerin am ähnlichsten sehe.
Ein Wort dafür kannte Sarah damals nicht. In den Achtzigerjahren gab es kaum Sprache für das, was ihr passierte. In den Neunzigern lernte sie, Angst vor Glatzen und Bomberjacken zu haben – das waren die explizit Bösen. "Rassisten war nur die Nazis", erinnert sich Sarah. Dass die netten Menschen um sie herum auch rassistisch sozialisiert sein könnten, war undenkbar.
Warum wir alle rassistisch sozialisiert sind
Sarahs Anliegen heute: Rassismus aus der Ecke des moralisch Verpönten holen. "Wir alle haben Rassismus gelernt", sagt sie – und schließt sich selbst ausdrücklich ein: "Ich bin auch in Deutschland mit dieser Prägung und diesen Bildern aufgewachsen. Ob Kinderbücher, Lieder, Spiele oder Filme: Die meisten stellen weiße Menschen als ‘Norm’, und alle anderen als ‘fremd’ oder ‘exotisch’ dar", beobachtet Sarah.
Und nicht nur Medien würden diese unbewussten Bilder schon im Kindesalter prägen. Kinder würden genau wahrnehmen, wer in den Nachrichten spricht und wer die Toiletten putzt. Wer auf der Kanzel steht und wer im Gemeindehaus die Böden wischt. Der Nationalsozialismus habe das Wort "Rassist" hochmoralisch aufgeladen, glaubt Sarah.
Rassismus in der Kirche – ein blinder Fleck
"Wenn jemand zu mir sagt: ‘Du bist rassistisch’, dann weise ich das weit von mir, weil ich ja ein guter Mensch sein will", erklärt die Theologin. Die Lösung sieht Sarah darin, endlich aufzuhören mit Schuldzuweisungen: "Wir sitzen alle im selben Boot, wir sind alle gleich sozialisiert."
Das gelte auch für die Kirche - ein Ort, der eigentlich für alle offen sein will. Als Kind wuchs Sarah in einer bunten, multiethnischen Innenstadt auf. In der Kirche sah sie aber fast ausschließlich weiße Menschen. "Die Menschen, die so aussahen, wie ich, waren die Bedürftigen auf den Spendenplakaten und nicht die, die als Vorbilder vorne standen."
Gegen Schuld, für Verständigung
Heute ist Sarah Vecera eine der bekanntesten evangelischen Stimmen zum Thema Rassismus im deutschsprachigen Raum und Autorin des Buches "Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus". Jesus kam aus dem Nahen Osten und muss, sagt Sarah trocken, "eher so ausgesehen haben wie ich".
Stattdessen liegt in den meisten Weihnachtskrippen ein Baby mit blonden Locken. Die Erklärung dafür liefert Sarah in ihrem Buch: Die frühe Kirche habe sich an den griechischen Götterbildern mit ihren weißen Gewändern orientiert, erläutert sie darin. Im Mittelalter hätte man das Göttliche durch europäische Züge betont und auch in der Kolonialzeit hatte das weiße Jesusbild besondere Symbolik: "Jesus sah aus wie die Machthabenden – und nicht wie die, die versklavt wurden."
Es ist ein jahrhundertealtes Denken, das unsere Gesellschaft und die Kirche prägt. "Dieses Denken können wir nicht einfach abschütteln, aber wir können uns darüber bewusst werden", sagt Sarah Vecera. Ihr Wunsch ist es, dass wir weniger übereinander urteilen und aufhören, uns gegenseitig Schuld zuzuweisen.
"Anti-Rassismus-Arbeit ist kein Kampf gegen weiße Menschen. Es ist ein Kampf gegen ein Denkmuster, das uns voneinander trennen will. Aber wenn wir uns näherkommen, wenn wir gegenseitig unsere Geschichten anhören und ehrlich zueinander sind – dann überwinden wir letztendlich auch den Rassismus." Vielleicht ein weiter Weg. Aber einer, der sich lohnt, findet Sarah.
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