Winterkaschmir oder Angoraleibchen?

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Foto: Tore Johannesen/iStockphoto

Winterkaschmir oder Angoraleibchen?
Was Geistliche tragen können
Morgens Geburtstagsbesuch, mittags Beerdigungsgespräch, anschließend Konfirmandenunterricht. Wie werden Geistliche dem mit der Auswahl ihrer Kleidung gerecht? In unserer Serie "Schöne Pfarrer" sprach Frank Muchlinsky mit einer Kollegin über Allzweckkleidung, Uniformen und die Möglichkeit zu kombinieren.

Wenn es im Lande kalt wird wegen des Winters, werden auch die Kirchen kalt wegen der Heizkosten. Wer dann von Berufs wegen viel in der Kirche zu tun hat, sei es als Organist, als Küster oder als Pfarrerin, wird sich etwas einfallen lassen müssen, um der Kälte angemessen zu wehren. Doch während ein Küster meist allein und entsprechend ungesehen in der Kirche arbeitet und der Organist auf seiner Empore auch etwaigen prüfenden Blicken der Gemeinde entzogen ist, hat die Pfarrerin das Zusatzproblem, in der kalten Kirche angeguckt zu werden. Wenn gerade Gottesdienst ist, trägt sie Talar, und der wärmt recht gut; feine Schurwolle, gut verarbeitet schafft ein angenehmes Klima. Außerdem bietet die Weite des Talars viele Möglichkeiten, auch darunter Wärmendes zu tragen.

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Doch gibt es genügend Gelegenheiten, zu denen die Pfarrerin ohne Talar in der Kirche zu tun hat, und trotzdem nicht allein ist. Dann will sie repräsentieren ohne zu frieren. "Ich habe Winterkaschmir für mich entdeckt. Das ist praktisch, weil es Wärme und nettes Aussehen miteinander verbindet", verrät mir Anke Vagt, Pastorin in Bad Oldesloe, nördlich von Hamburg. "Die Alternative für den Nierenbereich wäre ein Angoraleibchen", fügt sie lächelnd hinzu. "Das ist für viele vermutlich auch eine geheime Alternative."

Aber die kalte Kirche ist nicht die größte Herausforderung an die Kleidung einer Pfarrerin. Meist trägt sie dort ja doch einen Talar. Schwieriger ist es, die vielen verschiedenen Anlässe unter einen Hut zu bekommen, die im Laufe eines Tages auf die Geistliche zukommen. "Ich bin ständig dabei, mich umzuziehen", sagt Pastorin Vagt. "Mein öffentlicher Arbeitstag heute fing mit einem Geburtstagsbesuch an. Dazu trug ich eine schwarze Hose und ein farbiges Oberteil. Anschließend musste ich zu einem Beerdigungsgespräch, da tauschte ich das bunte gegen ein schwarzes Oberteil aus. Wenn ich nachher Konfirmandenunterricht haben werde, wird aus der schwarzen Hose ein Paar Jeans. Die Termine sind so kurz hintereinander, dass ich es niemals schaffen würde, mich komplett umzuziehen, darum kombiniere ich eben. Das ist zwar immer noch ein wenig umständlich, aber ich will nicht den ganzen Tag in schwarz herumlaufen."

"Bloß nicht immer Matschfarbe!"

Ist sie da eine Ausnahme? Oder zieht sich die Mehrheit der Geistlichkeit ständig um? "Einige murren und ziehen sich nicht gern um. Sie haben sich Allzweckkleidungsstücke für jede Gelegenheit ausgesucht." Ich frage die Pastorin, wie solche eine Allzweckkleidung für Pfarrer denn aussieht. Sie seufzt ein wenig: "Bloß nicht immer in Matschfarbe! Das ist leider ein häufiger Versuch. Wenn ich jemandem vertrauen soll, dann muss ich ihn auch ansehen mögen. Die Leute, mit denen ich es zu tun habe, wollen sich doch immer ein klein wenig mit mir identifizieren können." Ich schlage als mögliche Alternative zur Allzweck-Tarnkleidung ein Collarhemd vor, doch Anke Vagt winkt ab: "Da würde ich mich fühlen, als trüge ich ständig Uniform."

In Kleidungsfragen immer den richtigen Ton zu treffen, ist kaum möglich. Natürlich gibt es gesellschaftliche Konventionen, an die sich ein Pfarrer halten kann. Wo es um Trauer geht, trägt man schwarz, zumindest gedeckte Farben. Doch geschieht es nur allzu häufig, dass gerade die Trauernden sich eher farbig anziehen, sei es weil sie ihrer Trauer etwas entgegenhalten wollen, sei es, weil sie um die gesellschaftliche Konvention nicht wissen. "Dann fühlt es sich ein wenig merkwürdig für mich an, wenn ich vor den Menschen sitze: Ich bin 'korrekt' angezogen, mein Gegenüber entspricht nicht den gängigen Normen. Dann habe ich das Gefühl, als ob ich meinem Gegenüber ungewollt eine Lektion erteile. Das ist natürlich nicht meine Absicht." Allerdings ist es so herum noch weitgehend unproblematisch. Wenn aber die Pastorin in solchen Situationen nicht den Konventionen entspricht, wird man ihr das vorhalten.

Ist es problematisch für Geistliche, dass sie overdressed sind? Für den Bereich der Seelsorge gibt es eine Faustregel, die besagt, der Seelsorger möge sich immer eine Stufe unter dem Kleidungsniveau des Klienten kleiden, damit er keine unnötige Barriere aufbaut. Pastorin Vagt ist anderer Meinung: "Da muss man sich wieder fragen, wie ich als Seelsorgerin am ehesten Vertrauen aufbauen kann. Tu ich es, indem ich mich angleiche oder dadurch, dass ich – ohne mich über den Anderen zu stellen – ein ernst zu nehmendes Gegenüber bin."

Ich habe schon von einigen Kollegen und Kolleginnen gehört, dass sie der Meinung sind, wir Geistlichen seien im Großen und Ganzen eher zu schlecht als zu gut angezogen. Das ist nichts, was man auf Pfarrkonventen offen anspricht oder gar auf die Tagesordnung nehmen würde. Doch wird darüber gesprochen, wie wir aussehen – auch innerhalb unserer Berufsgruppe. Wenn viele sich in bestimmter Weise kleiden, prägen sie die Wahrnehmung der Gesellschaft auf diese Berufsgruppe. Brille, Bart, Birkenstock – dieses Bild trifft sicherlich nicht auf alle Geistlichen zu, aber es haftet uns an. So lange viele Kollegen den Weg der Allzweckkleidung beschreiten, wird es schwer sein, diesem Bild etwas entgegenzusetzen.

Das Tragen von bunten Tüchern will geübt sein

Darum frage ich Anke Vagt noch nach einem letzten Stylingtipp für uns Geistliche. "Wie gesagt, am besten ist, wenn man sich tatsächlich jedem einzelnen Anlass entsprechend zurecht macht. Dabei hilft es, das eigene Outfit zu variieren, anstatt sich komplett umzuziehen. Solche Variationen sind durch verschiedene gut kombinierbare Einzelkleidungsstücke leicht herzustellen. Eine weitere Möglichkeit – vor allem für Frauen – ist der Einsatz von Accessoires. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten. Das Tragen von Ketten oder bunten Tüchern will geübt werden. Lange bunte Schals, die beim Vorbeugen oder Hinsetzen auf dem Boden schleifen, machen auch keinen guten Eindruck. Außerdem sollten die Tücher nicht der einzige Ausdruck für Mut zur Farbe sein."

Für die männlichen Kollegen möchte ich ergänzen: Auch Anzüge wirken immer nur so, wie ihr euch in ihnen bewegt. Wenn ihr euch verkleidet vorkommt, wird man das merken. Seid euch bewusst, dass ihr einen Körper habt, der wunderbar gemacht ist und entsprechend gekleidet werden darf. Da wir den Talar eben nur zu Gottesdiensten tragen, gibt es keine Kleidung für unseren Beruf, die zu allem taugt.