Die DDR im Unterricht: Früher war alles besser?

DDR-Schule

Foto: akg-images / Straube

Unterricht in Datenverarbeitung mit Robotron-Computer in einer Schule in Dresden 1979.

Deutschland spricht 2019
Die DDR im Unterricht: Früher war alles besser?
Wie sollen deutsche Schulen mit der SED-Vergangenheit umgehen? Wie kann Geschichtsunterricht jenseits von Ostalgie aussehen? Experten erörterten im DDR-Museum Radebeul die Notwendigkeit mit Schülern über Demokratie und Diktatur zu diskutieren.

Bislang war es ruhig im DDR-Museum Radebeul. Eine Handvoll Experten diskutierte hier über den öffentlichen Umgang mit der SED-Vergangenheit. Wie sollten Lehrer das Thema im Unterricht aufbereiten? Sorgen die Medien mit ihren Ostalgie-Shows für eine Verklärung des Grauens? Doch dann nimmt die Veranstaltung plötzlich Fahrt auf. Eine alte Frau mit Dauerwelle steht auf und macht ihrem Ärger Luft. "Die Schulen in der DDR sind doch viel besser gewesen als heute." Man dürfe doch nicht alles schlecht reden. Ein Mann springt ihr bei. Anders als heute hätte es früher keine Drogensüchtigen und kaum Depressive gegeben. Viele applaudieren. Die Stimmung ist plötzlich angespannt, nicht jeder im Publikum will sich von den Rednern seine Vergangenheit madig machen lassen.

Ein pensionierter Lehrer mit weißem Vollbart kann es nun nicht mehr ertragen. "Das war ein schreckliches Land. Ich musste meine Schüler zum Lügen erziehen", ruft er ins Mikrofon. Der Saal hält kurz inne. Die sächsische Landeszentrale für politische Bildung überschrieb die Podiumsdiskussion mit einer Frage: "Früher war alles besser?" Darauf scheint es hier nicht nur eine Antwort zu geben.

Verdrängung verhindert Aufarbeitung

Geschichte lässt sich manchmal schwer ertragen. Das gilt besonders für die einer Diktatur. Nach dem Ende des Unrechts ringt die Bevölkerung oft jahrelang um eine gemeinsame Deutung. Die eigene Ehre und Moral stehen auf dem Spiel: Ab wann hat man sich schuldig gemacht? Was war gut, was schlecht? Hätte nicht jeder etwas tun müssen? Verdrängung und Verzerrung stehen einer schonungslosen Aufarbeitung oft im Weg – denn die schmerzt zu sehr. Das zeigt sich besonders in der Schule, die doch das Kondensat der gemeinsamen Aufarbeitung als allgemein anerkannte Wahrheit vermitteln soll. Doch wird sie dieser Aufgabe gerecht?

Im Juni sorgte eine Studie der FU-Berlin für Aufsehen, die sich mit den historischen Kenntnissen und Urteilen deutscher Schüler beschäftigt. Die Ergebnisse sind schockierend: Viele Befragte konnten Diktatur und Demokratie nicht auseinanderhalten und verniedlichen Nazi-Zeit und SED-Regime. Ein Drittel glaubt gar, die DDR sei durch freie Wahlen legitimiert gewesen. Und im Osten ist die Grausamkeit der DDR-Diktatur, trotz persönlicher Erfahrung, scheinbar noch immer nicht ins Bewusstsein gedrungen: Kinder von Eltern mit DDR-Hintergrund wussten zwar etwas mehr über den SED-Staat als solche mit BRD-Eltern, bewerteten diesen aber dennoch positiver.

Neigung zur Geschichtsverdrehung

Studienleiter Klaus Schroeder macht die Vorgängergenerationen für diese Neigung zur Geschichtsverdrehung verantwortlich. Viele ostdeutsche Schüler hätten DDR-Bilder ihrer Eltern im Kopf, die positiver vom Diktaturalltag erzählen würden, als es wirklich der Fall. "Die Schule ist hier das entscheidende Korrektiv", sagt der Politikwissenschaftler. Seine Studie belege, dass das Image der DDR negativer werde, je länger die Lehrer sie Thema im Unterricht sei. "Im Kampf der Erzählungen bekommt die Realität dann wieder die Oberhand."

Dorit Stenke, eine der Expertinnen in Radebeul, musste sich dort mehrere Anfeindungen gefallen lassen. Dabei sagte sie nur, was eigentlich nach Mainstream klingt. Sie fand etwa, dass die BRD der beste Staat sei, den es auf deutschem Boden bislang gegeben habe, oder sagte, dass Schüler keine Faszination für die DDR entwickeln dürften. Für manche im DDR-Museum war das eine Provokation, "Geschichtsverdrehung" wurde ihr vorgeworfen.

Stenke ist Direktorin des sächsischen Bildungsinstituts, das die Lehrpläne des Landes mit ausarbeitet. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte ist dort seit einigen Jahren fest verankert; auch Hauptschüler lernen mittlerweile etwas über die Stasi, Honecker und die Mauer. Früher konnten die Lehrer in Sachsen selbst entscheiden, ob sie der SED-Diktatur im Klassenzimmer überhaupt einen Platz einräumen. Heute gibt es spezielle Fortbildungen, die zeigen, wie man das Thema didaktisch aufbereitet.

Ostdeutsche Vergangenheit und Wiedervereinigung werden im Unterricht vernachlässigt

Über 22 Jahre nach dem Fall der Mauer ist das Problem damit trotzdem nicht gelöst. Studienautor Klaus Schroeder beklagt etwa, dass Zeitgeschichte im Lehramtsstudium noch immer zu kurz komme. Das belegt auch seine Studie: Über die jüngere Geschichte, etwa die Zeit nach der Wiedervereinigung, wussten die von ihm befragten Schüler am wenigsten. "Sie müssten erkennen lernen, wie in Deutschland eine stabile Demokratie geschaffen wurde. Das war schließlich nicht selbstverständlich."

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Es gibt noch immer Lehrer, die die DDR im Unterricht nur beiläufig streifen oder die Grausamkeit des Regimes relativieren. Zum Teil auch im Westen. Denn was genau im Unterricht geschieht, ist Sache der Pädagogen - das Land gibt nur den Rahmen vor. Mehr könne man aber auch nicht tun, niemanden zu etwas zwingen, sagt Dorit Stenke. "Wir können ja keine Kameras in den Klassenräumen installieren."

DDR-Geschichte als festes Abi-Prüfungsthema?

Auch der Stasiakten-Beauftragte Roland Jahn hat das Problem für sich entdeckt. Er forderte im Februar, dass die Schulen der DDR-Geschichte mehr Raum geben sollten, etwa als festes Prüfungsthema im Abitur. Bislang würden Schüler viel zu wenig über diese Zeit lernen, zu viel hänge von der Initiative einzelner Geschichtslehrer ab. "Selbst wenn das in den Lehrplänen steht, ist das noch keine Garantie, dass wirklich über die DDR gesprochen wird", sagt er.

Jahns Behörde produziert mittlerweile eigene Unterrichtsmaterialien, um die Grausamkeit der Stasi für Jugendliche greifbar zu machen. Darunter ist etwa ein Original-Lehrfilm für Spitzel, der zeigt wie ein Mann ausspioniert wird oder echte Stasi-Akten, die dokumentieren, mit welch perfiden Methoden der Inlandsgeheimdienst vorging. "Je besser junge Leute begreifen, wie eine Diktatur funktioniert, desto mehr wissen sie auch unsere Demokratie zu schätzen", sagt Jahn. Er mahnt zur Eile, denn jetzt könnten die Schüler die Vergangenheit noch mit ihren Eltern und Großeltern zusammen aufarbeiten. "Vor den eigenen Kindern gibt man leichter etwas zu. Das kann auch befreiend sein."