Precht: "Wir haben noch zehn Jahre Zeit"

Schriftsteller, Philosoph, Publizist und Moderator Richard David Precht spricht auf der Bühne.
epd-bild/Daniel Gruenfeld
"Brainstorming ohne Denkverbote": Richard David Precht nimmt Medien in die Pflicht.
"Das zweite Maschinenzeitalter"
Precht: "Wir haben noch zehn Jahre Zeit"
Richard David Precht warnt vor den Folgen Künstlicher Intelligenz für Demokratie und Gesellschaft. Beim Digitalkongress "Digital X" fordert der Philosoph Debatten ohne Denkverbote und nimmt Politik und Medien in die Pflicht. Altbundeskanzlerin Merkel lobt die KI-Enzyklika des Papstes.

Der Philosoph Richard David Precht fordert ein "gesellschaftliches Brainstorming ohne Denkverbote", um die aktuellen technologischen und politischen Herausforderungen zu bewältigen. Die deutschen Leitmedien müssten sich davon verabschieden, sofort mit Empörung zu reagieren, "wenn sich jemand mal einen Cursor-Klick vom gesellschaftlichen Mainstream entfernt", sagte Precht am Dienstag beim Kongress "Digital X" der Deutschen Telekom in Köln. Die "kühne, mutige Idee" müsse mehr gewürdigt werden.

Der nötige Wandel in der Politik müsse so durch einen Wandel in den Medien begleitet werden, sagte der 61-jährige Bestseller-Autor. Precht bezeichnete die Revolution durch Künstliche Intelligenz (KI) als "Beginn des zweiten Maschinenzeitalters". Wenn Maschinen Fähigkeiten des menschlichen Geistes übernähmen, bedeute dies "das Ende der Gesellschaft, wie wir sie kannten". Doch diese Revolution werde derzeit nicht angenommen, obwohl die Zeit knapp werde: "Wir haben noch zehn Jahre Zeit, um die liberale Demokratie gut umzubauen."

Gelinge dies nicht, drohe eine Re-Feudalisierung, weil riesige Macht bei nur wenigen großen Tech-Konzernen liege, warnte Precht. Er nannte Beispiele für politische Maßnahmen, mit denen gegengesteuert werden könnte. So sei es denkbar, Bundestagswahlen nur alle sieben Jahre und ohne Wiederwahl-Möglichkeit abzuhalten. Im Steuersystem müsse dem Umstand Rechnung getragen werden, dass weniger Menschen arbeiten und Maschinen viele Aufgaben übernehmen. Eine Besteuerung der Maschinenarbeit könne etwa über eine Besteuerung der Unternehmensgewinne erreicht werden.

Humanoider Roboter läuft zwischen Menschen auf dem Campus im Rheinauhafen in Köln.

Auch Altbundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte in einem Podiumsgespräch vor der Bildung zu mächtiger Oligopole im Tech-Bereich. Sicherzustellen sei, dass hier ein ausreichender Wettbewerb herrsche und es Regulierung gebe. "Leider leben wir aber nicht gerade in einer großen Zeit des Multilateralismus", sagte Merkel. Daher sei es momentan kompliziert, sich international abzusprechen.

Die CDU-Politikerin widersprach der Vorstellung, dass KI künftig große Teile des menschlichen Denkens übernehme. "Man muss die Prompts richtig formulieren, damit diese sinnvoll von der KI verarbeitet werden können", sagte Merkel. Sie empfahl in diesem Zusammenhang die im Frühjahr vorgestellte Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV., die der Menschheit die Aufgabe stelle, sich KI zu Diensten zu machen.

Wüst: Angst vor der Zukunft abbauen

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sagte zum Kongressauftakt, digitale Souveränität, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit müssten zusammengedacht werden. Dies seien "wichtige Grundlagen, dass die Wirtschaft läuft, dass die Gesellschaft läuft". Extremisten hätten immer dann Erfolg, wenn Menschen Angst vor der Zukunft hätten, sagte Wüst mit Blick auf den Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Auch KI könne dabei helfen, an einer guten Zukunft zu arbeiten.

Telekom-Vorstandschef Tim Höttges bezeichnete es als Ziel seines Konzerns, "KI zu demokratisieren". KI dürfe nicht nur ein Privileg derjenigen sein "die über das meiste Kapital, die meisten Daten oder den besten Zugang verfügen". Die USA und China investierten massiv in KI, während die europäische Debatte zu stark von Skepsis und Zurückhaltung geprägt werde. "Bei KI sind wir Optimisten", betonte Höttges. "KI ist für uns ein riesiges Geschenk." Wichtig sei allerdings, die Kontrolle über Daten und Prozesse in die Hand zu bekommen.

Beim Kongress "Digital X Köln" der Deutschen Telekom diskutierten Experten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die digitale Zukunft. Im Fokus standen Chancen und Herausforderungen durch KI.