Die Kabine ruckelt an, dann zieht das Panorama vorbei: Unter den Passagieren glitzern die Bucht von Botafogo und die Strände der Copacabana. Es ist genau die Kulisse, der Regisseur Lewis Gilbert 1979 im Bond-Klassiker "Moonraker" ein Denkmal setzte - als 007 auf der Gondel den legendären Kampf mit dem Hünen "Beißer" ausfocht. Doch die berühmte Seilbahn ist nicht nur Kinogeschichte, sondern auch deutsche Industriegeschichte.
Erbaut wurde das "Bondinho" nämlich Anfang des 20. Jahrhunderts von der Kölner Firma J. Pohlig. Gut 200 Jahre ist es her, dass die ersten größeren Gruppen deutschsprachiger Einwanderer im Süden Brasiliens ankamen. Ab 1824 entstand in São Leopoldo die erste deutsche Kolonie; in den Jahrzehnten darauf folgten ländliche Siedlungen in Bundesstaaten wie Rio Grande do Sul und Santa Catarina.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wanderten geschätzt über 220.000 Menschen aus dem Hunsrück, aus Westfalen, aus Pommern und Sachsen, Baden und Württemberg ein - auf der Flucht vor Armut oder auf der Suche nach religiöser und wirtschaftlicher Freiheit. "Was diese Migration so besonders macht, ist ihre dauerhafte Präsenz", sagt die Historikerin Karen Macknow Lisboa von der Universität São Paulo dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Denkmal für einen evangelischen Pfarrer
"Die Menschen kamen nicht als temporäre Arbeiter, sie kamen, um zu bleiben. Sie brachten ihre Sprache, ihre Architektur und ihren protestantischen Glauben mit und prägten ganze Landstriche über Generationen hinweg." Einer von ihnen war der württembergische Pfarrer Paul Aldinger aus Heutingsheim (Landkreis Ludwigsburg). 1901 kam er in die Urwaldkolonie Hansa Hammonia, das heutige Ibirama. Über zweieinhalb Jahrzehnte lang baute er dort ein Schulwesen auf, hielt Predigten im Urwald und legte 1917 den Grundstein für die Martin-Luther-Kirche.
Unter seiner Regie wuchs die winzige Siedlergemeinde auf 6.000 evangelische Mitglieder an. Doch das vermeintlich heile Bild vom Fachwerk im Tropenwald hatte Schattenseiten. "Die Siedler trafen nicht einfach nur auf unberührte Natur", erklärt Lisboa. "Wo Wälder gerodet und Höfe gebaut wurden, verdrängte man die indigene Bevölkerung. Der Neuanfang der einen bedeutete für die anderen den Verlust ihrer Heimat."
Bis zu sieben Millionen Nachfahren
Auch das Verhältnis zum brasilianischen Staat war nicht konfliktfrei. In den 1930er und 1940er Jahren setzte die nationalistische Regierung unter Getúlio Vargas auf eine drastische "Brasilianisierung" des Landes. Aus Furcht vor deutschen Parallelgesellschaften und mit dem Kriegseintritt Brasiliens an der Seite der Alliierten 1942 griff das Regime hart durch: Der öffentliche Gebrauch der deutschen Sprache wurde verboten, Zeitungen zensiert oder geschlossen, Schulen unter staatliche Kontrolle gestellt und das blühende deutsche Vereinsleben zerschlagen.
Die gewaltsame Assimilation zielte darauf ab, das isolierte Deutschtum im Urwald aufzulösen. Das hinterließ bei vielen Familien tiefe Narben. Erst in den Nachkriegsjahrzehnten wuchs eine neue Generation heran: Aus den einst isolierten Siedlern wurden voll integrierte Deutsch-Brasilianer. Heute schätzt man die Zahl ihrer Nachfahren auf bis zu sieben Millionen Menschen. Das deutsche Erbe reicht von der Tradition bis in die Hochtechnologie.
Während das jährliche Oktoberfest in Blumenau als zweitgrößtes Bierfest der Welt nach dem Münchner Original gefeiert wird, stieg das Finanzzentrum São Paulo zur heimlichen Hauptstadt der deutschen Wirtschaft auf: Mehr als 800 deutsche Unternehmen haben sich hier niedergelassen - so viele wie an kaum einem anderen Standort außerhalb Europas.
Doch das eigentliche Vermächtnis dieser zwei Jahrhunderte lasse sich weder in Festzelten noch in Bilanzen messen, sagt Historikerin Lisboa. Es liege vielmehr in einer Haltung, die sich von den Tropenwäldern des Südens bis zurück an die Bucht von Rio zieht. "Die deutschen Einwanderer haben Brasilien nicht zu einer Kopie ihrer Heimat gemacht", sagt sie. "Sie wurden Teil einer vielschichtigen Migrationsgesellschaft, die sich bis heute immer wieder neu erfindet."




