TV-Tipp: "Tiroler Blut: Am Abgrund"

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15. Oktober, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tiroler Blut: Am Abgrund"
Eine junge Frau stirbt unter mysteriösen Umständen, eine Million Euro Lösegeld wird gefordert. Chefinspektorin Fanny Gruber stößt auf geheime Geschäfte, gekaufte Bürgerproteste und einen Immobilienmanager, dessen grünes Image trügt.

Zumindest hierzulande wissen vermutlich nur wenige Menschen, was sich hinter "Astroturfing" verbirgt. Der Anglizismus steht für die aus bloßer Denkfaulheit resultierende Unsitte, mitsamt den in der Regel aus den USA importierten Missständen auch die entsprechenden Bezeichnungen zu übernehmen. "AstroTurf" ist der Markenname eines vor sechzig Jahren entwickelten Kunstrasens, der zum Prototypen für weitere Produkte dieser Art wurde.

Wurzeln im klassischen Sinn hat dieses "Gras" natürlich nicht, weshalb der davon abgeleitete Begriff "Astroturfing" umso cleverer ist. Er bezeichnet eine Form von Manipulation, die einem Unternehmen den Anschein von beispielsweise ökologischer Seriosität geben soll: Perfide PR-Strategen täuschen eine "Graswurzelbewegung" vor, also einen Protest aus der Bevölkerung heraus, etwa in Gestalt einer Bürgerinitiative. Können deren Argumente entkräftet werden, hat das Unternehmen den perfekten Persilschein.

Was nach Stoff für eine investigative Reportage klingt, ist dank des Drehbuchs von Grimme-Preisträger Christian Jeltsch ein Krimi, in dem es vordergründig um einen ganz anderen Fall geht, und das buchstäblich. "Am Abgrund", der zweite Film mit Ursula Strauss als Chefinspektorin der Innsbrucker Kriminalpolizei, beginnt mit einem Sturz in die Tiefe: Eine junge Frau nutzt den Trubel einer Firmenfeier, um heimlich brisante Dokumente zu kopieren, wird jedoch erwischt und ist kurz drauf tot.

Vier Monate später kehrt Fannys Tochter Anna von einer Weltreise zurück. Clara war ihre beste Freundin, deren Vater (Martin Leutgeb) überlässt ihr das digitale Tagebuch der Tochter. Anna hat zwar anders als ihre Mutter und ihr Bruder keinerlei Ambitionen, dem großväterlichen Vorbild nachzueifern und in den Polizeidienst zu gehen, aber was sie in den Videos entdeckt, lässt sie vermuten, dass Claras Tod kein Unfall war.

Diese Ebene ist der Kern der Handlung, doch ihr Motor ist die Entführung von Emily Renner. Ihr Vater, Benedikt Renner (Cornelius Obonya), ist ein einflussreicher Immobilien-Manager, der als Visionär gepriesen wird: Er will Tourismus und Nachhaltigkeit miteinander versöhnen und ist zum "Tiroler des Jahres" gewählt worden.

Die Kidnapper wollen eine Million Euro, aber in Wirklichkeit geht es ihnen um geheime Unterlagen, die offenbaren, dass Renner gemeinsam mit der Regionalbank eine je nach Perspektive clevere oder miese Masche entwickelt hat, um günstig Hotels zu erwerben. Davon ist auch Claras Vater betroffen, der Renner dennoch als seinen "Retter" bezeichnet.

Martin Leutgeb verkörpert diesen Mann, der doppelt und dreifach zur tragischen Figur des Films wird, mit einer Intensität, die ihm ganz im Gegensatz zu Renner von Anfang an viel Mitgefühl garantiert. Fanny Gruber hat ohnehin das Gefühl, dass der Manager ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt. Er selbst hätte wohl auch nicht die Polizei informiert, das war die Initiative seiner Frau, Emilys Stiefmutter.

Die Besetzung Renners mit Cornelius Obonya ist ein früher Fingerzeig: Der Wiener spielt in deutsch-österreichischen Krimis stets Männer, die mindestens zwielichtig, meistens verdächtig und oft genug Schurken sind. Renners Verhalten ist zwar tendenziell unsympathisch, doch sein Poltern ist nachvollziehbar: Er bangt um das Leben seiner Tochter, aber die Polizei tappt im Dunkeln.

Bei seinen Komplizen ist dagegen von vornherein klar, dass sie Dreck am Stecken haben. Das gilt vor allem für den Wortführer von "Zukunft Tirol", jener Bürgerinitiative, die Renners Vision "im Einklang mit Klima und Natur" öffentlich in frage stellt, insgeheim aber von ihm finanziert wird; und doch ist diese Form von Informationskorruption nur ein Detail seiner durchtriebenen Machenschaften.

Dass "Am Abgrund", der zweite Film aus der neuen ARD-Reihe "Tiroler Blut", durchgängig fesselt und insgesamt dichter wirkt als der erste (Regie führte erneut Matthias Tiefenbacher), liegt neben der interessanten Handlung nicht zuletzt am darstellerischen Kräftemessen zwischen Obonya und Ursula Strauss. Sie versieht ihre Rolle mit einer Süffisanz, die der erfolgsverwöhnte Manager als pure Provokation empfinden muss.

Als Glücksgriff erweist sich auch Allegra Tinnefeld, die als Anna viel frischen Wind nicht nur in die familiären Szenen bringt. Julia Novohradsky ist als einsame Tochter eines immens erfolgreichen Mannes ebenfalls sehr präsent. Die verschiedenen Verhältnisse zwischen Vätern und Töchtern bilden ohnehin eine Art roten Faden des Drehbuchs, zumal mit Zoe Moore im letzten Drittel eine weitere junge Mitwirkende für eine überraschende Wende der Geschichte sorgt.