Käßmann: Menschen in Afghanistan tun mir "unendlich Leid"

Margot Käßmann
epd-bild/Norbert Neetz
Noch heute warteten Menschen aus Afghanistan im Nachbarland Pakistan, dass Deutschland endlich seine Schutzzusagen für sie in Taten umsetze, kritisiert Margot Käßmann in einem Interview.
5 Jahre nach Taliban-Übernahme
Käßmann: Menschen in Afghanistan tun mir "unendlich Leid"
2021 zogen westliche Staaten ihre Truppen abrupt aus Afghanistan ab, die Taliban erlangten erneut die Macht in dem Land am Hindukusch. Seither hat sich die Lage für viele Menschen, vor allem Frauen, verschlechtert, kritisiert die Theologin Käßmann.

"2021 war der traurige und für viele tödliche Endpunkt einer militärischen Aktion, die all die Menschen vor Ort doch gar nicht im Blick hatte. Besser geworden ist in Afghanistan jedenfalls nichts. Und die Menschen dort, vor allem die Frauen tun mir unendlich leid", sagt die evangelische Theologin Margot Käßmann dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND, Samstag)".

Der Abzug aus Afghanistan sei chaotisch gewesen, habe Menschenleben gekostet und die alten Machthaber mit den zurückgelassenen Waffen neu ermächtigt, kritisiert Käßmann. Noch heute warteten Menschen aus Afghanistan im Nachbarland Pakistan, dass Deutschland endlich seine Schutzzusagen für sie in Taten umsetze.

"Das ist doch beschämend für Deutschland", sagt die frühere hannoversche Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Käßmann war 2010 für eine Predigt scharf kritisiert worden, in der sie gesagt hatte: "Nichts ist gut in Afghanistan". Dem RND sagt sie, sie würde sie genauso wieder halten. Der Westen habe die Menschen in Afghanistan während des Engagements über 20 Jahre nicht ausreichend in den Blick genommen. Mit der Bevölkerung sei kein konstruktiver Friedensprozess gestaltet worden.

"Kommt nicht mit Soldaten"

Für die Theologin liegt die wichtigste Lehre des Einsatzes darin, Menschen vor Ort stärker einzubeziehen. "Kommt nicht mit Soldaten, Gewehren und Panzern von außen und erklärt Menschen, was gut für sie ist."

Am 15. August 2021 hatten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen. Die Bundesregierung erkennt die Taliban-Regierung zwar nicht an, unterhält aber "technische Kontakte", um nach Afghanistan abschieben zu können. Laut den Vereinten Nationen benötigt fast jeder zweite Mensch in Afghanistan humanitäre Hilfe. Auch die Menschenrechtslage in dem Land am Hindukusch hat sich in den fünf Jahren Taliban-Herrschaft massiv verschlechtert - vor allem für Frauen und Mädchen.