Wie kann Kirche lebendig bleiben? Ein neues Studienangebot in Halle will genau das erkunden. Das einsemestrige Kontaktstudium richtet sich an Menschen aus der kirchlichen Praxis. Im Seminarraum geht es um neue Perspektiven christlichen Empowerments in einer Kirche, die ihre Rolle neu findet. "So geht es nicht weiter, wir brauchen neue Impulse". Mit diesen Worten umschreibt Theologin Hanna Kauhaus die Motivation der Studierenden, die das von Michael Domsgen, Felix Eiffler und ihr begleitete sommerliche Studiensemester an der Uni absolviert haben. Die ersten Teilnehmenden waren ein Gemeindepädagoge und vier Pfarrer:innen.
Gemeindepädagoge Andreas Hoenke nahm sich für das Studium ein Sabbatical. "Aus meiner Zeit in Halle nehme ich vor allem die Überzeugung mit, dass Christliches Empowerment in der Säkularität keine theoretische Haltung bleiben darf, sondern strukturell gelebt werden muss." Seine zweite Einsicht umschreibt er mit den Worten: "Ich plädiere für Arbeit in multiprofessionellen Teams. Kirche wird dann relevant, wenn sie Menschen nicht belehrt, sondern befähigt, mit verschiedenen Kompetenzen zusammenkommen."
Hoenke wollte beim Studieren vor allem sein Wissen vertiefen, neue kirchliche Arbeitsansätze finden, persönliche und berufliche Identität stärken und gleichzeitig Soft-Skills wie Teamarbeit und Projektmanagement herausbilden. "Mein Sabbatical wurde ein Zeitraum, in dem ich mich frei von alltäglichen Routinen mit meinen Qualifikationen, Begabungen und Visionen auseinandersetzen konnte." Gelohnt habe sich die Teilnahme. "Meine Grundhaltung hat sich bestätigt und wurde gestärkt: Die ständige Veränderung ist die einzig verlässliche Größe." Diese Haltung drückt Hoenke sogar durch seine Kleidung aus. "Gewöhn dich an anders!", habe auf seinem T-Shirt gestanden, dass er zu seiner Uni-Zeit trug, erzählt er. "Diese vier Worte fassen für mich die gesamte Kontaktsemesterzeit zusammen: eine Einladung, das Gewohnte zu hinterfragen, Neues zuzulassen und sich auf Veränderungen einzulassen."
"Es gibt kein Kochrezept für alle Gemeinden"
Fertige Lösungen werden in dem Studium nicht angeboten. Kauhaus: "Es geht darum, sich mit Konzepten auseinanderzusetzen. Was bedeutet eigentlich Säkularität? Was bedeutet Empowerment?" Es gehe darum, eine neue Perspektive auf die eigene Gemeinde und das kirchliche Umfeld zu gewinnen und daraus eigene Ansätze zu entwickeln. "Wie kann ich vielleicht eine neue Perspektive gewinnen auf das, was in meiner Gemeinde passiert oder in meinem Umfeld oder in meiner Kirche und wie kann ich selber Ansätze finden, etwas zu tun?"
Als Beispiel für gelungenen Strukturwandel nennt Wissenschaftlerin Kauhaus das Projekt "Kirche rBOOT" in Sachsen-Anhalt. Ein Pfarrer habe dort mit seinen verschiedenen Kirchen, Gemeinden und Dörfern daran gearbeitet, Gottesdienst bewusster zu gestalten, unterschiedliche Profile für die einzelnen Dörfer zu entwickeln und auch bewusst nicht-kirchliche Ehrenamtliche etwa in die Pflege des Friedhofs einzubeziehen. Kauhaus ordnet das Beispiel ein: "Das ist ein Strukturwandelbeispiel, das ich ganz gut finde, aber das total im individuellen Kontext zu sehen ist." Ein Kochrezept für alle Gemeinden gebe es nicht, betont sie.
Auch bei neuen Ritualen sieht Kauhaus Potenzial. In Halle sind das vor allem die Lebenswendefeiern, die die Kontaktstudierenden direkt miterleben konnten. Kauhaus beschreibt sie als "so eine Art dritter Weg oder dritte Form zwischen Konfirmation und Jugendweihe". Anders als bei der Konfirmation gibt es dabei kein Bekenntnis und keine Verpflichtung: "Es geht irgendwie um Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden, es geht um Rückblick, es geht um Freundschaften, es geht um: Was will ich eigentlich im Leben?" Vorbereitet wird das in gemeinsamen Treffen mit kirchlichen Mitarbeitenden, gefeiert wird in der Kirche, mit einem Segen als spirituellem Element. Zu den Zahlen sagt Kauhaus: Pro Jahr gebe es in Halle etwa 150 Konfirmationen und ähnlich viele Jugendweihen, dem stünden rund 800 Lebenswendefeiern gegenüber. Für das Konzept dahinter verwendet sie den Begriff Kasualdiakonie: "Es ist eben nicht ein christliches Ritual im engeren Sinn, sondern wir helfen den Leuten oder dienen ihnen mit unserer Ritualkompetenz, was Gutes für ihr Leben zu haben." Dabei kämen die Menschen dennoch in Kontakt mit Kirche.
Weg von der "Ich-mache-alles-selber-Rolle"
Bei aller Offenheit für Neues will Kauhaus jedoch einen behutsamen Umgang mit Bestehendem fördern. Sie unterscheidet zwei Wege: Verändert man etwas, das es schon lange gibt, sei das zwar oft nötig, aber auch riskant. "Zum Beispiel der Sonntagsgottesdienst, den es schon immer gab. Wenn der plötzlich verändert wird, besteht die Gefahr, dass die bisherigen Besucher danach wegbleiben, und vielleicht kommen trotzdem keine neuen." Hier sei es wichtig, die treuen Gemeindeglieder in die Veränderungen einzubeziehen. Der zweite Weg bestehe darin, Neues hinzuzufügen, ohne das Alte anzutasten: "Wenn man innovative Sachen daneben setzt, ohne das Alte dafür erst mal aufzugeben. Das ist toll, hat aber natürlich auch Grenzen." Genau nach diesem Prinzip arbeiten die Erprobungsräume der mitteldeutschen Kirche, sagt Kauhaus: "Innovative Aufbrüche zu fördern und zu unterstützen, die Leute neben dem machen, was ohnehin besteht."
Welche Rolle spielen dabei Ehrenamtliche? Kauhaus hat hier eine klare Linie. "Im Prinzip würde ich sagen, da gibt es erst mal nichts, was Ehrenamtliche nicht machen können", sagt sie. Angesichts von weniger Personal, weniger Mitgliedern und weniger Geld hält sie eine stärkere Verantwortungsübernahme durch Ehrenamtliche für die Zukunft von Gemeinde für entscheidend und für etwas, das man nicht erst beginnen sollte, wenn das Personal schon fehlt: "Damit erst anzufangen, wenn das Personal schon nicht mehr da ist, ist eigentlich zu spät." Dafür brauche es einen Rollenwechsel bei den Hauptamtlichen, weg von der "Ich-mache-alles-selber-Rolle", hin zu einer Trainer- und Coachrolle.
Das bestätigt auch Student auf Zeit Hoenke. "Kirche wird in der Säkularität lebendig und relevant bleiben, wenn sie Menschen stärkt und befähigt, statt sie zu belehren. Durch Teilhabe wird Gemeinschaft neu ermöglicht." In den Gesprächen, die er als Gemeindepädagoge führt, will er ergründen: "Was für einen Bedarf gibt es eigentlich, was wird benötigt, wo liegen die Sehnsüchte, Wünsche, Befürchtungen. Nur so können wir Formate entwickeln, die lebendig und relevant bleiben – und Kirche nicht als Institution, sondern als Raum der Ermächtigung erlebbar machen."
Kauhaus forscht selbst zu Ehrenamtlichen und hat dazu viele Interviews in unterschiedlichen Landeskirchen geführt. Ein Beispiel, das sie erzählt: Ein Vater, dessen Kinder eine evangelische Kita besuchten, und der sich wünschte, dass die Kita-Eltern mehr Kontakt zur Kirche bekommen. Er organisierte als Ehrenamtlicher ein Eltern-Kind-Wochenende mit Zeltlager. Die Gemeinde unterstützte ihn dabei unkompliziert: "Wir geben dir 2.000 Euro dazu, mach das mal, das wird gut." Wichtig war für den Vater dabei vor allem eines: "Die haben eben nicht gesagt, da muss ein Pfarrer mitfahren, sonst fördern wir das nicht." Die Initiative sei nicht von einer Pfarrperson ausgegangen, sondern von jemanden, der selbst gestalten wollte. So entstehe Schritt für Schritt das Empfinden: "Wir sind Gemeinde, wir machen Gemeinde".
Wie eine Gemeinde herausfindet, was die Menschen vor Ort überhaupt wollen, dazu hat Kauhaus einen konkreten Vorschlag. Zunächst bei denen ansetzen, "die auch Lust haben, etwas zu gestalten", zum Beispiel mit einem offenen Aufruf im Gemeindeblättchen: "Wer hat Lust, sich mal zusammenzusetzen und zu überlegen, was wir im nächsten Jahr machen?"
Wichtig sei, dass ein solcher Aufruf wirklich offen ist, "dass nicht immer nur dieselben drei machen, die schon im Kirchenvorstand sind und sowieso alles machen". Welcher Kommunikationskanal sich dafür eignet, hängt aus ihrer Sicht vom jeweiligen Kontext ab: "Ob man das Kirchenblatt als Kommunikationskanal wählt oder ob man sagt, wir machen einen tollen Schaukasten, oder wir gehen in die Zeitung, oder wir versuchen es über Social Media." Entscheidend sei, überhaupt Kommunikationskanäle zu haben und sie "gut zu bespielen", um mit einer größeren Breite von Menschen in Kontakt zu kommen und diese Offenheit "ein Stück über den Kirchenvorstand und die paar, die sowieso schon super engagiert sind und alles machen, irgendwo hinauszukommen".
Und welche Rolle spielt das Evangelium in all dem? "Evangelium ist ja das Gute von Gott, womit die Menschen in Kontakt kommen sollen", sagt sie. Statt fester Formeln beschreibt sie eine Haltung des Suchens: "Wo haben Leute heute Not, wo brauchen sie Gott und Geschwister in ihrem Leben? Da gehen wir auf die Suche." Das Evangelium solle "etwas sein, das Menschen Kraft gibt und sie aufrichtet." Sie sei als Lutheranerin selbst durch eine bestimmte Brille geprägt, sagt Kauhaus, andere hätten eben andere Brillen auf. "Wir müssen uns nach diesem Reichtum an Spiritualität ausstrecken."
Weitere Informationen: Das "Kontaktstudium Kirche in der Säkularität" ermöglicht pastoralen Mitarbeitenden für ein Semester an die Uni zurückzukehren und sich mit den großen Fragen von Säkularität und Empowerment auseinanderzusetzen. Das Kontaktstudium wird von der Theologischen Fakultät der Universität Halle (Saale) und dem Forschungszentrum "Christliches Empowerment in der Säkularität" (CES) getragen und von Prof. Dr. Michael Domsgen verantwortet. Das nächste Semester steht an. Bewerbung bitte mit Lebenslauf und Motivationsschreiben bis 31. Dezember an ces@theologie.uni-halle.de.



