Die evangelische Kirche ist unter Druck. Das kann man überall lesen und hören. Sie verliert Mitglieder. Sie sei nicht mehr relevant. Sie passe sich zu sehr dem Zeitgeist an. Sie habe sich von ihrem christlichen Auftrag entfernt. Und wenn wieder eine Pfarrerin etwas sagt, das einem nicht gefällt, eine Regenbogenflagge am Gemeindehaus hängt oder die Kirche sich politisch äußert, lautet das Urteil in manchen Debatten schnell, dass diesem "Verein" ein Denkzettel verpasst gehört. Austreten und Kirchensteuer sparen.
Als Redakteurin bei evangelisch.de, die keine Theologin ist, erlebe ich prinzipiell viel positives Feedback unserer Leser:innen zur Kirche. Natürlich ist mir bewusst, dass andererseits einiges an der Kritik berechtigt ist. Schließlich ringt die evangelische Kirche mit ihren Strukturen, schrumpfenden Ressourcen und der Frage, wofür sie eigentlich stehen will. Nicht jede kirchliche Stellungnahme überzeugt.
Aber ist sie deshalb schwach? Diese Frage beschäftigt mich gerade auch deshalb, weil sich unser Bild von Stärke verändert. Wir erleben Politiker:innen, die mit Härte auftreten, Gegner:innen herabsetzen und Zweifel als Schwäche erscheinen lassen. Lautstärke wird mit Durchsetzungsfähigkeit verwechselt, Rücksichtslosigkeit mit Entschlossenheit. Wer keine Unsicherheit zeigt, der wirkt stark. Wer dagegen differenziert, muss sich rechtfertigen.
Doch unsere Kirche setzt diesem Verständnis von Stärke etwas entgegen. Ihre Stärke zeigt sich oft im Stillen, dort, wo Menschen nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen. Diese Menschen aber tun wirklich Gutes. Sie begleiten Trauernde, sind für diejenigen da, die nicht mehr weiterwissen, helfen Geflüchteten oder schenken Einsamen ihre Zeit. Ehrenamtliche kümmern sich. In Beratungsstellen, Hospizen und diakonischen Einrichtungen stehen Menschen anderen zur Seite. Pfarrer:innen, Kirchenmusiker:innen und viele andere gestalten mit Herzblut Gottesdienste und Gemeindeleben.
Vieles davon ist unspektakulär. Wer helfen will, sucht nicht unbedingt das Licht der Öffentlichkeit, sondern tut dies oft bescheiden. Kirche ist nicht nur das, was ein Pfarrer sagt, eine Synode beschließt oder eine Pfarrerin auf Social Media schreibt. Kirche sind Millionen Menschen mit sehr unterschiedlichen Überzeugungen. Wer in ihr sucht, kann konservative und progressive Gemeinden finden, politische und zurückhaltende, traditionelle Gottesdienste und neue Formen, große Kirchen und kleine Gemeinschaften. In dieser Vielfalt können Menschen unterschiedliche Orte für ihren Glauben finden.
Diese Vielfalt kann anstrengend sein. Eine evangelische Kirche, in der über Glauben, Politik und Gesellschaft gestritten wird, produziert Widersprüche. Und vielleicht liegt genau hier ein Problem, das über die Kirche hinausgeht. Wie viel Widerspruch halten wir denn selbst noch aus?
Wir sehen eine Regenbogenflagge und meinen, die ganze Kirche zu kennen. Wir hören einen Satz einer Pfarrperson und urteilen über Millionen evangelische Christ:innen. Wir erleben eine politische Stellungnahme, die uns ärgert, und stellen die gesamte Institution infrage. Aus Enttäuschung wird erstaunlich schnell Ablehnung. Dabei funktioniert Gemeinschaft anders. Wer Gemeinschaft nur danach beurteilt, ob sie jederzeit die eigenen Überzeugungen bestätigt, wird sich irgendwann in keiner Gemeinschaft mehr zu Hause fühlen.
Niemand sollte berechtigte Kritik herunterschlucken. Die evangelische Kirche muss sich fragen lassen, wo sie Menschen und deren Vertrauen verloren hat. Sie muss sich auch fragen lassen, wo ihre Sprache, ihre Strukturen oder ihre Entscheidungen Menschen nicht mehr erreichen. Aber sie darf sich ebenso ihrer Stärke bewusst sein. Vielleicht besteht diese Stärke gerade nicht darin, auf jede Provokation mit einer noch lauteren Antwort zu reagieren. Christliche Stärke bemisst sich nicht daran, wer sich durchsetzt. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht kein erfolgreicher Sieger nach den Maßstäben der Welt, sondern Jesus!
Eine Kirche, die Menschen beisteht, wenn sie schwach sind, die Schuld eingestehen kann, die Widerspruch aushält und trotzdem Gemeinschaft versucht, ist keine schwache Kirche. In einer Zeit, in der Stärke immer häufiger mit Härte verwechselt wird, liegt gerade darin ihre besondere Kraft. Die evangelische Kirche muss Vertrauen zurückgewinnen und deutlicher sagen, wofür sie steht. Aber zu schwach für unsere Zeit? Ich glaube eher: Unsere Zeit braucht dringend eine Kirche, die zeigt, dass Stärke auch anders aussehen kann.



