Spielt ein Fernsehfilm im Ausland, stellt sich jedes Mal aufs Neue die gleiche Frage: Wie lösen wir das Sprachproblem, wenn Deutsche nach England oder Frankreich reisen? Weil ARD und ZDF ihr Publikum freitags im "Ersten" und sonntags im "Zweiten" nicht durch Untertitel verschrecken wollen, sprechen alle Beteiligten Deutsch. Das hat jedoch zur Folge, dass sich die Einheimischen auch untereinander nicht in ihrer Muttersprache verständigen, was regelmäßig etwas grotesk klingt; erst recht, wenn die deutschen Mitwirkenden wie in "Liebe am Meer" einen künstlichen französischen Akzent verwenden. Ein weiteres erhebliches akustisches Manko des Films ist die alle paar Minuten erklingende Pop-Dudelei; auch das eine Unsitte dieser Sendeplätze.
Davon abgesehen ist die Verfilmung des Romans "Mittwochs am Meer" von Alexander Oetker jedoch sehenswert, selbst wenn oder gerade weil Drehbuchautorin Birgit Maiwald aus dem Helden der Geschichte eine weibliche Hauptfigur gemacht hat. Morgane Ferru, als Sonnenschein in der ARD-Freitagsreihe "Praxis mit Meerblick" zwar sehr präsent, aber sträflich unterfordert, spielt eine Anwältin Anfang dreißig, die auf Gedeih und Verderb ihrer herrischen Mutter (Margarita Broich) ausgeliefert ist. Silvia Strack hat Lissi wieder bei sich aufgenommen, als die viel zu früh ein Kind bekommen hat.
Sie hat wie ihre Mutter Jura studiert und soll in deren Fußstapfen treten: Silvias Düsseldorfer Kanzlei ist auf Insolvenzverwaltungen spezialisiert. Die eigentliche Handlung trägt sich jedoch größtenteils in Cancale an der bretonischen Küste zu. Dort steht eine Austernzucht, die einem deutschen Konzern gehört, vor der Pleite. Weil sich Silvia, kaum eingetroffen, am Fuß verletzt und wieder heimkehren muss, wittert Lissi ihre Chance: Wenn es ihr gelingt, die Aufgabe zur Zufriedenheit des Auftraggebers zu erledigen, kann sie sich endlich von der nie mit ihr zufriedenen Mutter emanzipieren.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Schon der Auftakt lässt erahnen, dass sich die Dinge in eine andere Richtung entwickeln werden: Der Autofahrer, der indirekt Silvias Verletzung verschuldet hat, wird dafür sorgen, dass Lissi die bretonische Lebensart lieben lernt; und ihn selbst natürlich auch. Alain (David Vormweg) ist als Koch jedoch nicht nur beruflich in die Austernzucht involviert, und deshalb fällt schließlich ein Schatten auf die Romanze: Onkel Victor (Filip Peeters), der Alain einst wie einen eigenen Sohn großgezogen hat, ist der Betriebsrat des Unternehmens. Er träumt von einer Selbstverwaltung durch die Belegschaft. Der Neffe soll ihn über Lissis Pläne auf dem Laufenden halten. Auf diese Weise ist er rechtzeitig informiert, als sich ein potenzieller Investor die Austernzucht anschauen will, und führt gemeinsam mit Büroleiterin Marianne (Susi Stach) eine Scharade auf, die den Mann umgehend die Flucht ergreifen lässt.
Christine Rogoll hat zuletzt fürs ZDF die überaus kurzweilige, pointenreiche und in perfektem Tempo umgesetzte Komödie "Plötzlich Schwester" gedreht. Ihr Freitagsfilm "Rosen und Reis" (beide 2026) war ähnlich bissig und nicht minder sehenswert. Gemessen daran wirkt "Liebe und Meer" wie ein Rückschritt. Andererseits handelt es sich um ein romantisches Drama, in dem inklusive eines Ausflugs nach Mont-Saint-Michel nicht zuletzt Land und Leute zur Geltung kommen sollen, und da die Regisseurin diese Vorgabe erfüllt, hat sie aus Sicht des Senders vermutlich alles richtig gemacht. Darüber hinaus erfreut "Liebe am Meer" vor allem durch die Arbeit mit dem Ensemble. Morgane Ferru und David Vormweg sind ein sehr überzeugendes Liebespaar. Margarita Broich spielt die strikt erfolgsorientierte, entsprechend herzlose und von den Einheimischen daher als "deutscher Drache" verunglimpfte Mutter fast schon unangenehm gut, weshalb Silvias Läuterung am Schluss prompt etwas unvermittelt kommt.
Sehr sympathisch ist auch der Einfluss der Nebenfiguren auf den Verlauf der Ereignisse. Marianne hat sich eine originelle Zweitverwertung für die ausrangierten Austernnetze einfallen lassen, weshalb Lissi schließlich eine ungewöhnliche Lösung für das Insolvenzproblem findet. Den entscheidenden Beitrag zur Rettung der Firma liefert jedoch ein anderer. Victor und sein bester Freund Serge (Anian Zollner), der das Unternehmen schon zweimal gerettet hat, haben sich nach dem Tod von Victors Frau zerstritten; nur deshalb ist die Austernzucht überhaupt in eine finanzielle Schieflage geraten. Der Grund für den Streit lässt sich zwar erahnen, aber der Schluss ist trotzdem schön, zumal Lissi in der Bretagne ihre wahre Bestimmung findet.



